The Unity Archiv

Toleranz ist Apartheid!!!
... - 16.5.2007 um 03:16

Mir ist ja in letzter Zeit etwas aufgestoßen, wenn sich hier Menschen in die Belange anderer einmischten, insbesondere, wenn dies aufgrund einer völlig willkürlichen Begebenheit passiert
(Siehe hierzu den "Zivilcourage"-Thread).

Und ich denke, dass das wirklich 'ne grundsätzliche Frage ist, bei der ich zumindest völlig andere Sichtweisen habe, wie auch der größere Rest der Unity.
Dazu mal ein paar Thesen:

Ich bin nicht tolerant!
Ich kann das Gequatsche nicht hören, wenn irgendwelche Leute sagen, sie seien tolerant.
Wer sagt das von Euch und was soll das heißen???
Kann ein einzelnes Wesen überhaupt tolerant sein?
Nur insofern, als ein einzelnes Wesen, etwas dulden kann. Also nur Sachen, die es selbst betrifft oder über die es eine Verfügungsgewalt hat.
Ich kann tolerieren, wenn ein Bewohner mir die Fresse einschlägt oder es eben nicht tolerieren und dem was anderes erzählen. Ich kann aber nicht tolerant gegenüber irgendwelchen Auffassungen sein. Die Auffassungen, die mich nicht betreffen, sind etwas völlig anderes als eine Sache, die mich direkt betrifft.
Wie kann ich z.B. tolerant gegenüber anderen Ansichten sein?
Kann ich nicht, solange die mich nicht betreffen. Ich kann 'ne andere Auffassung haben oder eben die gleiche oder mich kann das alles nicht interessieren. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Ich kann niemanden seine Meinung irgendwie verbieten, maximal kann ich mich gegen konkrete Handlungen aus den Auffassungen wehren, wenn sie meinen Einflussbereich betreffen, ansonsten gibt es dazwischen nix.

Tolerant kann nur derjenige sein, der die Gewalt hat, auch etwas zu unterbinden. Okay, hier könnte @Dian sagen, dass er diese oder jene Meinungen nicht mehr hören will und dann löschen. Das ist aber auch der einzige hier, der tolerieren kann, ansonsten ist das mal wieder so 'ne leere Worthülse in Deutschland.


So, was hat das jetzt mit dem Zivilcourage-Thread zu tun?

Ganz einfach:
Zeige ich diese Form der Zivilcourage, die dort von @étoile-filante gezeigt wurde, dann bin ich insofern erstmal intolerant, als dass ich sage, ich toleriere nicht, dass Migranten 12jährigen Mädchen für irgendetwas Geld anbieten und nutze meine bescheidenen Möglichkeiten, das zu verhindern.
So, und das heißt doch erstmal: Der eine nennt es Zivilcourage, der andere Intoleranz.

Und da stellt sich für mich nun die Frage, wo ordnet Ihr Euch ein?
Ab welcher Stelle geht mich irgendetwas an???

Das hat erstmal nix mit den politischen Aktionen oder sowas zu tun, natürlich unternehme ich gerne was gegen Menschen, die mich einschränken. Wenn es dazu gehört, deren Macht über mich einzuschränken, ist das okay und hat auch insofern was mit Intoleranz zu tun, als ich eben auch nicht will, dass mir jemand grundlos und ungefragt die Schnauze poliert. Aber ansonsten???

So, und jetzt kommt der Clou:
Letztendlich ist das das Prinzip der Apartheid, jede Bevölkerungsgruppe oder jeder einzelne kümmert sich um nix anderes, als um das, was ihn angeht, also ihn unmittelbar betrifft.
Natürlich hat das nix mit dem politischen System der Apartheid zu tun, dass eher was mit rassistischen Argumenten assoziiert wird, insbesondere, weil wir es mit Südafrika verbinden, das ja eindeutig auch rassistisch war.

Aber in was für einer Welt leben wir, wenn sich jeder anfängt, in das Leben anderer ungefragt einzumischen? Wenn wir jedem unterstellen, dass er zu blöd ist, seine Interessen wahrzunehmen und wir die Erlöser sind?

Für mich ist das Prinzip der Nichteinmischung auch die oberste Direktive. Und das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich mehr zu den NL immer tendiere anstatt nach Deutschland.
Mich würde jetzt mal interessieren, ob Ihr jemals über den Wert von Worten wie "Toleranz" oder "Zivilcourage" in diesem Zusammenhang nachgedacht habt, oder ob das wirklich ein Gedankengang ist, der sich einem erst erschließt, wenn man Spinoza oder Erasmus gelesen hat.
Irgendwie komm' ich mir in Deutschland, selbst sogar hier in der Unity, dabei immer wie ein versponnener Idiot vor, der sich nie mit dem Wertesystem hier arrangieren kann.

Sofern Ihr mir noch folgen konntet, sagt mal was dazu oder stellt Fragen.
Danke!


Boss - 16.5.2007 um 09:50

[QUOTE]Ich kann das Gequatsche nicht hören, wenn irgendwelche Leute sagen, sie seien tolerant.
Wer sagt das von Euch und was soll das heißen???[/QUOTE]

Leute wie ich zum Beispiel nicht wahr? :D
Ich würde sagen ich bin tolerant. Hoffe ich zumindest. Oder jedenfalls toleranter als der Rest der Leute aus meiner Umgebung.
Wie tolerant man letztendlich ist hängt auch von der eigenen Toleranzgrenze ab. Anhand von @ étoile-filantes Zilvilcourage sieht man, dass er es z. B. nicht toleriert wenn zwei Mädchen von nem Besoffenem angemacht werden. Hätte er aparthisch gehandelt würde er es im Umkehrschluss toleriert haben, dass die Mädchen angemacht werden weil er sich ja nicht eingemischt hätte. Also sind imho Apartheid und Toleranz zwei Paar Schuhe. Oder man kümmert sich nur noch um sein Zeug, dann ist es wirklich einfach tolerant zu sein.


dian - 16.5.2007 um 11:48

Zitat
Mich würde jetzt mal interessieren, ob Ihr jemals über den Wert von Worten wie "Toleranz" oder "Zivilcourage" in diesem Zusammenhang nachgedacht habt, oder ob das wirklich ein Gedankengang ist, der sich einem erst erschließt, wenn man Spinoza oder Erasmus gelesen hat.
Irgendwie komm' ich mir in Deutschland, selbst sogar hier in der Unity, dabei immer wie ein versponnener Idiot vor, der sich nie mit dem Wertesystem hier arrangieren kann.

Also ich müsste schon lügen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass ich deine Gedankengänge zu diesem Thema uneingeschränkt nachvollziehen kann.
Vor allem, weil mir bislang noch niemand begegnet ist, der das Apratheid-Regime in Südafrika ernsthaft mit dem Toleranz-Gedanken in Verbindung gebracht hat.
Toleranz bedeutet für mich, den Neger neben mir im Bus sitzen zu lassen, auch wenn ich ihn vielleicht für einen Untermenschen halte. Oder es in Ordnung zu finden, dass mein Kind schwul ist, auch wenn ich selber ein überzeugter Hetero bin.
Toleranz bedeutet, Verständnis für Menschen aufzubringen, mit denen ich nicht unbedingt einer Meinung bin.
Wirklich gefährlich wird der Toleranz-Gedanke meiner Meinung nach nur dann, wenn man alles und jeden toleriert (auch den alkoholisierten Vater, der gerade sein Kind verprügelt.) Also man muss auch in der Lage sein, irgendwann intolerant zu sein... denn wenn der Klügere immer nachgibt, regieren bekanntlich die Dummen die Welt.
Das ist aber auch schon das Einzige, was mir dazu an Negativem einfallen würde.

Zitat
Aber in was für einer Welt leben wir, wenn sich jeder anfängt, in das Leben anderer ungefragt einzumischen? Wenn wir jedem unterstellen, dass er zu blöd ist, seine Interessen wahrzunehmen und wir die Erlöser sind?

Also ich unterstelle sehr vielen Menschen, dass sie zu blöd dazu sind, ihre Interessen wahrzunehmen, bzw. überhaupt erst mal hinter die Matrix zu schauen und zu erkennen, was wirklich ihre Interessen sind und welche Interessen man ihnen nur eingeredet hat. :D
Trotzdem bin ich so tolerant, sie weiterleiden zu lassen, wenn sie nicht erlöst werden wollen.
Es ist wohl auch eine Frage der Definition.
Was bedeutet "Intoleranz" für dich?
So wie du es definierst, ist jeder intolerant, der sich in Dinge einmischt, die ihn persönlich nicht direkt betreffen. Das kann auf einen Lebensretter, der eine schlafende Oma aus einem brennenden Haus holt, genauso zutreffen wie auf einen Rassisten, der einen Molotovcocktail ins Asylbewerberheim schmeißt. Also kann man im Prinzip auch gleich sagen, dass von ein paar Autisten und Geistig Behinderten abgesehen so ziemlich jeder Mensch intolerant ist... zumindest jeder, der mit anderen interagiert und sich nicht komplett aus der Gesellschaft zurückzieht.
Mag ja auch sein, dass du damit Recht hast. Trotzdem sollte man irgendein Maß haben, um den intoleranten Lebensretter vom intoleranten Brandstifter moralisch unterscheiden zu können. Denn auch wenn sich beide ungefragt in die Belange anderer Leute einmischen, ist da ja wohl ein gewisser Unterschied in der Absicht erkennbar... weshalb ich dann doch dazu neigen würde (auch wenn deine Argumentation rein logisch betrachtet sicherlich nachvollziehbar ist), den Nazi als intolerant zu bezeichnen, den Lebensretter aber eher nicht (zumindest nicht, so lange er sich nichts anderes zu schulden kommen lässt als das Eindringen in die Privatsphäre eines Menschen, um diesen vor dem Verbrennungstod zu bewahren.)


Hansi - 16.5.2007 um 14:15

ok, da ich mir darüber noch nie sooo wirklich ernsthaft gedanken drüber gemacht habe und feststellen musste, dass toleranz immer noch als "guter" und ehrenwerter begriff in meinem hirn verankert ist, hab ich jetz ne ganze weile mit @xoc über die sache gelabert. wir kamen zum schluss, dass @arne mit der aussage "zivilcourage = intoleranz" recht hat. denn ich glaube viele machen den fehler intoleranz als negativ behafteten begriff zu sehen. genau definiert bedeutet es aber lediglich, dass ich etwas nicht dulde. das können millionen verschiedene sachen sein. wenn ich mich z. b. einmische, wenn ich beobachte wie ein mensch einen anderen zu erstechen versucht, dann dulde ich keinen mord und bin dem entsprechend intolerant gegenüber mord. ob ich das dann positiv oder negativ beurteile, ist dann natürlich wie immer relativ. und somit komme ich auch zu dem schluß, dass zivilcourage eine von der gesellschaft vorgeschriebene und für "gut" befundene sache ist, so wie viele andere moralische wertevorstellungen. somit kommt man mal wieder zum schluss: alles relativ.

bei der aussage "toleranz = apartheid", geb ich @arne aber nicht recht. apartheid bedeutet ja trennung oder auch gesondert. toleranz bedeutet, dass ich etwas dulde. nehmen wir mal das bsp. in südafrika. da wurden weiße und schwarze getrennt, einfach weil eine partei die andere nicht geduldet hat (oder eigentlich haben sich beide partein gegenseitig nicht geduldet), somit war dort keine toleranz vorhanden.


Kebap - 16.5.2007 um 14:17

Wenn man keine Toleranz erreichen kann, sollte man zumindest Höflichkeit anstreben.


Soulmirror - 16.5.2007 um 17:24

keine toleranz für intolerante! schöner einstieg hehe.

also wieso man da auf wörter wie toleranz/intoleranz kommt erschließt sich mir jetzt nicht so, aber naja. das jeder mensch auch wenn er sich gerne tolerant schimpft, wohl meißt intolerant ist, wissen ja die meißten die mal ihre eigene toleranz hinterfragt haben.
wie sagt man so schön, die freiheit des einen hört da auf wo die freiheit des andern beginnt. wenn dies halt der fall ist wenn irgendein besoffener MIGRANT (also ein russe und überhaupt ... vielleicht sollte man es nochmal erwähnen damits auch klar ist: ein russe!) zufälligerweise 2 kleine mädels anlabert und denen geld geben will (grundsätzlich selbstlos natürlich, weil ist ja russe und migrant und bestimmt ein netter umgänglicher typ) aber man selbst natürlich sofort die alarmglocken bimmeln hat und hingeht und mal fragt ob der typ die 2 belästigt oder sonstwas, dann würde ich mir doch denken, dass die 2 mädels die schon geschlechtsreif sind wahrscheinlich(!) sich über die kohle freuen und würden dann wohl sowas sagen wie "nö, ist alles in ordnung, kannst nun wieder gern intoleranter typ" und die sache wär gegessen.

aber nehmen wir mal ein anderes beispiel, auf ner demo packt ein bulle seinen prügel aus(den aus holz ;)) und fängt munter an draufzudreschen. MICH geht es nicht an wenn die erste reihe grad die fresse vollkriegt oder er sich einen einzelnen grad rausgepickt hat, aber wieso soll ich da zusehn und nichts tun? wieso soll ich vor dem unrecht die augen verschließen und mir denken "net mein bier, net mein pech"?

du hast ja selbst gesagt, dass es ok ist sich politisch aufzulehnen. aber tust du das alleine oder suchst du dir dafür gleichgesinnte und stärkst dich damit? und so sehe ich das eben auch jenseits der politischen aktion (wobei ich net weiß wieso die außen vor stehen soll). wenn ich mit 4 freunden oder so in der stadt wär und wir würden sehen wie 2 faschos einen zusammentreten und ich wär net mit 4 zwergen da, dann gäbs wohl rambazamba und ich weiß net wie man da dann sagen kann "ich greif da net ein, wer weiß ob der typ es net verdient hat grad sein gesicht zermatscht zu kriegen".

ich finde es geht bei solchen sachen eben auch oft um machtmissbrauch, eben der besoffene vater der sein kind verprügelt, der prügel bulle, die nazi arschlöcher und zu guter letzt der böse migranten russe. da die welt eben nicht nur aus starken charakteren besteht und 12 jährige mit geschlechtsreife ergo eh in die pubertät am schlittern sind, wohl eher nicht herr ihrer sinne sind, find ich diese "geht mich nichts an, ist net mein leben" einstellung bissl zu optimistisch. es würde vielleicht funktionieren, wenn jeder sich dran halten würde und eben den andern sein leben leben lässt. das ist aber nicht gang und gebe und deswegen seh ich auch nicht ein davor die augen zu verschließen oder mir einzureden, dass was ich da sehe ist bestimmt nicht so aszoial und scheiße wie es grade scheint. wenn man sich irrt, wird einem spätestens das vermeindliche "opfer" ja schon was sagen meißt.


Ina - 16.5.2007 um 21:05

Zitat
Wie kann ich z.B. tolerant gegenüber anderen Ansichten sein?
Kann ich nicht, solange die mich nicht betreffen. Ich kann 'ne andere Auffassung haben oder eben die gleiche oder mich kann das alles nicht interessieren. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Ich kann niemanden seine Meinung irgendwie verbieten, maximal kann ich mich gegen konkrete Handlungen aus den Auffassungen wehren, wenn sie meinen Einflussbereich betreffen, ansonsten gibt es dazwischen nix.


Doch, find ich schon. Ich kann endlose Zankereien anfangen und mit allen Mitteln versuchen, den anderen zu meiner Ansicht zu bekehren - oder ihn wenigstens so klein machen, dass er vor allen anderen dumm dasteht. Dafür brauche ich in diesem Forum keine Adminrechte und in der Welt da draußen keine juristische Grundlage oder exekutive Gewalt.

Wenn ich hingegen sage, dass ich "tolerant" bin, dann bedeutet das, dass ich nicht auf jeden losgehe, der meine Meinung nicht teilt. Ich akzeptiere einfach, dass da jemand in einem völlig anderen Universum lebt als ich ... na gut, vermutlich darf man nicht von einem absoluten "Richtig" und "Falsch" überzeugt sein, wenn das funktionieren soll. Und man darf vielleicht auch nicht an "Argumente" glauben... sondern müsste vielmehr vermuten, dass mit den richtigen Manipulationen an der Optik alles als "gut" (oder "schlecht") dargestellt werden kann, weil alles eine Frage der Perspektive ist, da wir die "Wirklichkeit" nie vollständig erkennen können.


... - 17.5.2007 um 02:12

Okay, nochmal zur Erläuterung, was jetzt Apartheid mit Toleranz zu tun hat, @Dian und @Hansi:
Die Deutschen können sich eben darunter nur einem rassistischen Begriff vorstellen. Das liegt zum einen daran, dass wir eben nur das südafrikanische System kennen als Apartheidsregime, und außerdem liegt es ja eh nahe, dass Deutsche erstmal an Rassen denken müssen, wenn es um Toleranz u.ä. geht. :p

Eigentlich ist das doch logisch, dass es da mehrere Stufen von Duldungen gibt.
Das eine ist eben, dass ein Staat etwas toleriert. Beispiel: Die BRD duldet auch Ausländer in ihrem Staat.
Apartheid ist aber das, was z.B. abläuft, wenn wir jedem Moslem das Recht zugestehen, seine Frau wegzusperren und zu machen, was er will. Hauptsache, er berührt nicht unsere Welt.
D.h. nix anderes. Solange der uns nicht was vorschreibt, kann der machen, was der will.
Kann also auch was mit Religionen oder mit was weiß ich zu tun haben.

Man kann also theoretisch auch sagen, solange sich CDU-Wähler nicht in mein Leben einmischen, können die auch machen, was sie wollen.

So, jetzt noch mal im einzelnen:
Wie Du, @Dian, dass richtig erkannt hast, ist der Begriff "Toleranz" erstmal neutral.
Notwendig ist, dass da eben auch eine moralische Komponente zukommt.

Und damit wären wir nämlich schon mal einen Schritt weiter:
So, also, wenn man jemanden sieht, der im Wasser treibt und um Hilfe ruft, dann wäre das zwar intolerant, ihm zu helfen, aber moralisch in Ordnung.
Und jetzt kommt die Frage, was macht Ihr, wenn Ihr gerade über 'ne Brücke geht, seht, dass da sich gerade bereit macht zum Sprung? Der weiß doch, was er tut.
Ab welchen Moment helft Ihr dann noch und ab welchen Moment nicht mehr???

@Soul:
Wenn Du auf 'ne Demo gehst, ist das Problem ja ziemlich einfach zu lösen. Wenn Du nicht gerade auf der Demo "Für mehr Prügel von Bullen" bist, dann ist das ja wohl die Gruppe, mit der Du Dich identifizierst und da ist es ja ziemlich klar, dass man da eingreift.
Aber, wenn ich jetzt z.B. eine Demo der CDU-Mittelstandsvereinigung sehe, die sich mit 'ner Horde Neonazis kloppt, dann geht mir das ziemlich am Arsch vorbei. Sonst musst Du anfangen, alle Probleme der Welt zu lösen. Dann fahr' in den Irak und such' Dir was aus, entweder die Amis oder El-Kaida.
Ich persönlich meine, das geht mich z.B. gar nix an.
Ich kann maximal versuchen, für das ein oder andere 'n politischen Lösungsvorschlag zu machen und hoffen, dass der akzeptiert wird.

Und, @Ina, da ist auch kein großer Unterschied, wenn man dann die Worthülse "Akzeptanz" nimmt statt "tolerieren". Das sagt genausoviel bzw. -wenig aus.

'N anderes schönes Beispiel habe ich neulich in Venlo auf 'm Bahnhof erlebt. Ab und an kontrollieren da die niederländischen Bullen da Leute, die aus NL abfahren nach Deutschland. Insbesondere seit dem Mord an van Gogh, wenn die denken, das könnte jemand sein mit islamischen Hintergrund.
Neulich stand da 'ne ganze Horde von Menschen um zwei Bullen herum, die wohl ausgerechnet einen Schwarzen nach seinen Papieren gefragt hatten. Der wurde sofort ruppig und nannte es rassistisch, dass ausgerechnet er gefragt würde, -zig Niederländer, auch 'ne alte Oma mit Schirm, die dauernd auf die Bullen einredete, was die für rassistische Typen seien, nahm den Schirm schon bedenklich in Richtung Bullen und der zweite Bulle hatte sich schon abseits hingestellt und meinte immer nur verzagt: "Ich mach' doch nur meinen Job!?"
Ich hab' mir das zwar amüsiert angeguckt, die restlichen Deutschen da auf 'm Bahnsteig verpissten sich, weil die wohl keinen Bock auf Bullizei, auch nicht auf niederländische, hatten, weil die ja evtl. sich was zum Kiffen gekauft hatten und auch nicht verstanden, worum es da ging und so ging das die ganze Zeit.
Als mein Zug kam, bin ich amüsiert eingestiegen und hab' immer noch die Leute über die Polizei keifen gehört, der Respekt der Niederländer vor staatlichen Ordnungsbehörden ist also tatsächlich nicht gerade sehr hoch einzuschätzen. (Vertut Euch aber nicht! Verkehrspolizei, insbesondere Autobahnpolizei ist respektiert und da bestehen die auch drauf.)

Wär' das jetzt ein Grund einzugreifen, weil da die Polizei offensichtlich in der schwächeren Position war???
Ich denk' mir als Deutscher werd' ich 'nen Scheißdreck tun und mich noch in niederländische Angelegenheiten einmischen, obwohl ich bei der Situation auch nur noch gestaunt habe.

Und da fehlt eben auch noch mal die Wertung:
Ab welchem Punkt ist man denn der Meinung, dass man eingreifen soll?
Ich hab' schon gesagt, mit 12 z.B. muss man allmählich mal erwachsen werden und ansonsten sind die Eltern zuständig.
Oder neulich sah ich eine Diskussion auf dem U-Bahnsteig.
Da quatschte so 'ne Oma zwei Frauen an, die einen Kinderwagen dabei hatten; das Kind schrie aus irgendwelchen Gründen und die Frauen unterhielten sich. Die Oma machte die Frauen an, dass sie sich nicht um das Blag kümmern würden???
Kinder schreien manchmal und das ist auch gut so, weil die dann auch besser reden lernen.
Da hab' ich auch nur gedacht, jetzt drehen alle durch, was soll diese Einmischung? Wenn die wenigstens noch gesagt hätte: "Das Geschrei ihres Blags geht mir auf den Geist. Machen sie mal was dagegen!" Aber die machte da einen auf pädagogisch engagiert. Da war ich kurz davor einzugreifen, dachte mir aber auch: "Geht Dich der Konflikt was an?"

So, dann fragen wir mal, ab wann geht Euch das denn was an?
Wenn die CDU-Mittelstandsvereinigung von Nazis verkloppt wird?
Wenn Niederländer ihre Polizei als rassistisch beschimpfen?
Wenn jemand freiwillig von 'ner Brücke springt?
Wenn Oma die Obererzieherin spielt?
Oder wenn ein Ausländer Mädchen Geld für irgendwas anbietet?

Könnt ja mal 'ne Einzelfallbeurteilung abgeben, ab wann da Toleranz aufhören sollte. Da kommt man nämlich mit den bislang geäußerten Maximen nicht unbedingt weiter (höchstens mit @Inas, dass man sich aus purer Streitlust überall einmischt!)


Ina - 17.5.2007 um 14:42

Ich glaube, ich würde da alles "tolerieren", bzw. da WIRKLICH auf den Einzelfall eingehen, so dass ich das jetzt nicht generell sagen kann - beim letzten Beispiel insbesondere.


Zitat
da ist auch kein großer Unterschied, wenn man dann die Worthülse "Akzeptanz" nimmt statt "tolerieren". Das sagt genausoviel bzw. -wenig aus.


Hmm, es geht mir halt um Folgendes: "Toleranz" bedeutet für mich, dass ich ein fremdes Universum koexistieren lasse, ohne dagegen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen. Manchmal geht es auch so weit, dass ich mich sogar darauf einlasse - dann ist "Toleranz" ein Vertrauensvorschuss: ich schließe zunächst bewusst die Augen vor dem, was mir befremdlich, hässlich oder falsch erscheint, in der Hoffnung darauf, dass die Sache vollständiger und folgerichtiger ist, als sie sich mir oberflächlich darstellt und sich mir ihre innere Notwendigkeit und das Stück Welt, das sie beschreibt, erst noch erschließen muss. Ohne diese "Toleranz" würde ich z.B. immer noch nur eine Handvoll CDs anhören können...
Diese Form von "Toleranz" ist nichts, was mit konkreten, nach außen tretenden Handlungen zu tun hätte, das ist eher etwas, was man mit sich selbst ausmacht.

Doch klar, es stimmt schon, wenn Wesen in verschiedenen geistigen Universen leben und einander koexistieren lassen, kann man das schon als "Apartheid" bezeichnen. Nun, ich kenne mich nicht sonderlich mit der Materie aus, aber bis man es mir beweist, bezweifle ich stark, dass es das war, was in Südafrika praktiziert wurde. Das hatte wohl eher den Namen "Unterdrückung" verdient und "Apartheid" war dort einer dieser perversen Euphimismen, wie sie in der Geschichte häufiger vorkommen. Deshalb brauchst du, @Arne, dich nicht zu wundern, dass viele hier mit diesem Begriff etwas Negatives verbinden, auch wenn er streng genommen nichts dergleichen aussagt (eine "Endlösung" ist ja eigentlich auch etwas Gutes...)


... - 18.5.2007 um 03:05

"Tolerieren" geht aber im ursprünglichen Sinne immer von Handeln aus, das ist ja das Problem, das hier selten gesehen wird in Deutschland.
Ist auch sprachlich sehr interessant.

Kennt jemand ein fremdsprachliches Wort, das "tolerieren" so bezeichnet, wie wir das im Deutschen tun???

Und natürlich war das Apartheidregime in Südafrika eher faschistoid als übertolerant. Und das eben noch in einem rassistischen Sinne. Das war auch ein Missbrauch des Wortes.

Aber davon mal abgesehen, eigentlich wäre das doch schön, wenn z.B. alle Menschen verpflichtet wären, ein Zeichen zu tragen, z.B., welche Partei sie das letzte Mal gewählt haben, dann könnte man sich doch auch schön die Welt aufteilen.
Zumindest hab' ich noch nie mit jemanden im Zug oder in der Bahn geredet, der die BLÖD dabei hatte, das ist auf jeden Fall immer ein gutes Zeichen, dass der nicht zu der humanoiden Gattung gehört. :D


Xoc - 20.5.2007 um 17:09

Hach ja, ich finde es ja immer wieder interesssant, wenn Leute keine Toleranz für Intoleranz fordern und sich trotzdem nicht selbst auf die Fresse hauen...

Ich denke, die meisten würde mich als tolerant bezeichnen und ich mich u.U. auch, wobei ich nicht behaupten würde, dass ich alles dulde.
Die Worte werden eh nicht mehr synonym genutzt. Toleranz bedeutet umgangssprachlich irgendsowas wie, dass man Schwule und Ausländer in Ordnung findet.
Das erklärt vielleicht auch die Verklärung von Toleranz zur bedingungslosen Tugend, zumindest besser als die Ähnlichkeit mit dem Wort "toll" ;)

Die oberste Direktive finde ich übrigens auch toll, also ich finde z.B. das sich Afrika um sich selbst kümmern sollte. Das heisst dann allerdings auch, dass alle Waffenlieferungen und wirtschaftlichen Eingriffe eingestellt werden sollten, genauso wie "Entwicklungshilfe" und ähnliches.

Wenn man die Dinge sich selbst überlässt, wird sich langfristig immer das Gute durchsetzen, einfach, weil langfristig nur erhalten bleibt, was langfristig funktioniert und dasjenige dann auch definieren wird, was gut ist.


Ina - 20.5.2007 um 18:25

ähh, die Welt existiert doch schon ziemlich lange. Trotzdem funktioniert sie nicht so richtig und ist auch nicht so richtig "gut". ALSO ist sie nicht sich selbst überlassen???
He, ist das der neueste Gottesbweis oder wo hab ich den Fehler gemacht? :D


Xoc - 20.5.2007 um 20:36

Die Sachen, die so viele Probleme machen, gibt es erst recht kurz.
Also Menschen und insbesondere Zivilisation. Dafür sind wir einfach nicht so richtig geschaffen.
Oder an was denkst du?


Ina - 20.5.2007 um 20:47

na gut, dann hab ich deine Zeitskala ("langfristig") falsch eingeschätzt.
Ich fürchtete fast, du meintest das "gesellschaftstheoretisch".


Xoc - 20.5.2007 um 22:08

Falls du dachtest, ich meine sowas in die Richtung von "Die Guten werden zum Schluss immer gewinnen.", keine Sorge, ich meine das andersrum: Die, die Gewinnen legen fest, dass sie selbst gut sind.


... - 21.5.2007 um 02:08

Klingt auch einleuchtend.

Was Sachen wie Afrika und den Trikont anbelangt, ist die Einmischung von den Industrienationen sowieso keine "Entwicklungshilfe".
Entwicklung wohin denn?

In ein ähnlich dämliches neoliberales System, in dem nix funktioniert wie bei uns?
Diese "Entwicklungshilfe" wird sowieso nur gezahlt, damit damit gleichzeitig Subventionen für einige Exportartikel bei uns gezahlt werden. Konnte man sehr schön bei der Tsunami-"Hilfe" der BRD sehen, die dann für ein in der BRD produziertes System genutzt werden sollte.

Um Nachbarländer kann man sich kümmern, wenn man sicher ist, dass es notwendig ist.
Ich hätte nix dagegen, wenn NL, Dänemark, Norwegen, Schweden hier einmarschieren würden und für mehr Freiheiten sorgen würden, allerdings fragt sich auch hier: Warum?
Wenn die Deutschen zu blöd sind, Ihre eigenen Probleme zu lösen, warum sollte man denen dann helfen, wenn die es nicht wollen? Ist die gleiche Frage, ob man Mädels an der Bushaltestelle helfen soll, die auch von selbst aufstehen können und weggehen könnten, wenn sie das wollten.


Benway - 21.5.2007 um 19:41

xoc schrieb:
[QUOTE]Falls du dachtest, ich meine sowas in die Richtung von "Die Guten werden zum Schluss immer gewinnen.", keine Sorge, ich meine das andersrum:Die, die Gewinnen legen fest, dass sie selbst gut sind.[/QUOTE]

Das aufgebrachte Problem bleibt aber doch bestehen...die Welt besteht schon verdammt lange, lange genug jedenfalls, dass jeder uns bekannte evolutionäre Prozess mit teleologischem Attraktor längst an sein Ende gelangt hätte sein müssen, aber trotzdem können wir sie nicht einfach 'gut' nennen (und außer Menschen weißt AFAIK niemand solche Prädikate zu, deswegen kann ich den Zusatz in deinem zweiten Beitrag nicht nachvollziehen).
'Langfristig erhalten' bleiben halt ESS's...in einer Population herrscht nach ein paar hunderttausend Generationen langfristig ein gesundes Gleichgewicht zwischen "Mut" und "Feigheit" oder Egoismus und Altruismus oder aktiver Auseinandersetzung mit der Welt und passiver Askese...davon dass sich ein Verhaltenspotential nun durchgesetzt hätte und fortan allgemein als die Grundtugend akzeptiert würde kann man nicht reden...aber eventuell redest du auch von was ganz Anderem :)


[QUOTE]Die oberste Direktive finde ich übrigens auch toll, also ich finde z.B. das sich Afrika um sich selbst kümmern sollte.[/QUOTE]

Tja, da möchte/kann/whatever ich dir und Arne dann auch nicht zustimmen. Warum sollten die Nachfahren unserer Vorfahren eine eigene Spezies bilden und unter die oberste Direktive fallen (und wenn die jetzt auch für 'Kulturen' gilt, dann bin ich der Erste, der sich jede Einmischung der Außenwelt in die Angelegenheiten meiner Kultur verbitten möchte)? Und auch das mal vorausgesetzt - wäre schon ein verdammt beschissener aka bequemer Zeitpunkt, sich aus den Belangen Afrikas zurückzuziehen. Einfach ein paar unlösbare Probleme schaffen und sich dann aus dem Kongo zurückziehen, das bringt einen in den Verdacht der Faulheit. Also wenn man jemandem ein Messer in den Bauch rammt und später Reuegefühle kriegt, dann sollte man ihm wenigstens ein paar Binden hinwerfen, damit macht man sich IMO auch noch nicht zivilcourageverdächtig. Das unsere besorgten Regierungen lieber Salz streuen steht auf einem anderen Blatt, muss aber nicht heißen, dass man Afrika die ganze Scheiße jetzt prinzipiell allein auslöffeln lassen sollte.


Calgmoth - 21.5.2007 um 20:29

Na ja, Afrika kann aus verschiedenen Gründen nicht unter die Oberste Direktive fallen. Allein schon, weil wir da schon waren. Bzw. da ja schon vor uns Menschen waren bzw. wir ja alle u. U. da her kommen ;-).

Aber wesentlich funktioniert so 'n Nichteinmischungsgrundsatz - wenn er überhaupt funktioniert - bloß dann, wenn die entsprechenden Zivilisationen/Spezies einander nicht wirklich gut erreichen können. Nach Afrika kommt man aber u. U. als Europäer tatsächlich ohne jedwedes technisches Hilfsmittel. Einfach zu Fuß.

Also würde es schwierig, diese Direktive einzuhalten, selbst wenn das irgendwer wollte. Rohstoff- und handelstechnisch werden die doch da ordentlich ausgebeutet, das müßte ja dann auch aufhören, wenn wir Afrika mit seinen Hungersnöten und Klitorisverstümmelungen (auch offiziell) alleine ließen.


... - 22.5.2007 um 04:09

Selbstverständlich gehört auch das Ende der Ausbeutung dazu.
Alle dort bestehende Produktionsanlagen werden der dortigen Bevölkerung übergeben.

Und dann muss auch noch die Entschädigung für jahrhundertelange Ausbeutung von uns gezahlt werden, erst dann sind wir quitt und jeder kann seiner eigenen Wege gehen.


Xoc - 22.5.2007 um 05:56

Zitat
Original von Benway
Das aufgebrachte Problem bleibt aber doch bestehen...die Welt besteht schon verdammt lange, lange genug jedenfalls, dass jeder uns bekannte evolutionäre Prozess mit teleologischem Attraktor längst an sein Ende gelangt hätte sein müssen, aber trotzdem können wir sie nicht einfach 'gut' nennen (und außer Menschen weißt AFAIK niemand solche Prädikate zu, deswegen kann ich den Zusatz in deinem zweiten Beitrag nicht nachvollziehen).
[/QUOTE]

Das Konzept von gut und schlecht ist unter den Tieren bekannt, nur nen Namen haben sie nicht für.
Wie du auf deinen teleologischem Attraktor [=Irgendein Ziel oder Zweck, auf das die Evolution zustrebt] kommst, ist mir auch unklar, hat hier doch niemand behauptet, das es den gäbe?


Zitat
Original von Benway
'Langfristig erhalten' bleiben halt ESS's...in einer Population herrscht nach ein paar hunderttausend Generationen langfristig ein gesundes Gleichgewicht zwischen "Mut" und "Feigheit" oder Egoismus und Altruismus oder aktiver Auseinandersetzung mit der Welt und passiver Askese...davon dass sich ein Verhaltenspotential nun durchgesetzt hätte und fortan allgemein als die Grundtugend akzeptiert würde kann man nicht reden...aber eventuell redest du auch von was ganz Anderem :)


Ich rede nicht davon, dass alle alles toll finden, sondern, dass es insgesammt gut läuft.

Wir Menschen sind evolutionär nicht all zu bewährt. Unsere Genetik ist so gut wie gar nicht auf unsere Lebensweise angepasst, sondern auf die, in der sie entstanden ist.
Das ist alles viel zu neu. Unsere Lebensweise, unsere Technik und unsere Gesellschaftsform ist noch überhaupt nicht gründlich evolutionär bewährt.

[QUOTE]Die oberste Direktive finde ich übrigens auch toll, also ich finde z.B. das sich Afrika um sich selbst kümmern sollte.[/QUOTE]

[QUOTE]
Warum sollten die Nachfahren unserer Vorfahren eine eigene Spezies bilden und unter die oberste Direktive fallen (und wenn die jetzt auch für 'Kulturen' gilt, dann bin ich der Erste, der sich jede Einmischung der Außenwelt in die Angelegenheiten meiner Kultur verbitten möchte)?
[/QUOTE]

Unter die oberste Direktive fallen geeignete Gruppen. Zumindest meine ich das hier so.
Wenns dich nichts angeht, lass es in Frieden.
Das ist keine formale Regel, sondern ein Grundsatz.

[QUOTE]
Und auch das mal vorausgesetzt - wäre schon ein verdammt beschissener aka bequemer Zeitpunkt, sich aus den Belangen Afrikas zurückzuziehen.
[/QUOTE]

Sorry, ich kann nichts für den Zeitpunkt, zu dem ich lebe.

[QUOTE]
Einfach ein paar unlösbare Probleme schaffen und sich dann aus dem Kongo zurückziehen, das bringt einen in den Verdacht der Faulheit.
[/QUOTE]

Nur weil man einen Fehler gemacht hat, muss man ihn ja nicht fortsetzen.
Ausserdem bleibt zu zeigen, dass es nicht die beste Hilfe ist, wenn man sie wirklich alleine machen lässt.

[QUOTE]
Das unsere besorgten Regierungen lieber Salz streuen steht auf einem anderen Blatt, muss aber nicht heißen, dass man Afrika die ganze Scheiße jetzt prinzipiell allein auslöffeln lassen sollte.


Statt dessen schaffen wir dort unsere Vorstellungen von gut und helfen den Menschen dort, die wir für gut halten?
Nee, genau das ist mindestens zweifelhaft.


Benway - 22.5.2007 um 17:31

[QUOTE]Das Konzept von gut und schlecht ist unter den Tieren bekannt, nur nen Namen haben sie nicht für.[/QUOTE]

Na ja, das menschliche Konzept von gut und schlecht ist halt mit Sicherheit unter dem menschlichen Tier verbreitet, ob andere Tiere bis in die Mikrobenordnung ähnliche Denkkategorien nötig haben, lässt sich so pauschal sicher nicht sagen. Aber dazu folgt ja noch mehr:

Zitat
Wie du auf deinen teleologischem Attraktor [=Irgendein Ziel oder Zweck, auf das die Evolution zustrebt] kommst, ist mir auch unklar, hat hier doch niemand behauptet, das es den gäbe?


Ich versteh ehrlich gesagt überhaupt nicht richtig, worauf das Ganze hinausläuft und hab das deshalb mal als allgemeines kosmisches Gesetz gesetzt. Wenn es nur um die biologische Evolution geht und du in diesem Kontext meinst, dass das was langristig erhalten bleibt (also va Einzeller und noch weniger komplexe Strukturen), sich selbst als "gut" setzen wird, dann muss ich wieder anfangen auf dem Hinweis auf die Menschen und ihre kurze Existenz in kosmischen Dimensionen rumzureiten. Alles was nicht menschliche Urteile betrifft bleibt IMO halt projiziert, ob Pinguine sich toll finden wissen wir nicht. Aber wenn es eine allgemeine Gesetzmäßigkeit wäre, die nicht nur menschliche Interessengruppen betrifft, dann müsste die Welt nach allem was wir über die Evolution zu wissen glauben längst "gut" sein.

Zitat
Unter die oberste Direktive fallen geeignete Gruppen. Zumindest meine ich das hier so.
Wenns dich nichts angeht, lass es in Frieden. Das ist keine formale Regel, sondern ein Grundsatz.


Nun gut, da fällt dann halt Alles oder Nichts drunter, für mich eher Nichts und ganz besonders nicht einfach ganz Afrika, insofern keine Einwände. Ein Ende wirtschaftlicher Eingriffe in schwache Volkswirtschaften zu fordern ist das Eine - zu behaupten, dass Afrika und seine Bewohner dem Rest der Welt nichts geben, keinen sinnvollen Austausch mit dem Rest der Welt praktizieren könnten und am Besten einfach isoliert gehören, das ist das Andere - und das schmeckt schon sehr nach Kulturalismus mit einer Prise Rassismus.
Schon unter den pervertierten Umständen, wie wir sie jetzt haben, fand und findet -was Kultur, Literatur, Medizin, Geschichtsschreibung, Mythologie etc. angeht- ein einigermaßen fruchtbarer kultureller Austausch zwischen dem Trikont und Europa und Schwarzafrika und Europa statt. Eine andere Sache ist es zu konstatieren, dass Europa sich Afrika auf die beschissenstmöglichste Weise genähert hat und das rückblickend sowas wie die oberste Direktive nützlich gewesen wäre (idealerweise noch ohne diesen "Geben wir der unterentwickelten Zivilsation Zeit sich selbst zu erziehen"-Gedanken und nur aus der Erfahrung bisher unüberbrückbarer Unterschiede heraus) - aber das ist kein Grund, sie jetzt für die Zukunft zu fordern.

Zitat
Statt dessen schaffen wir dort unsere Vorstellungen von gut und helfen den Menschen dort, die wir für gut halten?


Niemand redet von freiwilliger humanitärer Hilfe oder ähnlichem Bono-Bullshit, das wäre ja mindestens so arrogant wie eine vom Westen verordnete Oberste Direktive. Es geht um die Konsequenzen der Brüche von Rechtsvorstellungen, denen sich die Täter selbst verpflichtet haben. Mit den USA, Deutschland, Frankreich, Großbrittanien oder Belgien haben wir heute wirtschaftlich potente Staaten, deren Regierungen die Rechtsnachfolge von Ausbeuterregimes in ganz Afrika übernommen oder sich zumindest allgemein reuig gezeigt haben. Bevor man daran denken sollte, den Patienten im Vertrauen auf seine Selbstheilungskräfte von allen nützlichen und schädlichen Infusionen zu trennen, sind hier erstmal Wiedergutmachungszahlungen fällig, die historisch keine Parallele haben - da es sich bei den Täternationen praktischerweise auch um die größsten Gläubigerstaaten handelt, impliziert das auch einen kompletten Schuldenerlass (der Vollständigkeit halber stehen etwa von Seiten der USA und Deutschlands auch noch offizielle diplomatische Verzeihungsgesuche aus).
Ach ja, und unrealistischer als ein komplett freiwilliger Stopp aller militärischen, wirtschaftlichen und sozialen Einflussnahme des Westens auf Afrika ist dieses Szenario auch nicht, insofern kann man das im Freakforum durchaus mal ansprechen, Horst Köhler wird es nicht daran hindern, weiter um Geld für Afrika zu betteln, damit es die Schulden bei seinem ehemaligen Arbeitgeber schneller begleichen kann.


Calgmoth - 22.5.2007 um 18:29

Zu dem Evolutionskram:

Also so wie ich gegenwärtige Evolutionstheorien verstehe, ist es da mit teleologischen Finalursachen nicht weit her. Kommt halt bloß drauf an, inwieweit sich irgendwas irgendwie erfolgreich fortpflanzen kann oder nicht. Um mehr geht's ja eigentlich nicht.
Daher ist eine teleologische Höherentwicklung des Menschen als Spezies eigentlich weder zu erwarten noch besonders wahrscheinlich. Wenn sich der olle homo sapiens sapiens dereinst in Jahrzehntausenden aus irgendwelchen Gründen/Umweltbedingunen nicht als überlebensfähig erweist, muss er nicht zwangsläufig einer noch tolleren Spezies das Feld überlassen, sondern vielleicht bloß 'nem noch dümmeren Säugetier. Oder die Reptilien/Vögel schlagen zurück ;-).

Insekten, Spinnentiere und Co. beherrschen meines Erachtens bereits den Globus. Bei denen erwarte ich erst 'mal keine allzu großen Veränderungen...

Ob und inwieweit kulturell/technologische 'Errungenschaften' den Verlauf der menschlichen Evolution beeinflussen, ist erst einmal abzuwarten. Kurzfristig scheint's jedenfalls der Fall zu sein, dass man erheblich weniger auf die Fortpflanzung hin orientiert kopuliert, wenn man industrtialisiert ist. Effektiv könnte das ein Indiz dafür sein, dass es mit höherem Technisierungsgrad weniger Fortpflanzungen gibt, was, sollte es erfolgreich gelingen den Globus zu kapitalisieren, mit ein wenig Glück, u. U. in riesigen leeren Leichenstädten aus Beton und Glas endet.
Aber gut, da gibt's bisher ungefähr genauso lang Daten zu wie zur Klimaerwärmung. Also ist das egal.

Um irgendwie zurück zum Thema zu kommen:

Afrika als solche ist für so 'n Direktive-Beispiel der falsche Kontinent. Kulturimperialismus ist von afrikanischer Seite auch schon belegt, wie Neu-Karthago/Cordoba immer noch beweist. Aber gut, man könnte argumentieren, dass Afrika im Sinne einer abgeschlosseneren Region erst jenseits der Sahara beginnt - da würde ich dann auch zustimmen. Aber trotzdem wissen ziemlich viele Nicht-Afrikaner, die keine Europäer sind (z. B. Araber, Hethiter, Sumerer, Assyrer etc.) schon ziemlich lange, dass da unten noch irgendwas ist.

'N besseres Beispiel wäre dann schon die Neue Welt (d. i. hier jetzt Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland und diverser von 'idealistischen Entdecker' aufgegabelte Inselchen). Die war nun wirklich lange Zeit extrem isoliert und Europa unbekannt. Und mit der ging man - in kultureller Hinsicht - meines Erachtens noch vernichtender um, als man das mit Afrika tat und tut.

Die Neue Welt hätte die Erste Direktive tatsächlich schützen können.

Wie man aber nun gegenwärtig mit Kolonialverbrechen der Europäer in der Vergangenheit (und stattfindender Ausbeutung in der Gegenwart) umgehen soll, weiß ich nicht wirklich. Wenn man da tatsächlich anfinge Entschädigungen zu bezahlen, dann könnte man das theoretisch soweit durch die bekannte Geschichte ziehen, wie's halt geht. Und letztendlich würden ja doch nur die tatsächlichen oder wahrscheinlichen Nachfahren der Opfer profitieren.

Und welche Einschnitte man in Europa hinnehmen müßte, wenn wir tatsächlich jeden Kontakt nach Afrika abbräche bzw. welche Probleme das für die Menschen in Afrika z. B. in medizinischer Hinsicht bedeuten würde, ist ja bisher weder ausdiskutiert noch bloß angedeutet worden.

In jedem Fall hat ein moralischer Relativismus - der prinzipiell die Grundlage für eine Nichteinmischung in die Normen eines anderen Kulturraums voraussetzt - seine Begründungslücken.


Benway - 22.5.2007 um 20:29

Zitat
Also so wie ich gegenwärtige Evolutionstheorien verstehe, ist es da mit teleologischen Finalursachen nicht weit her.


Ja klar, aber das hat ja (anscheined) auch niemand behauptet. Die Krönung der Evolution sind immer noch Einzeller, effizienter angepasstes Leben wird wohl nicht mehr entstehen. Proteinklopse ab 5kg machen es in der Regel nicht so lang, die Menschen werden da keinen Unterschied machen.
Dass in dem Punkt Einigkeit zu bestehen scheint, ändert aber nichts daran, dass ich die These über die ich gern mitduskutieren würde immer noch nicht raffe: das was sich langfristig durchsetzt setzt sich langfristig durch und setzt sich dann selbst als "gut". OK im menschlichen Bezugsrahmen, die Sieger schreiben Geschichte etc pp, aber da es nicht um Menschen zu gehen scheint stehe ich immer noch ratlos da - glaubt hier jemand, dass sich Einzeller von allen Wesen am Tollsten finden nur weil sie sich am Langfristigsten durchgesetzt haben? Oder geht es überhaupt nicht um biologische Evolution sondern doch um ein umfassenderes Evolutionsmodell? Xoc, oder Calgmoth oder jemand der die These zu verstehen glaubt, könnt ihr mir mal Beispiel geben, wo dieses Prinzip abseits vom Menschen greift, damit ich nicht immer so allgemeine Statements abgeben muss, die die Diskussion nur noch viel weiter ins Off-Topic zerren?


Zitat
Wenn man da tatsächlich anfinge Entschädigungen zu bezahlen, dann könnte man das theoretisch soweit durch die bekannte Geschichte ziehen, wie's halt geht. Und letztendlich würden ja doch nur die tatsächlichen oder wahrscheinlichen Nachfahren der Opfer profitieren.


So lange halt wie es Regimes gab, für die existente Staaten die Rechtsnachfolge übernommen haben. Und dann geht der Hauptteil der Kohle bitte nicht an die vermeintlichen Nachfahren von irgendeinem Haussklaven sondern nach dem Muster der deutschen Wiedergutmachungszahlungen direkt an die korrupte liberianische Staatsführung. Wäre doch zumindest ein nettes Modell...der Westen zahlt seine moralische Schuld ab, Süd- und Zentralafrika stehen danach potentiell lebensfähig da und dann werden alle politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen erstmal eingefroren...na @darkeastwood, was meinste dazu?

Zitat
Und welche Einschnitte man in Europa hinnehmen müßte, wenn wir tatsächlich jeden Kontakt nach Afrika abbräche bzw. welche Probleme das für die Menschen in Afrika z. B. in medizinischer Hinsicht bedeuten würde, ist ja bisher weder ausdiskutiert noch bloß angedeutet worden


Hoffentlich weil hier niemand dran glaubt, dass die ganzen netten Buschmänner sofort krepieren müssten, wenn nicht die weißen Albert Schweitzers dieser Welt ihnen selbstlos zur Hilfe eilten. Was Afrika gewinnen könnte, wenn die Bewohner unzureichend industrialisierter Länder nicht mehr gezwungen wären, mit der Arbeitsproduktivität von Europäern zu konkurrieren, erstmal einfach zur Agrarwirtschaft zurückkehren und von da aus weitersehen könnten, das würde durch ein paar unbehandelte Fälle Kinderlähmung nicht aufgewogen. (OK, ich gebe zu, dass Schwarzafrika in Bedrängnis geraten könnte, wenn man es gerade jetzt mit Aids alleinließe, also vielleicht noch ein paar Megatonnen Latex zusammen mit den Billionen US-Dollars abwerfen, dann können sich die netten Leute da wenigstens fast selbständig entscheiden, ob sie ein kurzes spaßiges oder ein langes eintöniges Leben haben wollen).
Europa und auch den USA dagegen ginge es schon ziemlich dreckig ohne das Reservoir billigster Arbeitskräfte, das Afrika bietet(dazu gibt's übrigens nicht nur zu Tränen rührende Studien sondern auch einen guten Dokumentarfilm, "Darwin's Nightmare", der einem nebenbei ein gutes Gefühl für die Verhältnisse in Zentral- und Nordafrika gibt), aber das wäre dann doch ziemlich verdient, ich denke da ist man sich hier einig.
Und den kulturellen Austausch wie von xoc gefordert sollte man IMO sowieso nicht einstellen.

Zitat
In jedem Fall hat ein moralischer Relativismus - der prinzipiell die Grundlage für eine Nichteinmischung in die Normen eines anderen Kulturraums voraussetzt - seine Begründungslücken.


Huch, muss man das im Philosophiestudium begründen, nichts zu tun? Wenn ja dann beneide ich euch nicht. Vielleicht sollte man erst mal versuchen zu begründen, warum gerade die europäischen Menschenrechtsvorstellungen DIE manifeste Ausbildung einer latent menschlichen Moral sein sollen oder warum dann nicht wenigstens jeder Kulturraum selbst fähig sein könnte, die 'allgemein menschliche Moral' in seine eigenen Begriffe und Normen zu gießen.


Xoc - 23.5.2007 um 01:40

Zitat
Original von Benway
Na ja, das menschliche Konzept von gut und schlecht ist halt mit Sicherheit unter dem menschlichen Tier verbreitet, ob andere Tiere bis in die Mikrobenordnung ähnliche Denkkategorien nötig haben, lässt sich so pauschal sicher nicht sagen. Aber dazu folgt ja noch mehr:


Ich meinte mit Tieren tatsächlich nicht menschliche Tiere...
Ich habe nie behauptet, dass alle Tiere das Konzept kennen.

Zitat
Wie du auf deinen teleologischem Attraktor [=Irgendein Ziel oder Zweck, auf das die Evolution zustrebt] kommst, ist mir auch unklar, hat hier doch niemand behauptet, das es den gäbe?


Zitat

Ich versteh ehrlich gesagt überhaupt nicht richtig, worauf das Ganze hinausläuft


Wie, hinauslaufen? Hier läuft nichts hinaus.

Zitat

und hab das deshalb mal als allgemeines kosmisches Gesetz gesetzt. Wenn es nur um die biologische Evolution geht und du in diesem Kontext meinst, dass das was langristig erhalten bleibt (also va Einzeller und noch weniger komplexe Strukturen), sich selbst als "gut" setzen wird, dann muss ich wieder anfangen auf dem Hinweis auf die Menschen und ihre kurze Existenz in kosmischen Dimensionen rumzureiten.


Ich dachte, ich hätte schon 2 mal erwähnt, dass es den Menschen eben viel zu kurz gibt? Wir können da ja gerne gemeinsam drauf rumreiten, aber wozu?

Zitat

Alles was nicht menschliche Urteile betrifft bleibt IMO halt projiziert, ob Pinguine sich toll finden wissen wir nicht.


Sicher, dass du nicht meinst, alles ausser dein Urteil bleiben für dich halt projiziert?
Dem könnte ich in einem gewissen Sinne zustimmen.

Zitat

Aber wenn es eine allgemeine Gesetzmäßigkeit wäre, die nicht nur menschliche Interessengruppen betrifft, dann müsste die Welt nach allem was wir über die Evolution zu wissen glauben längst "gut" sein.


Hä? Die Welt ändert sich doch, sie ist nicht statisch. Nicht alles auf der Welt existiert schon gleich lange, nicht alles auf der Welt muss sich gleich lange behaupten, bis es "gut" wird.

Zitat
Nun gut, da fällt dann halt Alles oder Nichts drunter, für mich eher Nichts und ganz besonders nicht einfach ganz Afrika, insofern keine Einwände.


Ich glaube eher, du hast irgendwelche Dinge rausgelesen, die ich gar nicht geschrieben habe oder zumindest nicht meine.

Zitat

Ein Ende wirtschaftlicher Eingriffe in schwache Volkswirtschaften zu fordern ist das Eine - zu behaupten, dass Afrika und seine Bewohner dem Rest der Welt nichts geben, keinen sinnvollen Austausch mit dem Rest der Welt praktizieren könnten und am Besten einfach isoliert gehören, das ist das Andere - und das schmeckt schon sehr nach Kulturalismus mit einer Prise Rassismus.


Prima, dann erzähl das denen, die das fordern, aber doch nicht mir!

Zitat

Niemand redet von freiwilliger humanitärer Hilfe oder ähnlichem Bono-Bullshit, das wäre ja mindestens so arrogant wie eine vom Westen verordnete Oberste Direktive.


Du findest also arrogant, wenn man sich in Dinge, die einen nicht wirklich was angehen raushält und weniger arrogant, wenn man sich da einzumisch?
Falls es dir nur um das Wort Oberste Direktive geht oder du dir da unbedingt etwas Bestimmtes drunter vorstellen willst, bitte, ich schenk ich dir das Wort, ist eh von Arne, ich muss es nicht verteidigen. :)

Zitat

Es geht um die Konsequenzen der Brüche von Rechtsvorstellungen, denen sich die Täter selbst verpflichtet haben. Mit den USA, Deutschland, Frankreich, Großbrittanien oder Belgien haben wir heute wirtschaftlich potente Staaten, deren Regierungen die Rechtsnachfolge von Ausbeuterregimes in ganz Afrika übernommen oder sich zumindest allgemein reuig gezeigt haben. Bevor man daran denken sollte, den Patienten im Vertrauen auf seine Selbstheilungskräfte von allen nützlichen und schädlichen Infusionen zu trennen, sind hier erstmal Wiedergutmachungszahlungen fällig, die historisch keine Parallele haben - da es sich bei den Täternationen praktischerweise auch um die größsten Gläubigerstaaten handelt, impliziert das auch einen kompletten Schuldenerlass (der Vollständigkeit halber stehen etwa von Seiten der USA und Deutschlands auch noch offizielle diplomatische Verzeihungsgesuche aus).


Wenn du irgendwelche Täter bestrafen willst, nur zu.
Nicht einmischen impliziert bereits keine Zinsen einzutreiben.
Aber da Geld reinzuschütten, ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist.
Dann lieber Schäden beseitigen.


... - 23.5.2007 um 05:15

Zwei Anmerkungen dazu:
Zum einen liegt es nicht allein an dem kurzen Bestand der Menschheit, dass er nicht evolutionär sich richtig anpasst, sondern vor allen Dingen an der viel zu langen Zeit, die der Mensch braucht, um sich zu vermehren und die ist ja durch zivilisatorische Einflüsse von ca. 12/13 Jahre noch auf bis zu 20/30 Jahre hochgeschraubt worden.
Diese lange Zeit behindert die evolutionäre Entwicklung des Menschen, er kann sich gar nicht geeignet an seine Art anpassen, insofern war der nie die Krone der Schöpfung, sondern ist eher vorab eine ziemliche Fehlentwicklung des Lebens gewesen.

Und nochmal zu Afrika:
Geld ist Quark, weil wir damit eine Hilfsform übernehmen würden, die in dem Sinne noch gar nicht existiert hat, als wir imperialistisch eingriffen.
Maximal wäre hier ein kybernetisches Modell zu entwickeln, dass allen betroffenen Menschen dort die Möglichkeit geben könnte, dass sie eigenständig entscheiden können, wie sie ihren Weg machen wollen.
Inwiefern wir dann dort erst eingreifen müssten, um wenigstens das zu erreichen, weiß ich nicht. Ggf, würde es auch reichen, ähnlich den Niederlande, einfach allen Bewohnern der ehemaligen Kolonialstaaten automatisch auch die europäische Staatsbürgerschaft zu geben, damit die dann im Laufe der Jahrhunderte, die ja auch der Imperialismus andauerte, wieder die Möglichkeit erhalten, selber zu entscheiden, wohin sie wollen.
Dafür müssten wir aber erstmal diese Möglichkeiten in unserer eigenen Welt schaffen, was das ganze zu einem Paradoxum macht.


Xoc - 23.5.2007 um 06:39

Zitat
Original von Arne Kroger
Zwei Anmerkungen dazu:
Zum einen liegt es nicht allein an dem kurzen Bestand der Menschheit, dass er nicht evolutionär sich richtig anpasst, sondern vor allen Dingen an der viel zu langen Zeit, die der Mensch braucht, um sich zu vermehren und die ist ja durch zivilisatorische Einflüsse von ca. 12/13 Jahre noch auf bis zu 20/30 Jahre hochgeschraubt worden.


Hm, das ist nicht mal Faktor 3. Um einen noch viel grösseren Faktor ist die Geschwindigkeit gestiegen, mit der wir unser Leben signifikant ändern, bzw unsere Umwelt.


Zitat
Diese lange Zeit behindert die evolutionäre Entwicklung des Menschen, er kann sich gar nicht geeignet an seine Art anpassen, insofern war der nie die Krone der Schöpfung, sondern ist eher vorab eine ziemliche Fehlentwicklung des Lebens gewesen.


Das wird sich noch zeigen, warten wir mal weitere 1.000.000 Jahre ab.

Zitat

Und nochmal zu Afrika:
Geld ist Quark, weil wir damit eine Hilfsform übernehmen würden, die in dem Sinne noch gar nicht existiert hat, als wir imperialistisch eingriffen.


Vor allem macht man damit die lokale Wirtschaft u.U. kaputt.


Benway - 23.5.2007 um 15:56

xoc schrieb:

Zitat
Ich meinte mit Tieren tatsächlich nicht menschliche Tiere...
Ich habe nie behauptet, dass alle Tiere das Konzept kennen.
Wie, hinauslaufen? Hier läuft nichts hinaus.
Ich dachte, ich hätte schon 2 mal erwähnt, dass es den Menschen eben viel zu kurz gibt? Wir können da ja gerne gemeinsam drauf rumreiten, aber wozu?


Gib mir einfach mal ein Beispiel für "Die, die Gewinnen legen fest, dass sie selbst gut sind.", das nicht aus dem menschlichen Bereich stammt, dann versteh ich evtl auch wovon die Rede ist.
Wenn es ernsthaft um gewisse höhere (Säuge)tiere geht, denen du die Fähigkeit zubilligst, ihren Mesokosmos in "gut" und "schlecht" zu differenzieren, dann wird die These relativ belanglos. Zum einen fallen dann mehr als 99% allen Lebens, das die biologische Evolution bisher hervorgebracht hat raus und zum Anderen bleibt es auch ohne Projektionsvorwürfe bisher unbelegbar, ob Braunbären sich wirklich "gut" und ihre ausgestorbenen Seitenlinien "schlecht" finden.

Zu Afrika:

Zitat
Ich glaube eher, du hast irgendwelche Dinge rausgelesen, die ich gar nicht geschrieben habe oder zumindest nicht meine.
Prima, dann erzähl das denen, die das fordern, aber doch nicht mir!
Du findest also arrogant, wenn man sich in Dinge, die einen nicht wirklich was angehen raushält und weniger arrogant, wenn man sich da einzumisch?


Tja, wenn du Freaks wie Calgmoth und mir hier gegenüber mit dem Begriff 'Oberste Direktive' ankommst ohne das zu konkretisieren, dann wird halt vorausgesetzt, dass du die originale Idee von Gene Roddenberry meinst (http://en.wikipedia.org/wiki/Prime_Directive) - das hieße komplette wirtschaftliche, soziale, kulturelle Isolation einer als primitiv eingestuften ethnischen Gruppe, um ihr Zeit zur Entwicklung zu geben.
Wirtschaftliche Nichteinmischung ist eine andere Forderung und immerhin nicht kulturalismusverdächtig. Aber sich jetzt einfach zurückziehen als wäre nichts gewesen? Nee, in meiner Welt würden dann erst mal die Vereinten Nationen den wenigen Mahnern an Sklavenhandel, Ausbeutung und Kolonialzeit, die Afrika noch hervorbringt und den schon bedeutend mehr Kämpfern gegen bestehende Ausbeutung ein Podium bieten, wo die Täterstaaten dann zu Billionenzahlungen verurteilt werden (was Anderes als Geldzahlungen kommt nicht in Frage, Afrika würde -erst Recht wenn man es nun doch nicht auch sozial und kulturell isoliert- sowieso nicht zu einer präkapitalen Wirtschaft zurückkehren @Arne, ausgewählte "Schäden" zu beheben wäre wieder westlicher Interventionismus nach dem Muster bisheriger Spendenaktionen pur und Afrikas Nationalstaaten würden bei kompletter wirtschaftlicher Isolation durch den restlichen Erdball sowieso keine Volkswirtschaften im klassischen Sinn mehr bilden können, die man durch massiven Devisentransfer kaputtmachen könnte - höchstens ließe sich so eine mögliche Entwicklung in Richtung 'African Socialism', also Neo-Stammesverbände mit Grundeinkommen, beschleunigen, wobei solche Wunschvorstellung natürlich auch wieder interventionistisch geprägt sind @xoc) - aber sind sowieso alles eitle Überlegungen, weil es dazu schlicht nicht kommen wird (aber man kann es sich wenigstens hübsch dramatisch und ganz dem kindlichen Gerechtigkeitsempfinden entsprechend ausmalen, die nüchterne, ein wenig weniger unmöglich anmutende Lösung ist mir als Unity 1-Gutfinder zu langweilig).

Zitat
Wenn du irgendwelche Täter bestrafen willst, nur zu.


Zum Schuldenerlass sollten die großen Gläubiger- und Ausbeuterstaaten nach ihren eigenen Rechtskonventionen verdonnert werden, statt dass sie ihn gnädig geschehenlassen, nur darum geht es. Die Täter sind entweder tot oder unantastbar (und die Staaten und multinationalen Konzerne die sie führen entsprechend auch, insofern hast du Recht, man kann sich ebensogut vorstellen, wie George Bush oder Leopold von Belgien von Shaka Zulus Nachfahren mit einer Hühnerfeder gefoltert werden, wie dass Afrika vom Westen in die wirtschaftliche Unabhängigkeit entlassen wird)


Calgmoth - 23.5.2007 um 17:18

Cool, der Thread wird langsam richtig wirr. Jeder redet am anderen vorbei, aber's gibt trotzdem noch Motivation, sich zu beteiligen... Andererseits: Auf welchen Thread trifft das denn jetzt nicht zu ;-)?

Xocs Gerede vom sich als Spezies gut setzen versteh' ich bisher auch noch nicht. Gut, man könnte vielleicht einigermaßen plausibilisieren, weshalb irgendwelche Tiere ihre Nahrung, Weibchen oder Herrchen gut finden könnten, aber sich selbst als Spezies hat meines Wissens nach noch keine als 'gut' gesetzt. Dabei wissen wir ja immer noch nicht, in welchem Sinne wir hier von 'gut' reden... Moralisch, prudentiell, funktional, ontologisch oder sonst noch irgendwie.

In jedem Fall würde ich auch noch abstreiten wollen, dass der olle Mensch sich als Spezies als 'gut' gesetzt hat. Nämlich ich als auch Mensch seiendes Vieh tue das nicht ;-).

Dann noch 'mal zur Evolution:

Der Umstand, dass der Mensch sehr viel schneller die für ihn relevanten Umweltbedingungen ändern kann und ändert, als er sich fortpflanzt, wird wohl erst dann Folgen für seine Evolution haben, wenn er mit den veränderten Umweltbedingungen nicht mehr zu Rande kommt, und er nicht mehr in der Lage ist, die Stellschraube der Umweltbedingungen auf 'für einen wesentlichen Teil der Population akzeptabel' zurückzudrehen.
Allerdings könnte er immer noch in der Lage sein, sich an den Mist anzupassen. Es soll ja auch regional bedingte Luftsprünge bei Sichelzellenanämiegeburten geben ;-).

Zum Schwarzen Kontinent:

[QUOTE]So lange halt wie es Regimes gab, für die existente Staaten die Rechtsnachfolge übernommen haben. Und dann geht der Hauptteil der Kohle bitte nicht an die vermeintlichen Nachfahren von irgendeinem Haussklaven sondern nach dem Muster der deutschen Wiedergutmachungszahlungen direkt an die korrupte liberianische Staatsführung.[/QUOTE]

Hm, hört sich für mich jetzt nicht so nach 'ner Idee an, für die ich mir Nachmittage um die Ohren hauen würde.
Aber gut, is' vielleicht besser als gar nichts ;-).

[QUOTE]OK, ich gebe zu, dass Schwarzafrika in Bedrängnis geraten könnte, wenn man es gerade jetzt mit Aids alleinließe, also vielleicht noch ein paar Megatonnen Latex zusammen mit den Billionen US-Dollars abwerfen, dann können sich die netten Leute da wenigstens fast selbständig entscheiden, ob sie ein kurzes spaßiges oder ein langes eintöniges Leben haben wollen.[/QUOTE]

AIDS hatte ich dabei eigentlich vor allem im Hinterkopf. Nicht, dass man sich im Westen gegenwärtig darum reißen würde, armen Wilden zu helfen, aber ohne unsere westlichen Lieblings-Pharmafirmen dürfte's da noch dreckiger aussehen. Behaupte ich jetzt 'mal.
Gut, und dann gäbe es meinetwegen noch die bisher verdammt weit verbreitete Schlafkrankheit - wenn Arsenverbindungen das einzige sogenannte 'Medikament' sind, sehe ich doch eher schwarz ;-).

Die Verhüterli könnten wir aber eigentlich behalten. Die Wilden wollen die ja eh nicht benutzen - andererseits gilt das auch für ziemlich viele Leute hier, hm...

[QUOTE]Huch, muss man das im Philosophiestudium begründen, nichts zu tun? Wenn ja dann beneide ich euch nicht.[/QUOTE]

Nicht wirklich. Geht eher darum, wieso die Position des moralischen Relativismus eigentlich nicht funktioniert. Aus dem Umstand, dass es verschiedene Moralsysteme gibt, läßt sich natürlich nicht ableiten, wieso man keinen absoluten Anspruch an die eigene Moral haben sollte, oder entscheiden, wer denn nun recht hat, wenn's um 'ne in unterschiedlichen Moralsystemen unterschiedlich bewertete Streitfrage geht.
Genauso muss es nicht eingängig sein - obwohl's durchaus was für sich hat ;-) - wenn man aus dem Umstand, dass es vielerlei Kulturen und Moralen gibt, keine absolute einzig richtige Moral gibt.
Der Relativismus funktioniert zwar in Stück weit als Reiserichtlinie, dergestalt eben, dass man sich an Gesetze und Regeln des Gastlandes hält, wenn man keinen Ärger will - auch wenn das irgendwie aus der eigenen Sicht heraus alles Schwachsinn ist - aber nicht, wenn zwei Systeme als Systeme irgendwie aufeinanderprallen...

Tja, an der Stelle höre ich dann 'mal wieder auf...

Im übrigen halte ich Toleranz aber nicht für Apartheid. Zumindest nicht, wenn's um Einmischung auf der privaten Ebene geht. Wenn Gruppen oder Staaten Toleranz praktizieren, mag das u. U. anders aussehen.


deep7 - 23.5.2007 um 20:46

Zitat
Original von Calgmoth
Der Relativismus funktioniert zwar in Stück weit als Reiserichtlinie, dergestalt eben, dass man sich an Gesetze und Regeln des Gastlandes hält, wenn man keinen Ärger will...

Wäre das nicht Sitte? Wir hatten die Stichwörter Moral und Sitte letztens erst im Wirtschaftsunterricht kurz definiert:

Sitte meint das Verhalten nach außen und ist durch (sozialen) Anpassungsdruck der Gesellschaft erzwingbar, wohingegen das Wort Moral die innere, individuelle (Werte-)einstellung bezeichnet.


... - 24.5.2007 um 01:12

Letzteres ist 'ne schöne Definition und erklärt wahrscheinlich, warum es in unterschiedlichen Kulturen manchmal völlig abweichende Sitten gibt, @deep7.
Und in manchen Staaten gilt es, dass die Moral eben wesentlich höher zu werten ist als alle gesellschaftlichen Konventionen.

Zu der Frage, was man auch außerhalb der Werteethik des Menschen als "gut" und "schlecht" ansehen kann, dann könnte man maximal festlegen, dass nach darwinistischen Vorstellungen eben alles "gut" ist, was sich durchsetzt.
Kann man insofern als Maßstab akzeptieren, wenn man nicht dem Nihilismus höhere Werte zusteht.

Und was Afrika anbelangt, da werdet Ihr jetzt echt leicht rassistisch:
Warum sollte es bitte nicht möglich sein, dass die Menschen dort selber entscheiden, inwiefern und in welcher Form sie eine Entschädigung erhalten wollen, @Benway?
Das ist eben das, was ich mit dem kybernetischen Modell meine. Unsere Aufgabe kann allein darin bestehen, den von uns ausgebeuteten Menschen alle Möglichkeiten zu geben, sich zu entscheiden, was sie wollen.
Das ist btw ein pädagogisches Modell auch und das funktioniert z.B. auch bei geistig schwerst behinderten Menschen.

Und solche Sachen wie "Die wollen ja eh unsere Kondome nicht" und "Die brauchen unsere westlichen Pharmaprodukte" ist schon ein bisschen imperialistisch, wenn nicht rassistisch, @Calgmouth.


Calgmoth - 24.5.2007 um 13:36

@Arne:

Die Kondom-Sache war eigentlich ironisch gemeint, und bezog sich bloß darauf, dass man den Leuten in Afrika - zumindest so wie mir das durch die Vermittlung qua Medien zu Ohren gekommen ist - allem Anschein nach nicht begreiflich machen kann, dass sie, wenn sie die Dinger nicht benutzen, AIDS bekommen. Und eine ähnliche Sorglosigkeit/Dummheit breitet sich hier ja auch langsam wieder aus, wenn man diversen Berichten glauben kann.

Ein bloßes Abwerfen von Kondomen bringt also wohl definitiv nichts und wäre sinnlos ;-).


Xoc - 24.5.2007 um 15:49

Zitat
Original von Calgmoth
Xocs Gerede vom sich als Spezies gut setzen versteh' ich bisher auch noch nicht. Gut, man könnte vielleicht einigermaßen plausibilisieren, weshalb irgendwelche Tiere ihre Nahrung, Weibchen oder Herrchen gut finden könnten, aber sich selbst als Spezies hat meines Wissens nach noch keine als 'gut' gesetzt. Dabei wissen wir ja immer noch nicht, in welchem Sinne wir hier von 'gut' reden... Moralisch, prudentiell, funktional, ontologisch oder sonst noch irgendwie.


Meine Behauptung war:
"Wenn man die Dinge sich selbst überlässt, wird sich langfristig immer das Gute durchsetzen, einfach, weil langfristig nur erhalten bleibt, was langfristig funktioniert und dasjenige dann auch definieren wird, was gut ist."
Das mit der Spezies kommt von Benway...

Ein Beispiel, nehmen wir mal das böse Aids [genauer: HIV], machen diesbezüglich gar nix und warten etliche tausend Jahre, dann gibt es folgende Möglichkeiten:
-Der Mensch ist ausgestorben und alles ist gut.
-Aids ist ausgerottet und alles ist gut.
-Wir sind gegen Aids immun, weil alle gestorben sind, die es nicht waren.
-Aids hat sich an den Menschen angepasst und ist eine völlig harmlose Krankheit, auch gut.

Auf jeden Fall haben wir dann kein böses Aids mehr.


Tetrarchos - 24.5.2007 um 15:57

Man muss aber damit rechnen das man SELBER vom bösen Aids noch gekillt wird.
Aus diesem Grund kann ein Mann mit einer sechsschüssigen Pistole 20 Leute in Schach halten. Nur 6 Leute können getötet werden, aber alle 20 befürchten zu diesen 6 zu gehören!


Lonewolf - 24.5.2007 um 16:10

Zitat
Original von Xoc
Zitat
Original von Calgmoth
Xocs Gerede vom sich als Spezies gut setzen versteh' ich bisher auch noch nicht. Gut, man könnte vielleicht einigermaßen plausibilisieren, weshalb irgendwelche Tiere ihre Nahrung, Weibchen oder Herrchen gut finden könnten, aber sich selbst als Spezies hat meines Wissens nach noch keine als 'gut' gesetzt. Dabei wissen wir ja immer noch nicht, in welchem Sinne wir hier von 'gut' reden... Moralisch, prudentiell, funktional, ontologisch oder sonst noch irgendwie.


Meine Behauptung war:
"Wenn man die Dinge sich selbst überlässt, wird sich langfristig immer das Gute durchsetzen, einfach, weil langfristig nur erhalten bleibt, was langfristig funktioniert und dasjenige dann auch definieren wird, was gut ist."
Das mit der Spezies kommt von Benway...

Ein Beispiel, nehmen wir mal das böse Aids [genauer: HIV], machen diesbezüglich gar nix und warten etliche tausend Jahre, dann gibt es folgende Möglichkeiten:
-Der Mensch ist ausgestorben und alles ist gut.
-Aids ist ausgerottet und alles ist gut.
-Wir sind gegen Aids immun, weil alle gestorben sind, die es nicht waren.
-Aids hat sich an den Menschen angepasst und ist eine völlig harmlose Krankheit, auch gut.

Auf jeden Fall haben wir dann kein böses Aids mehr.


Erinnert mich ein wenig an Leibnitz: Was ist, ist gut, weil's so sein muss und sich erklären lässt. ;)
Mir erscheint das ziemlich platt und tautologisch, einfach einen Ist-Zustand moralisch bewerten zu wollen - wobei es ohnehin schon relativ fraglich ist, inwiefern denn eine solche Bewertugn überhaupt einseitig erfolgen kann. Wer soll denn bitte das "gute" letztlich definieren? Ebensogut könnte der Mensch in tausend Jahren rückblickend bewertend feststellen, dass das Nichteingreifen damals
zu zig tausend Toten geführt hat, die theoretisch zu verhindern gewesen wären - und genau diesen Tatbestand als "schlecht" bewerten, unabhängig von seiner eigenen aktuellen Situation.


Calgmoth - 24.5.2007 um 16:13

@Xoc:

Na ja, aber da ignorierst/übersiehst du jetzt den Umstand, dass wir weder 'nen Konsens darüber haben, dass irgendwelche Gruppen, evolutionäre Prozesse überhaupt für gut befinden - gleichgültig in welchem Sinne wir 'gut' in dem Fall verwenden würden.
Den Umstand, dass sich irgendwas anpaßt, muss nicht bewertet werden. Da reicht's wenn wir das bloß beschreiben, und damit hat sich's.
Ich würde in jedem Fall dazu neigen, derartige Wertungen wegzulassen, weil die doch sehr kontextabhängig sind. Was z. B. allem Anschein nach im Perm für's Dimetrodon funktioniert hat, funktioniert halt heute offenbar nicht mehr.

Weiter geht's bei deinem Beispiel unten bloß dann wirklich, wenn du noch eine Spezies/Gruppe/Intelligenz hast, die beschreiben und bewerten kann. Gegenwärtig würde ich zumindest dazu neigen, dass - soweit der Mensch informiert ist - nur der Mensch diesen Job machen kann. Wenn er dann ausgestorben ist, dann wird nichts bewertet. Also ist nichts gut oder schlecht oder sonstwie, sondern gar nichts mehr.

Mit Benways Arthie gesprochen, ist dann halt die Welt als Vorstellung ihrer Vernunftkomponente beraubt. Etwaige noch existente Viecher vögeln halt weiter vor sich hin, sprachlich messen sie aber dem Umstand, dass sie noch da sind, keine wie auch immer geartete Güte zu...


Xoc - 24.5.2007 um 16:28

Zitat
Original von Lonewolf
Mir erscheint das ziemlich platt und tautologisch,


Es ist fast tautologisch.
Aber platt? Wie du meinst...

Zitat
Original von Lonewolf
einfach einen Ist-Zustand moralisch bewerten zu wollen


Es geht doch um das, was wir und nicht das, was ist?

Zitat
Original von Lonewolf
Wer soll denn bitte das "gute" letztlich definieren?


Die, die übrig bleiben.

Zitat
Ebensogut könnte der Mensch in tausend Jahren rückblickend bewertend feststellen, dass das Nichteingreifen damals
zu zig tausend Toten geführt hat, die theoretisch zu verhindern gewesen wären - und genau diesen Tatbestand als "schlecht" bewerten, unabhängig von seiner eigenen aktuellen Situation.


Ach, möchtest du sagen, die Leute würden heute noch leben, wenn man eingegriffen hätte? :D

Ausserdem habe ich keine Aussage über solche rückblickenden Bewertungen gemacht.


Tetrarchos - 24.5.2007 um 16:43

Ich denke man kann eigentlich nur den "Ist-Zustand" bewerten! Der "Ist-Zustand" hat reale Auswirkungen auf den Alltag. Ab einer gewissen Armutsstufe / Unterschicht muss man politische Interessen mit dem täglichen ÜBERLEBEN leider verquicken.


Xoc - 24.5.2007 um 16:56

Zitat
Original von Calgmoth
Na ja, aber da ignorierst/übersiehst du jetzt den Umstand, dass wir weder 'nen Konsens darüber haben, dass irgendwelche Gruppen, evolutionäre Prozesse überhaupt für gut befinden - gleichgültig in welchem Sinne wir 'gut' in dem Fall verwenden würden.


Es geht nicht um das Bewerten von evolutionärem Prozessen, sondern deren Resultaten.
Und was ignoriere ich da?

Zitat
Original von Calgmoth
Den Umstand, dass sich irgendwas anpaßt, muss nicht bewertet werden. Da reicht's wenn wir das bloß beschreiben, und damit hat sich's.


Das Resultat einer Anpassung wird bewerten werden, sofern noch geeignete Subjekte dafür da sind.
Den Prozess selbst, den habe ich doch gar nicht bewertet!

Zitat

Ich würde in jedem Fall dazu neigen, derartige Wertungen wegzulassen, weil die doch sehr kontextabhängig sind. Was z. B. allem Anschein nach im Perm für's Dimetrodon funktioniert hat, funktioniert halt heute offenbar nicht mehr.


Ich verstehe nicht, was das mit dem zu tun hat, was ich sage.
Die Kontextabhängigkeit von Wertungen ist mir bekannt. Es ist sogar so, ohne sie funktioniert meine Behauptung gar nicht.

Zitat

Weiter geht's bei deinem Beispiel unten bloß dann wirklich, wenn du noch eine Spezies/Gruppe/Intelligenz hast, die beschreiben und bewerten kann. Gegenwärtig würde ich zumindest dazu neigen, dass - soweit der Mensch informiert ist - nur der Mensch diesen Job machen kann.


Der Mensch ist der einzige, der Symbole für "gut" hat. Und selbst da bin ich mir nicht sicher.
Aber das Konzept "gut", das ist offensichtlich ziemlich verbreitet.
Dafür braucht man eigentlich nur irgendwelche Wesen, die etwas anstreben können.
Ich finde das eine etwas komische Einstellung anzunehmen, dass nur derjenige etwas als gut bewerten könne, der auch behaupten kann, dass er bewertet.

Zitat

Wenn er dann ausgestorben ist, dann wird nichts bewertet. Also ist nichts gut oder schlecht oder sonstwie, sondern gar nichts mehr.


Also, nehmen wir mal an, alles ist ausgestorben. Dann ist zumindest nichts schlecht. Auch ok.
Dann hätte eben "nicht schlecht" formulieren müssen, statt "gut", da kann ich mich drauf einlassen.

Zitat
Mit Benways Arthie gesprochen, ist dann halt die Welt als Vorstellung ihrer Vernunftkomponente beraubt. Etwaige noch existente Viecher vögeln halt weiter vor sich hin, sprachlich messen sie aber dem Umstand, dass sie noch da sind, keine wie auch immer geartete Güte zu...


Aber mir geht es doch gar nicht um Sprache...


Benway - 24.5.2007 um 16:57

Calgmoth schrieb:

Zitat
Cool, der Thread wird langsam richtig wirr. Jeder redet am anderen vorbei, aber's gibt trotzdem noch Motivation, sich zu beteiligen... Andererseits: Auf welchen Thread trifft das denn jetzt nicht zu ;-)?


Irgendwie haben Arne-Threads dieses Phänomen so an sich...liegt vielleicht daran, dass @Arne selbst die geile Angewohnheit hat, jedes Stück Text das im Unity Forum erscheint zu kommentieren und mit seinen Assoziationen zu bestücken (das ist nicht im Geringsten ironisch gemeint) und andere damit ermutigt, das selbe zu tun bzw. notfalls auch ganz allein ausgehend von nur einer einzigen Fragestellung ein enormes Themenspektrum abklappert...sollte man evtl mal wissenschaftlich untersuchen die Frage...in zwei, drei Jahren, wenn sich auch noch mehr Forschungsmaterial angesammelt hat, mach ich dazu vielleicht nen Thread auf.

Zitat
Der Umstand, dass der Mensch sehr viel schneller die für ihn relevanten Umweltbedingungen ändern kann und ändert, als er sich fortpflanzt, wird wohl erst dann Folgen für seine Evolution haben, wenn er mit den veränderten Umweltbedingungen nicht mehr zu Rande kommt, und er nicht mehr in der Lage ist, die Stellschraube der Umweltbedingungen auf 'für einen wesentlichen Teil der Population akzeptabel' zurückzudrehen.


Du unterschlägst die andere Hälfte der Horrorvision dummer Menschen: der Mensch passt sich ein paar hundert bis tausend Generationen an "Das Falsche" an und es findet zusätzlich keine "Gesunde, Natürliche" sexuelle Selektion mehr statt...und dann gehen uns eines Tages die Brennstoffe oder Ideen aus und wir müssen uns wieder im "Natürlichen Urzustand" mit einer bösen, feindlichen Umwelt herumschlagen, sind aber alle längst zu fett, degeneriert und bisexuell, um uns lange behaupten zu können. Hach ja, hätte Spengler doch nur ein paar dutzend Jahre später gelebt, seine Schriften wären mit Sicherheit um vieles Amüsanter geworden. Allgemein find ich Sozialdarwinismus ja noch tolerabel, aber diese Spezialform von 'humanistischem Sozialdarwinismus' die nötig ist, um sich um den Fortbestand der Menschheit unter (kultur)evolutionären Gesichtspunkten Gedanken zu machen, die finde ich irgendwie...degeneriert.

Zitat
Nicht, dass man sich im Westen gegenwärtig darum reißen würde, armen Wilden zu helfen, aber ohne unsere westlichen Lieblings-Pharmafirmen dürfte's da noch dreckiger aussehen. Behaupte ich jetzt 'mal.


Würde/Muss ich auch zustimmen, aber ist alles sehr relativ. Wer Afrika im Kampf mit Aids wirklich helfen möchte, der sollte sich schnellstmöglich selbst mit HIV infizieren und möglichst viele andere Westeuropäer und Amerikaner anstecken, bevorzugt aus Politik, Wirtschaft und anderen bisher unterrepräsentierten Schichten. Dann wären unsere Lieblings-Pharmafirmen vielleicht etwas motivierter, auch die Produktion erschwinglicher Präparate anzukurbeln (wobei man wiederum darüber streiten kann, ob die Verteilung der bisher erhältlichen Palliativ-Präparate Afrika wirklich gut tut oder nur einen noch höheren Infiziertenzoll fordert - womit wir wieder bei humanistischem Sozialdarwinismus und Neo-Rassismus wären) :

Arne schrieb:
Zitat
Und was Afrika anbelangt, da werdet Ihr jetzt echt leicht rassistisch:
Warum sollte es bitte nicht möglich sein, dass die Menschen dort selber entscheiden, inwiefern und in welcher Form sie eine Entschädigung erhalten wollen, @Benway?


Die angesprochene Seite der Medaille ist ein internes (moralisches) Problem der westlichen Welt, es wurden allgemein gültige Rechtsovrstellungen, Rechtsnormen und auch Verträge von Staatsführungen gebrochen, für die existente Staaten die Rechtsnachfolge übernommen haben (wir tun jetzt einfach mal so, als ob Rechtsnormen einen absoluten semantischen Gehalt hätten und als ob der exakt dem entspräche, was wir uns heute darunter vorstellen - also durchaus wieder die humanistische Perspektive). In so einem Fall hatten wir halt bisher nur Wiedergutmachungszahlungen und es wäre auch schwer zu verstehen, warum das in einem Fall so geregelt sein soll und in zigtausend Anderen nichts geschieht (hui, schon das zweite Stichwort für dich @darkeastwood, jetzt wird's langsam aber wirklich Zeit, dass du dich an diesem Thread beteiligst ;))
Was Afrika sonst noch an berechtigten Forderungen gegenüber den legalen Ausbeutern von heute
hat, das wird es wohl oder überall auf selbst geltend machen müssen...vorzugsweise da wo es dem Westen richtig weh tut, durch Zwangsenteignungen, Ausweisungen und Terroranschläge (einmal mehr keine Ironie hier).


xoc schrieb:
Zitat
Meine Behauptung war:
"Wenn man die Dinge sich selbst überlässt, wird sich langfristig immer das Gute durchsetzen, einfach, weil langfristig nur erhalten bleibt, was langfristig funktioniert und dasjenige dann auch definieren wird, was gut ist."
Das mit der Spezies kommt von Benway...


Du hast aber auch gesagt, dass das irgendwie unabhängig von menschlichen Wertungen geschehen soll, also anders als im Beispiel mit HIV, wo einfach du mögliche Alternativen wertest (bzw -ebenfalls aus menschlicher Perspektive- "gut" pauschal für jeden asymptotischen Zustand setzt, was wie Lonewolf schon geschrieben hat ein bisschen nach Leibniz riecht), da kannst du es Calgmoth und mir IMO genausowenig wie bei der Prime Directive verübeln, dass man sich krude Erklärungsmöglichkeiten zurechtlegt und mit denen weiterspielt (wie schon geschrieben wurde, irgendwoher muss die Motivation auch kommen, weiterzuposten, obwohl man nur Bahnhof versteht).


Benway - 24.5.2007 um 17:01

Lonewolf schrieb:
[QUOTE]Wer soll denn bitte das "gute" letztlich definieren? [/QUOTE]
xoc schrieb:
[QUOTE]Die, die übrig bleiben.[/QUOTE]

Aber wer um Gottes Willen soll das denn nun sein im Fall
[QUOTE]Der Mensch ist ausgestorben und alles ist gut.[/QUOTE]

Leibniz hatte da wenigstens noch ne Antwort drauf, aber ich bezweifle irgendwie, dass das die deine ist.


Benway - 24.5.2007 um 17:18

Huch, das haste ja inzwischen beantwortet, während mein Modem noch mit dem Hochladen beschäftigt war...und leider lassen sich Beiträge hier irgendwie nicht mehr löschen - aber egal, gewinnt der Thread halt noch an Wirre aka Komplexität. Gratulation jedenfalls, wenn du das Geschriebene wirklich ernstmeinst, dann lebst du tatsächlich mit Leibniz ganz bequem per definition in der besten aller möglichen Welten (viel konsequenter als ich in der schlechtesten) - interessant, dass der Fixpunkt und die Gretchenfrage von extremem philosophischen Optimismus wie von extremem philosophischen Pessimismus beim Verlöschen der Welt als Vorstellung liegt, nur weil diese Möglichkeit existiert, können sie beide keine Absolutheit beanspruchen. Wobei du teilweise so zu denken scheinst

Zitat
Also, nehmen wir mal an, alles ist ausgestorben. Dann ist zumindest nichts schlecht. Auch ok.

,teilweise nicht
Zitat
Aber mir geht es doch gar nicht um Sprache...


Wie Calgmoth schon bemerkt hat, kann man es sich als Arthie-Jünger da einfach machen: die Welt, wie wir sie uns konstruieren ist per defintion weg, wenn wir nicht mehr da sind um sie zu konstruieren, das hängt nicht an der Sprache oder an der Möglichkeit, 'Cogito ergo' zu sagen, Kakerlaken, die einen nuklearen Holocaust vielleicht überleben würden, können uns so nicht bewerten.


Xoc - 24.5.2007 um 17:21

Zitat
Original von Benway
Lonewolf schrieb:
[QUOTE]Wer soll denn bitte das "gute" letztlich definieren? [/QUOTE]
xoc schrieb:
[QUOTE]Die, die übrig bleiben.[/QUOTE]

Aber wer um Gottes Willen soll das denn nun sein im Fall
[QUOTE]Der Mensch ist ausgestorben und alles ist gut.[/QUOTE]


Für den Fall, dass jeder Bewerter ausgestorben ist, gilt lediglich, dass es niemand mehr schlecht findet.
Wenn nur der Mensch weg ist, gibts sicher noch genügend die irgendwas gut finden können.
Ja, "und alles ist gut" ist, wenn man es wörtlich versteht, mit Sicherheit falsch.
War aber nicht wörtlich gemeint. :p

Zitat

Leibniz hatte da wenigstens noch ne Antwort drauf, aber ich bezweifle irgendwie, dass das die deine ist.


Ich möchte mich hiermit ausdrücklich von Leibniz distanzieren. Ich habe ihn nicht gelesen und ich behaupte nicht, dass er Recht hatte. Alles übrige bitte ich persönlich mit ihm zu klären ;)

Zitat

Du hast aber auch gesagt, dass das irgendwie unabhängig von menschlichen Wertungen geschehen soll, also anders als im Beispiel mit HIV, wo einfach du mögliche Alternativen wertest (bzw -ebenfalls aus menschlicher Perspektive- "gut" pauschal für jeden asymptotischen Zustand setzt, was wie Lonewolf schon geschrieben hat ein bisschen nach Leibniz riecht), da kannst du es Calgmoth und mir IMO genausowenig wie bei der Prime Directive verübeln, dass man sich krude Erklärungsmöglichkeiten zurechtlegt und mit denen weiterspielt (wie schon geschrieben wurde, irgendwoher muss die Motivation auch kommen, weiterzuposten, obwohl man nur Bahnhof versteht).


Ich verübel ja niemanden wirklich was.
Ich will nur keine Position verteidigen, die ich gar nicht habe, das ist doch hoffentlich verständlich.

Und, zum Inhalt:
Glaubst du, dass nur der Mensch gut finden kann?
Wenn ja, woraus schliesst du, dass andere Menschen ausser dir gut finden können?
Und wieso ist dieser Schluss nicht auf (extra für Benway: :D andere) Tiere anwendbar?


Xoc - 24.5.2007 um 17:41

Zitat
Original von Benway
Huch, das haste ja inzwischen beantwortet, während mein Modem noch mit dem Hochladen beschäftigt war...und leider lassen sich Beiträge hier irgendwie nicht mehr löschen - aber egal, gewinnt der Thread halt noch an Wirre aka Komplexität. Gratulation jedenfalls, wenn du das Geschriebene wirklich ernstmeinst, dann lebst du tatsächlich mit Leibniz ganz bequem per definition in der besten aller möglichen Welten (viel konsequenter als ich in der schlechtesten)


Nee, nee, die Welt ist nicht gut. Ich behaupte nur, dass alles gut wird (Etwas formaler, falls das missverstanden wird: Ich meine damit nicht, dass irgendwann für alles das Prädikat gut wahr ist, sondern, das alles was ist dann nicht mehr ist oder das Prädikat gut hat. Und ich behaupte auch nur, dass das lediglich grundsätzlich stimmt)! :D
Aber da wir Fortschritt haben gibts immer wieder neue Dinge, die schlecht sein können :(

Zitat
Wie Calgmoth schon bemerkt hat, kann man es sich als Arthie-Jünger da einfach machen: die Welt, wie wir sie uns konstruieren ist per defintion weg, wenn wir nicht mehr da sind um sie zu konstruieren, das hängt nicht an der Sprache oder an der Möglichkeit, 'Cogito ergo' zu sagen, Kakerlaken, die einen nuklearen Holocaust vielleicht überleben würden, können uns so nicht bewerten.


Moment, kann ich dann auch behaupten, den Holocaust gabs nie, weil ich noch nicht da war um ihn in meinem Kopf zu konstruieren? :D
Und wenn ja, darf ich dich dann anzeigen, weil du implizit den Holocaust leugnest?

Oder gilt, dass die Welt nicht existieren, wenn ich nicht existiere nur in eine Zeitrichtung?
(Aber die Diskussion mit dem Zeitpfeil haben wir gerade woanders und sollten sie nach dort verlegen, falls das der Knackpunkt ist)


Benway - 24.5.2007 um 18:50

Zitat
Für den Fall, dass jeder Bewerter ausgestorben ist, gilt lediglich, dass es niemand mehr schlecht findet.


Und niemand wertet mehr "gut". Es wertet überhaupt niemand mehr, die Welt wie wir sie kennen (und das sind offenbar 100% davon), die Welt als Vorstellung hat aufgehört zu existieren, Thesen wie "die Welt ist..." sind obsolet. Insofern können sich der radikale philosophische Optimist und der radikale philosophische Pessimist immerhin zugute halten, dass sie kein geschlossenes Weltbild vertreten (was zB eine Voraussetzung ist, wenn man von @Ina Ernst genommen werden will).

Zitat
Wenn nur der Mensch weg ist, gibts sicher noch genügend die irgendwas gut finden können.


Das wird unten ja noch mal ausführlicher angeschnitten, deshalb geh ich da drauf ein (ach ja, der Thread wird wie von Calgmoth vorhergesehen zunehmend wirrer, ergo philosophischer)

Zitat
Ja, "und alles ist gut" ist, wenn man es wörtlich versteht, mit Sicherheit falsch.
War aber nicht wörtlich gemeint.


Wenn jeder asymptotische Zustand als "gut" gesetzt wird, dann ist die Welt -ein kartesisisches Zeitverstädndnis vorausgesetzt, von dem ich nicht weiß ob du es hast- ihrem Wesen nach schon gut. Der asymptotistsche Zustand von allen, von dem wir uns 'ziemlich' sicher sein dürfen, dass er eintrifft, ist das Ende 'unserer' Welt. Inosfern haben auf die Ewigkeit angelegte philosophische Thesen nach westlichem Muster eine verdammt schnelles Verfallsdatum (macht aber natürlich trotzdem Spaß, sie zu konsumieren).

Zitat
Glaubst du, dass nur der Mensch gut finden kann?


Den menschlichen Begriff von gut kennt nur der Mensch und über alles Andere können wir keine Aussage machen. Schon möglich, dass Kakerlaken die Veränderungen im Ökosystem registrieren würden, die ein Atomkrieg mit Verschwinden der Menschheit auslösen würde, sie würden aber weder die menschliche Kategorie von gut noch die menschliche Kategorie eines Zustands verwenden können. Netter Aufsatz, der sich randständig mit dem Thema befasst: "What is it like to be a bat?" von Thomas Nagel - gerade mal sieben Seiten wissenschaftliche Herangehensweise an die Fragestellung nur um zur Erkenntnis zu kommen, dass wir keine Aussage darüber machen können, wie sich eine qualitativ andere Wahrnehmung der Welt "von innen" anfühlen könnte. Wie sich Kakerlaken oder Pinguine ihre Welt konstruieren, wird uns trotz allen Fortschritten in der Qualiaforschung ewig ein Geheimnis bleiben.

Zitat
Wenn ja, woraus schliesst du, dass andere Menschen ausser dir gut finden können?


Sie finden nicht so "gut" wie ich und sie konstruieren sich nicht die selbe Welt wie ich (teilweise wie meine Schüler auch eine sehr andere), aber eine gewisse qualitative Ähnlichkeit in den Konstrukten ist nicht von der Hand zu weisen...das ist das Schöne an der Schopenhauerschen Willensphilosophie, sie schützt zuverlässig vor dem Solipsismus...andere menschliche Wesen sind mir evolutionär so ähnlich, dass man von einer scharfen Kongruenz in den konstruierten Weltsichten ausgehen kann (die sich aber wie Watzlawick richtig festgestellt hat, allein an ihrem Funktionieren und an nichts sonst festmachen kann).

Zitat
Und wieso ist dieser Schluss nicht auf (extra für Benway: andere) Tiere anwendbar?


Das ist mir zu riskant...draußen auf der Straße finde ich unter physiologisch fast baugleichen Exemplaren kaum jemand, der annähernd die selben Vorstellungen von "der Menschheit" oder "der Erde" hat wie ich. Dass eine post-atomare Kakerlake Kategorien hat, die über ihren Mesokosmos und ihren Kampf ums Dasein hinausgehen und meinen dann auch noch ähneln sollen, das kann ich zwar nicht ausschließen, aber glauben muss ich es deswegen noch lange nicht.
Wenn es aber nicht darum geht, dass bestimmte klar definierte Phänomene (die halt IMO immer nur menschliche konstruierte Vorstellungen sind) wie zB die Menschheit, das Ökosystem, die Welt etc. gewertet und für "gut" befunden werden sollen, sondern nur von irgendetwas irgendwas, dann sind wir wieder beim @Ina'schen Ureinwand...mir gefällt "die Welt" nicht und sie existiert schon "sehr lange".

Zitat
Ich meine damit nicht, dass irgendwann für alles das Prädikat gut wahr ist, sondern, das alles was ist dann nicht mehr ist oder das Prädikat gut hat. Und ich behaupte auch nur, dass das lediglich grundsätzlich stimmt!


Wie gesagt, das menschliche Prädikat gut wird verschwunden sein, sobald es keine Menschen mehr gibt, die uns qualitativ ähnlich sind. Wenn du aus deiner Sicht an diesem heutigen Tag so werten willst, dass alles was in t-->unendlich noch "sein" wird, für dich "gut" ist...tja, dann bleibt das für mich halt die aufgewärmte Leibniz-These, auch wenn du dich davon distanzierst, letztlich ne reine Definitionsfrage.
Andererseits ist t-->unendlich bereits jetzt vergangen (spätestens jetzt wäre auch der Zeitpunkt gekommen, dich einzuschalten und mir zu wiedersprechen @Ina) und es gibt noch Kategorien wie "gut" und "schlecht", Definitionen allerdings lassen sich damit nicht angreifen.

Zitat
Moment, kann ich dann auch behaupten, den Holocaust gabs nie, weil ich noch nicht da war um ihn in meinem Kopf zu konstruieren?


Warste ja auch nicht...stattdessen hast du dir aus Geschichtsbüchern, Fernsehberichten und evtl. noch Weltverschwörungsbüchern eine (dynamische) Vorstellung davon konstruiert - keiner hat mehr als das, aber die meisten eine verschiedene. Es gibt in "der Welt da draußen" genausowenig einen Holocaust wie es einen Baum gibt...wieder das alte Problem...es ist völlig egal, ob neben dem Baum gerade ein Schallwellenmessgerät rumsteht, es geht nur darum, dass "Schallwellen" genau wie ein "Baum" oder das Geräusch das er beim Umfallen macht überhaupt erst mal konstruiert werden wollen...viele von den Leuten, mit denen ich täglich zu tun habe nehmen einen "Baum" beispielsweise nicht als Einheit wahr (was ihnen von den Prüfern, die ihre Diagnose vornehmen, dann natürlich zu ihren Ungunsten ausgelegt wird).

Zitat
Und wenn ja, darf ich dich dann anzeigen, weil du implizit den Holocaust leugnest?


Für philosophische Leugnung der Welt kommt man nicht ins Gefängnis, höchstens auf den Scheiterhaufen...wobei der Watzlawick es im einundzwanzigsten Jahrhundert sogar zu einem Begräbnis mit allen zivilen Ehren gebracht hat, aber der radikale Konstruktivismus ist auch die charmanteste und sich am meisten bei den etablierten Lehrmeinungen anbiedernde Schule der Weltzerlegung.


Calgmoth - 24.5.2007 um 19:36

Bäh, hier kann man ja nicht 'mal mehr gemütlich 'n dreistündiges Foucault-Seminar besuchen, ohne gleich ellenlange Beiträge lesen zu müssen. Wobei ich das natürlich gar nicht müßte, aber das lassen wir jetzt...

Dann fangen wir 'mal an. [Eigentlich mag ich seit längerem diese doofen QUOTE-PASTE-Beiträge nicht mehr, aber an der Stelle geh' ich wohl doch'mal wieder so vor. Hilft zumindest dabei, vom eigentlichen Thema nochmals total abzuschweifen ;-).]

@Xoc:

[QUOTE]
Es geht nicht um das Bewerten von evolutionärem Prozessen, sondern deren Resultaten.
Und was ignoriere ich da?[/QUOTE]

Mehr als genug. Angefangen dabei, dass ich, um über evolutionäre Resultate reden zu können, erst evolutionäre Prozesse voraussetzen muss. Weder du noch ich wissen, ob in irgendeinem wirren Post-AIDS-Zeitalter irgendwer noch 'n evolutionistisches Weltbild hat. Gibt ja heute schon genug Menschen, die - warum auch immer - keins haben. In jedem Fall unterstelle ich Krabben, Schaben und Einzellern 'mal, dass sie keins haben. Könnte mich da aber auch irren.
Meine Behauptungen über die fehlende Bewertungswut/Abstraktionsfähigkeit der Tierwelt beruhen eigentlich größtenteils auf der empirischen Erkenntnis, dass meines Wissens nie ein Tier mit irgendeinem Menschen über die Güte evolutionärer Resultate gesprochen hat. Und damit hat sich's dann.

[QUOTE]Dafür braucht man eigentlich nur irgendwelche Wesen, die etwas anstreben können.
Ich finde das eine etwas komische Einstellung anzunehmen, dass nur derjenige etwas als gut bewerten könne, der auch behaupten kann, dass er bewertet.[/QUOTE]

Na ja, er muss halt bewerten können. Und meines Erachtens tun das Viecher halt nicht. Dein weites Verständnis von anstreben ist durchaus nachvollziehbar, aber wenn ich - was ich tue - den Viechern die Fähigkeit zur abstraktiven Erkenntnis der Zeit, also dem bewußt irgendwas in der Zeit anstreben, abspreche, dann wissen die halt auch nicht, dass das gut ist, was sie tun. Sie streben halt irgendwas an. Und das war's.

[QUOTE]
Also, nehmen wir mal an, alles ist ausgestorben. Dann ist zumindest nichts schlecht. Auch ok.
Dann hätte eben "nicht schlecht" formulieren müssen, statt "gut", da kann ich mich drauf einlassen.
[/QUOTE]

Wenn alles ausgestorben ist, dann gibt's eben nichts mehr. Und daher ist einfach nichts. Weder schön, noch hässlich, gut oder schlecht. Bewertungen finden im Nichts einfach nicht statt. Wenn also z. B. ich, Ina oder Thomas Ligotti sagen, dass sie es viel besser fänden, wenn überhaupt kein Leben irgendwelche Planeten beflecken würde, dann macht das eigentlich keinen Sinn, weil, wenn wir - und das tun wir - bloß dem Menschen, und nicht etwa einer göttlichen Entität oder etwas ähnlichem, derartige Bewertungsfähigkeit zuschreiben, dann macht der Satz so eigentlich keinen Sinn. Man muss sich selbst gedanklich bei einer solchen Operation auch wegnehmen, und dann findet eben niemand mehr irgendwas irgendwie.

[QUOTE]Aber mir geht es doch gar nicht um Sprache...[/QUOTE]

Mir auch nicht.

Machen wir's 'mal mit Kant: Die Bedingungen der Möglichkeit zum Bewerten setzen die Existenz gewisser bewertungsfähiger Entitäten voraus. Wenn die nicht da sind, kann nicht bewertet werden. Und in deinem Beispiel ist eben niemand da, der meines Erachtens noch fähig, irgendwas zu bewerten. Dazu kommt noch, dass wir uns bisher extrem unklar darüber waren, was denn überhaupt warum bewertet werden soll. Wir also noch darüber streiten könnten, ob, selbst wenn bewertungsfähige Entitäten da sind, eine Bewertung eines gewissen Sachverhalts oder Resultats im von dir vorgegebenen Kontext sinnvoll ist.

[Irgendwie erinnert mich diese Debatte tatsächlich an das an die Ontologie geknüpfte, christliche 'gut'. Das heißt, die dämliche Ansicht, dass Seiendes als Geschöpftes prinzipiell gut ist, und das Böse 'privatio boni', Abwesenheit des Guten, also auch substanzlos ist.
Aber ich weigere mich mittlerweile irgendwas aufgrund seiner Existenz für gut, schlecht oder rot zu halten. Das ist alles akzidentieller Mist. Und nur weil irgendwas überlebt hat, oder sich angepaßt hat, ist das auch nicht deswegen gut.]

[QUOTE]Nee, nee, die Welt ist nicht gut. Ich behaupte nur, dass alles gut wird (Etwas formaler, falls das missverstanden wird: Ich meine damit nicht, dass irgendwann für alles das Prädikat gut wahr ist, sondern, das alles was ist dann nicht mehr ist oder das Prädikat gut hat. Und ich behaupte auch nur, dass das lediglich grundsätzlich stimmt)! [/QUOTE]

So formal wie das jetzt ist, könntest du von mir aus auch sagen, dass alles das Prädikat nach-Erdbeereis-schmeckend bei sich hat. Wäre schon schön, wenn du mir irgendwie verklickern könntest, was du denn nun mit dem Gut-sein da meinst.

[QUOTE]Oder gilt, dass die Welt nicht existieren, wenn ich nicht existiere nur in eine Zeitrichtung?
(Aber die Diskussion mit dem Zeitpfeil haben wir gerade woanders und sollten sie nach dort verlegen, falls das der Knackpunkt ist)[/QUOTE]

Prinzipiell ist das alles Transzendentalphilosophie. Also einfach die Grundlage von Erkenntnis überhaupt. Und da isses halt nun 'mal so, dass alles in irgendwelchen Köpfen stattfindet. Und letztlich nehmen wir halt die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, so wahr, wie wir sie wahrnehmen, weil wir sie nur so wahrnehmen können. Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie 'ist'.
Natürlich gehören zu den Bedingungen der Möglichkeit unserer Erkenntnis die empirischen Daten qua Sinnesorgane, aber aber die Anordnung, Interpretation und Ordnung derselben findet dann im Kopf statt.

Deswegen ist jede Erkenntnis subjektiv, d. h. findet durch 'n Subjekt statt, und gleichzeitig objektiv, d. h. eine Erkenntnis von Objekten - Subjekt und Objekt sind jetzt hier rein erkenntnistheoretische Begriffe, also nicht irgendwie als Entitäten oder so zu verstehen. Wie die Dinge an sich, das heißt unabhängig von jeder Wahrnehmung sind, wissen wir halt nicht. Oder doch: Wille ;-). Aber den auf Plausibilität basierenden Analogieschluss mit der Innenseite muss nicht jeder mitmachen ;-).


Ina - 24.5.2007 um 20:35

Jetzt lasst mich doch in Ruhe mit dem Thread hier, @Benway und @Calgmoth :D

Das ist genau die Art von Diskussion, die ich mir wirklich gerne anschaue, aber aus der ich mich lieber raushalte. Eure Gedankengänge sind spannend, aber eigentlich interessiert es mich nicht sonderlich, ob irgendwann irgendwer etwas als "gut" oder "schlecht" bewerten wird.

Dazu fällt mir höchstens ein, was mir schon vor Tagen eingefallen ist, das ich aber nicht gepostet habe, weil ihr dann so philosophisch geworden seid, hier, und ich dann nicht mehr mithalten kann mit meinen Einwürfen, die immer recht "bodenständig" bis "platt" sind, wenn mich ein Thema nicht wirklich persönlich was angeht.
Und zwar: diese Dinge, die man irgendwann für "gut" hält, können immer noch die ärgsten "Fehlentwicklungen" sein. "Leben" z.B. ist doch so ne Sache, das hält man doch gemeinhin für "gut" und selbst, wer nicht dieser Meinung ist, wird Probleme mit der aktiven Verneinung haben. Dennoch könnte man sagen, dass das Universum ohne Leben besser dran wäre: meinetwegen, weil niemand an ihm leidet, oder auch, weil das Leben als "Struktur, die der Materie ihre Struktur aufdrückt" immer ein Element der Unterdrückung enthält, ja die pure Existenz von irgendwas schon als Angriff auf die "völlige Freiheit des Nichts" empfunden werden könnte...
Aber ja, die Begriffe "Fehlentwicklung", "besser dran sein", "Leid" "Unterdrückung", "Freiheit" sind natürlich wiederum Begriffe, die auf Bewertungen beruhen, nur eine weitere Pseudo-Außensicht, in die ich mich hier verhasple.
Seht ihr, ich taug für den Thread nicht.

Und wenn ich mich jetzt auf Einzelheiten versteife, wie z.B. dass @Benway mir doch bitte erst (nochmal?) erklären soll, warum t-->unendlich bereits geschehen ist, bevor ich ihm voreilig widerspreche (dass laut kosmologischer Standardmodelle seit dem Urknall erst eine endliche Zeitspanne vergangen ist, muss ich dir wohl kaum sagen und alles darüber Hinausgehende erfasse ich jetzt höchstens unkonkret und vermutlich nicht so, wie du es meinst), dann wird der Thread vermutlich noch wirrer.
Lass dich aber trotzdem nicht davon abhalten ;)


... - 25.5.2007 um 03:02

Um die Diskussion jetzt nicht all zu übersichtlich werden zu lassen (was ja schade wäre, wie @Benway richtig anmerkt, in von mir gestellten Threads :D), würde ich persönlich doch noch mal zum einen einen semantische kleinen Exkurs einwerfen, bei der ich Dich, @Xoc, mal bitten würde, mir die Unterschiede zwischen "gut" und "existent" zu erklären. Denn, wenn Du das nicht auseinander hältst, dann ist entweder @Benways Vorwurf mit Leibniz oder sogar @Calgmouth Gleichsetzung mit der göttlichen Beschaffenheit in allem korrekt.

Aber ihr habt einen Aspekt auch noch ausgeblendet, der mich mal interessieren würde:
Wieso sollten wir nicht eine Wertung besitzen für einen Zustand, der jetzt nicht existent ist.
@Xoc hat ja auch gesagt, dass man werten kann, dass alles gut wird.

So, und da ist doch erstmal rein logisch nix gegen zu sagen, dass man eine Wertung auf ein futuristisches Ereignis bezieht. Damit ist es doch auch widerspruchsfrei, ob zu dem zukünftigen Ereignis noch Objekte existieren, die eine Wertung abgeben.

Um jetzt auch mal einen theologischen Aspekt noch reinzubringen:
Wie wollt Ihr, @Calgmouth und @Benway, ansonsten einen Text wie die Johannesoffenbarung interpretieren, wenn nicht schon zumindest in theologischen Bereichen immer davon ausgegangen wurde, dass ein Zustand mal existent sein soll, in dem diese Wertung zwar keine Rolle mehr spielt, aber diese dennoch in Hier und Jetzt abgegeben werden kann (was @Xoc ja auch mehr oder minder gerade macht). Dann wären ja sämtliche Zukunftsvisionen sinnlos.

(Ohne Garantie, dass ich morgen Nacht den Antworten noch folgen kann! :p)


Calgmoth - 25.5.2007 um 17:14

@Ina:

Na ja, mich interessiert es auch nicht, ob irgendwer irgendwas bewertet. Wollte eigentlich nur sagen, dass das manchmal keinen Sinn macht.

Die Frage ob 'irgendwas' besser dran wäre, wenn's kein Leben gäbe, ist halt schwierig, weil wir eigentlich nur Lebendigen Prädikate wie 'leiden' zuschreiben. Um also leiden zu können, muss irgendwas erst 'mal ziemlich viel empfinden. Wenn also gar nichts irgendwas empfände, wüßte das wieder auch nicht, dass ihm deiner Ansicht nach gut gehen sollte bzw. gut geht ;-).

Die Idee, dass das bloße einfachste Sein, die Schönheit der Leere eigentlich konstant vergewaltigt, hatte ich auch schon... Hat durchaus was ;-).
In jedem Fall ist aber die Materie selbst schuld, dass sie Organisches hervorgebracht hat. Die soll also die Klappe halten und nicht auf die Idee kommen, sich zu beschweren, dass es 'ne Struktur geschaffen hat, die sie jetzt zumindest teilweise ständig unterdrückt...

Aber die Gefahr ist ja jetzt auch nicht so akut. Zumindest mit mir reden Materiehaufen in der Regel nicht...

Was die (vielleicht) unendliche vergangene Zeitspanne angeht, so wird das häufig einfach damit begründet, dass man sich vor welchem Ursprung auch immer immer noch fragen kann, was denn davor war bzw. wenn man das ganze als recht starre Kausalkette denkt, irgendwas gefälligst vor der angenommen ersten Ursache zu sein hat.

Und letztlich beantwortet die Physik ja nicht wirklich relevante Frage, welchem Depp wir denn die Bedingungen der Möglichkeit des Urknalls verdanken. Wenn ich richtig Bescheid weiß, ist ja die Zeit als für die Physik relevante Größe irgendwie auch an die Existenz von Materie/Raum gekoppelt. Also habt ihr's vielleicht schwieriger gemacht, einen Zeitpunkt vor dem Urknall anzunehmen, aber weshalb ich nicht über den Urknall hinaus denken sollte, versteh' ich deswegen nicht ;-).

@Arne:

Hm, mit der gegenwärtigen Bewertung eines zukünftigen Zustandes hast natürlich recht. Das können wir schon machen. Insbesondere wenn's um evolutionäre Sachen geht, wo in Xocs Sinne 'gut' ja wohl wirklich nur 'offenbar an den gegenwärtigen Zustand gut angepasst' meint. Wobei man das meines Erachtens dann besser trotzdem nicht 'gut' nennt.

Hm, was die theologische Frage angeht, so ist das doch ganz interessant. Prinzipiell wird das aber von der theologischen Seite nicht wirklich eingelöst, warum's denn im Himmel/Paradies/während der visio beatifica oder in Gottes Reich auf Erden denn so toll sein soll. Irgendwie mit (verklärten) Fleisch gefüllt werden derartige Visionen ja in der Regel nicht.

Vielleicht auch weil's tatsächlich nicht funktioniert, ein spekulatives Jenseits zweifellos als 'gut' zu befinden ;-)?


Ina - 25.5.2007 um 17:50

Na ich glaube aber irgendwie nicht, dass es die Physikschiene ist, die da gemeint war - aber was solls. Unser Universum scheint jedenfalls erst seit endlicher Zeit zu existieren und Zeit ist, so weit wir wissen, erstmal nur eine Eigenschaft unseres Universums. Was "vor" dem Urknall war, bzw. was den Urknall "verursacht" hat, weiß niemand, diese Begriffe haben hier vermutlich eh keinen Sinn wie vielleicht alles, was wir uns nur ausdenken können. Denn mit diesem "Außerhalb" wurden wir nie konfrontiert, wie hätten wir etwas entwickeln sollen (Begriffe, Methoden), um damit umgehen zu können?
Warum sollte es da etwas wie Zeit geben? - wenn es denn da überhaupt "etwas gibt"?
Ich kann höchstens die alte Analogie anbringen, dass die Frage, was "vor" dem Urknall ist, ähnlich sinnlos ist, wie die Frage, was sich nördlich des Nordpols befindet. Wären wir räumlich auf der Erde so beschränkt, wie wir es zeitlich im Universum sind (weil die Erde z.B. 13 Mrd. Lichtjahre groß wäre), so würden wir auch keinen Grund sehen, warum wir nicht immer noch einen Schritt weiter nach Norden gehen könnten. Trotzdem könnten wirs nicht, weil unsere eingefleischte und vielleicht unüberbrückbare Vorstellung von der flachen Erde unter uns, mit nem Himmel drüber und nem Horizont dazwischen, falsch wäre.

Zitat
Prinzipiell wird das aber von der theologischen Seite nicht wirklich eingelöst, warum's denn im Himmel/Paradies/während der visio beatifica oder in Gottes Reich auf Erden denn so toll sein soll. Irgendwie mit (verklärten) Fleisch gefüllt werden derartige Visionen ja in der Regel nicht.


Och, da hatte ich letztens (vorgestern?) nen wirklich hübschen Traum vom Fliegen und wenn so ein Traum ganz toll läuft, werde ich ganz leicht und Schwerkraft existiert nicht mehr. Da fließt dann wohl pures Endorphin durch meine Adern und vielleicht fühlt sich so ein Heroin-Junkie bei seinem ersten Schuss - ka. Jedenfalls schwebte ich da in der Atmosphäre und guckte glückselig in den tiefblauen Himmel mit extrem fotorealistischen kleinen Wölkchen drauf und wäre völlig einverstanden gewesen, in diesem Nirwana die Ewigkeit zu verbringen.


... - 26.5.2007 um 03:11

Das wird aber nur durch einige später entstandene Dogmen erklärt.

Erstmal geht die christliche Religion tatsächlich wohl seit Jesus davon aus, dass man fleischlich wieder aufersteht, d.h. aber eigentlich auch, da man ja mehr ist als Geist, sondern auch wieder fleischlich, dass eigentlich auch Leiden wieder möglich wäre.

Da haben sich aber die Dogmatiker später drum geprügelt.
Da hatte die katholische Kirche eben noch die Vorstellung, dass die Erde das Jammertal wäre, das man mit dem Tod überwunden hat und danach kam dann erstmal für folgsame Katholiken das Paradies, also wohl bei der Auferstehung eine doch angeblich leidensfreie Phase.

Bei den Protestanten war das bei Luther so, dass der eben nur meinte, dass man auserwählt sei, dass Paradies zu erleben, wenn man aus eigenem Antrieb sich an die biblischen Vorschriften hielt.
Und Calvin hat sogar gesagt, dass die Jenseitsstellung davon abhängig ist, wie fromm man auf der Erde war.


Kurzum bei Katholiken:
Diesseitsqualität : Maximal Befriedigend, aber durch Beichte dann doch erträglich.
Jenseitsqualität i.d.R. Gut bis Mangelhaft, je nach Kirchenfolgsamkeit.

Bei Protestanten:
Diesseitsquälität: Immerhin frei von kirchlichen Vorschriften, aber ziemlich anstrengend, dauernd sein Gewissen zu befragen(*), also eher schlechter als bei Katholiken: Maximal ausreichend.
Jenseitsqualität: Bei Luther identisch mit Katholiken, aber bei Calvin kann auch Sehr gut drin sein, wenn man auf Erden eben gewissenhaft war.

(*führt zur Abwertung)


Calgmoth - 27.5.2007 um 01:05

@Ina:

Es geht da jetzt eigentlich nicht darum, ob wir mit der Kausalursache des Urknalls oder einem andersartigen Prä-Urknall-Zustand bzw. irgendwas von draußen ('Iä! Shub-Niggurath, die Schwarze Ziege der Wälder mit den Tausend Jungen') konfrontiert wurden, sondern bloß darum, dass wir, wenn wir daran denken, wir immer noch in zeitlichen Kategorien da drüber. Auch wenn die Zeit da keine Rolle spielt. Oder Raum. Materiekram kann ich ja noch wegdenken, aber die 'Leere', in der die Urknall stattgefunden haben muss, nicht. Auch wenn ich das eigentlich müßte, wenn ich mit derartigen Fragestellungen umgehe.
In jedem Fall würde ich 'mal dreist behaupten bzw. dir zustimmen, dass ein zeitloses Universum bzw. eine überzeitlich/außerzeitliche Gegend für den Menschen nicht denkbar ist. Und als solches isses dann für den Menschen niemals Gegenstand der Erkenntnis. Und damit isses auch scheißegal, ob es sowas gibt oder nicht, weil wir niemals in der Lage sein werden, uns damit auseinander zu setzen.

[Freakige Anmerkung: Mit prä-zeitlichem Kram hab ich mich als Tolkien-Idiot auch schon 'rumschlagen müssen. Ist schon blöd, wie unverfrohen derein zeitliches Nacheinander in die eigentlich außerzeitliche Ainulindale importiert ;-).]

Aber wirklich sinnlos ist die Frage nach dem 'Warum?' bzw. 'Davor?' beim Urknall nicht. Zumindest nicht, wenn man sich vergegenwärtigt wieviele Gruppen ihre Interpretation der Sinnfrage als Begründung für so ziemlich alles benutzt haben ;-).

Zum geträumten Himmelchen:

Hm. Schöner Traum. Fliege auch manchmal. Aber meistens hab ich dann schon schnell Probleme damit. Genauso wie mit meinen Traum-Lichtschwertern oder anderen Waffen/Fähigkeiten, die ich manchmal hab. Keine Ahnung ob das auf diverse Ängste rückschließen läßt, oder bloß 'n Indiz für meine materialistische Grundeinstellung ist ;-).
In jedem Fall sind die wenigen Himmelskonkretisierungen, an die ich mich eben in der theologischen Literatur erinnere, eher das Gegenteil. Bei Anselm z. B. findet da eine kollektive Verschmelzung statt - d. h. nicht nur du und ich würden uns ohne Worte verstehen & glücklich sein [was vielleichtnoch erträglich wäre ;-)], sondern wir verstünden auch alle anderen die da 'rumgeistern und wären immer noch glücklich - was schon schwieriger denkbar ist. Die Endorphin/Drogen-Metapher paßt aber recht gut, da man tatsächlich irgendwie durch Glück davon abgehalten wird, Gott in die Fresse zu hauen und sich mit 'ner neuen Hölle selbständig zu machen ;-).

@Arne:

[QUOTE]Erstmal geht die christliche Religion tatsächlich wohl seit Jesus davon aus, dass man fleischlich wieder aufersteht, d.h. aber eigentlichauch, da man ja mehr ist als Geist, sondern auch wieder fleischlich, dass eigentlich auch Leiden wieder möglich wäre.[/QUOTE]

Na ja, ist ja verklärtes, d. h. wohl gar schrecklich tolles Fleisch. Theoretisch ist die Willensfreiheit im Himmel nicht aufgehoben, d. h. ein neuer Sündenfall o. ä. nach dem Jüngsten Gericht wohl nicht unmöglich. De facto aber schon. Das Jüngste Gericht ist ja nicht umsonst das Jüngste Gericht.
Das wirft dann aber schon die Frage auf, wie Gott das ohne Lobotomie am verklärten Hirn verhindern will. Ich z. B. hab mir schon vorgenommen aus Prinzip irgendwann auszuscheren. Wollen 'mal schauen, ob und wie der Alte Herr das zu verhindern gedenkt ;-).

Na ja, die Frage wie diesseitsbejahend der Katholizismus ist, ist schon schwierig. Augustinus ist ja vor allem verantwortlich für die Verneinung des Körpers, mit seiner Willkür..., äh, Gnadenlehre und dem extremen Leib-Seele-Dualismus. Und davon hat Luther ja doch recht viel übernommen. Wenn wir jetzt 'mal von den machtpolitischen Implikationen von Beichte und Ablasshandel abstrahieren, dann ist die Möglichkeit der eigenen Mitarbeit am Anspruch auf's Himmelreich - wie er im Katholizismus über Reue noch gegeben ist - doch irgendwie besser, als wenn Gott würfelt oder vorher schon alles klar ist...

Aber gut, Gott würfelt ohnehin, weiß eh vorher schon Bescheid und macht natürlich was er will ;-).


Ina - 27.5.2007 um 09:20

@Calgmoth

Zitat
Aber wirklich sinnlos ist die Frage nach dem 'Warum?' bzw. 'Davor?' beim Urknall nicht.


Nun, es gibt sogar einige physikalische Modelle dazu... Irgendwelche Membranen z.B., die immer wieder kollidieren, woraus Universen entstehen, oder ein ewiger Schaum aus lauter Universen, oder sogar die Theorie, dass ständig und überall um uns herum Universen entstehen, die wir aber nicht wahrnehmen, weil sie ihre eigenen Dimensionen haben - nein, "sinnlos" ist diese Frage nicht, sie könnte es allerdings sein... bzw. wir wissen halt nix und können nichts darauf aufbauen.
Und wenn man das mal doch irgendwie herausgefunden/physikalisch begründet hätte, ginge dann die Frage nach den Ursprüngen halt ne Ebene tiefer... es sei denn, die Erklärung hätte mit allen Ebenen aufgeräumt... - ach was weiß ich :D


Zitat
Bei Anselm z. B. findet da eine kollektive Verschmelzung statt


Das ist doch ne sehr effektive Lösung des Jenseits/Himmel/Hölle/verdammt-viele-Seelen-Problems. Einfach alle verschmelzen, für die Guten isses der Himmel und für die Bösen die Hölle.

Ich mein: mit Anselm verschmelzen.... :D


Xoc - 27.5.2007 um 21:00

@Arne:

Der Unterschied zwischen existent und gut ist, dass gut Wesen benötigt, die es als gut bewerten. (Das sind, wenn sie da keinen expliziten Begriff von gut haben solche Dinge, die sie als anstrebens oder erhaltenswert betrachten.)

Zitat

Wenn du aus deiner Sicht an diesem heutigen Tag so werten willst, dass alles was in t-->unendlich noch "sein" wird, für dich "gut" ist...tja, dann bleibt das für mich halt die aufgewärmte Leibniz-These, auch wenn du dich davon distanzierst, letztlich ne reine Definitionsfrage.


Und nochmal, irgendwie scheint das gerne missverstanden zu werden:
Ich mache eine Vorhersage, wie dann Gegenwartiges bewertet werden wird.

Ich habe nie behaupte, dass ich das jetzt gut finde.

Und nun lasst mich doch um Gotte Willen mit Leibniz in Ruhe!

Zitat

Den menschlichen Begriff von gut kennt nur der Mensch und über alles Andere können wir keine Aussage machen.


Ist dir noch nicht aufgefallen, dass da ein etwas universelleres Konzept hinter "gut" und "schlecht" steht, was ganz unabhängig vom Menschen ist?
Ich könnte ja noch verstehen, wenn du sagst, dass nur du deinen Begriff von gut kennst und über alles andere keine Aussage machen kannst. Aber das auf alle Menschen zu erweitern und dann Schluss zu machen, das kommt mir ein wenig antropozentrisch verblendet vor. Zumindest höhere Säugetiere behaupten durch ihr Verhalten imho ziemlich eindeutig Dinge als gut und schlecht bewerten zu können.

Zitat

@Ina'schen Ureinwand...mir gefällt "die Welt" nicht und sie existiert schon "sehr lange".


Ich dachte eigentlich, Ina hätte mich verstanden, zumindest hat sie mir nicht mehr widersprochen...
Und die Welt, wie wir sie kennen, existiert überhaupt noch nicht lage!


Zitat

Es gibt in "der Welt da draußen" genausowenig einen Holocaust wie es einen Baum gibt...wieder das alte Problem...es ist völlig egal, ob neben dem Baum gerade ein Schallwellenmessgerät rumsteht, es geht nur darum, dass "Schallwellen" genau wie ein "Baum" oder das Geräusch das er beim Umfallen macht überhaupt erst mal konstruiert werden wollen...viele von den Leuten, mit denen ich täglich zu tun habe nehmen einen "Baum" beispielsweise nicht als Einheit wahr (was ihnen von den Prüfern, die ihre Diagnose vornehmen, dann natürlich zu ihren Ungunsten ausgelegt wird).


Es gibt irgendwas, das dazu führt, dass du einen Baum in deinem Kopf so konstruierst wie du ihn konstruierst. Das ist "die Welt da draussen" oder zumindest nenne ich es so. Wie man die nun genau kategorisiert und benennt ist doch völlig wurscht.

Zitat

Angefangen dabei, dass ich, um über evolutionäre Resultate reden zu können, erst evolutionäre Prozesse voraussetzen muss. Weder du noch ich wissen, ob in irgendeinem wirren Post-AIDS-Zeitalter irgendwer noch 'n evolutionistisches Weltbild hat. Gibt ja heute schon genug Menschen, die - warum auch immer - keins haben. In jedem Fall unterstelle ich Krabben, Schaben und Einzellern 'mal, dass sie keins haben. Könnte mich da aber auch irren.


Um Gottes Willen, wozu braucht denn jemand ein evolutionistisches Weltbild um irgendwas gut finden zu können?
Drücke ich mich wirklich so missverständlich aus oder bestärkt ihr euch einfach gegenseitig in kreativen Fehlinterpretationen meiner Aussagen?

Zitat

Meine Behauptungen über die fehlende Bewertungswut/Abstraktionsfähigkeit der Tierwelt beruhen eigentlich größtenteils auf der empirischen Erkenntnis, dass meines Wissens nie ein Tier mit irgendeinem Menschen über die Güte evolutionärer Resultate gesprochen hat. Und damit hat sich's dann.


Mir sind nicht all zu viele höhere Tiere begegnet die den Eindruck machten, dass ihnen alles gleich und egal ist.

Zitat

Dein weites Verständnis von anstreben ist durchaus nachvollziehbar, aber wenn ich - was ich tue - den Viechern die Fähigkeit zur abstraktiven Erkenntnis der Zeit, also dem bewußt irgendwas in der Zeit anstreben, abspreche, dann wissen die halt auch nicht, dass das gut ist, was sie tun. Sie streben halt irgendwas an. Und das war's.


Tiere können sich offensichtlich erinnern und planen. Ich weiss nicht, was für ein abstraktes Verständnis von Zeit du forderst.
Ich denke, ich lehne mich wirklich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich unterstelle, dass Tiere z.B. wissen, was gut schmeckt.

Also mir fällt spontan kein höheres Tier ein, was einfach alles isst und dann per Reflex ausspuckt, was nicht schmeckt. Die Tiere bewerten die Nahrung, zumindest, wenn sie sie kennen, bereits vorher und essen nicht wild drauf los.

Zitat

Wenn also z. B. ich, Ina oder Thomas Ligotti sagen, dass sie es viel besser fänden, wenn überhaupt kein Leben irgendwelche Planeten beflecken würde, dann macht das eigentlich keinen Sinn, weil, wenn wir - und das tun wir - bloß dem Menschen, und nicht etwa einer göttlichen Entität oder etwas ähnlichem, derartige Bewertungsfähigkeit zuschreiben, dann macht der Satz so eigentlich keinen Sinn.


Ich schreibe allen höheren Lebewesen Bewertungsfähigkeiten in unterschiedlichem Umfang zu.
Auch Bewusstsein,( teilweise Selbstbewusstsein,) Gefühle, Intelligenz, etc.

Mich wundert es, dass es überhaupt nötig ist das hier noch anzusprechen, ich dachte eigentlich, dieses mittelalterliche Weltbild vom beseelten Menschen und vom dummen, unbewussten, quasi mechanischen Tier sei mittlerweile ausgestorben.


Zitat

Insbesondere wenn's um evolutionäre Sachen geht, wo in Xocs Sinne 'gut' ja wohl wirklich nur 'offenbar an den gegenwärtigen Zustand gut angepasst' meint.


Nein, nein, nein, nein, nein.
Siehe oben.


Zitat

Materiekram kann ich ja noch wegdenken, aber die 'Leere', in der die Urknall stattgefunden haben muss, nicht.


Ähm?
Leere setzt doch Raum voraus, gängige Theorie ist aber, dass der Raum erst mit dem Urknall entstanden ist....
Auf jeden Fall war der Urknall nicht irgendwo im Raum, so wie eine handelsübliche Explosion, wie wir sie kennen.


... - 28.5.2007 um 04:06

Dann setzt Du aber ein sehr kleines Weltbild voraus.
Sicherlich kann jedes Wesen, auch eine Pflanze, das Leben hat, beurteilen, was gut für es selbst ist, wenn man das überhaupt beurteilen nennen kann, @Xoc.

Das ist aber wahrscheinlich nicht die Beurteilung von "gut" und "schlecht", die hier die anderen meinen, denn letztendlich beurteilen wir das ja jetzt auch schon, und nur eine masochistische dumme Mehrheit von Menschen macht manchmal was, was für sie nur kurzfristig gut ist, aber das ist das gleiche Beurteilungsvermögen, das ein Kaninchen hat, das meint, es sei gut für es, wenn es gerade eine Wiese abnagt, wo ein Fuchs drauf sitzt.
So gesehen ist auch jetzt schon alles gut.

Und, @Calgmouth, das ist ein bisschen stures Menschenbild, wenn Du von den beschränkten Kapazitäten unseres jetzigen Gehirns ausgeht. Ich würde nicht behaupten wollen, dass es nicht zu Mutationen fähig ist und es gibt auch eine Lerntheorie, die auf Einsicht basiert. Warum sollte der Mensch nicht aus Einsicht dazu kommen, auch Zustände wie Zeit- und Raumlosigkeit begreifen zu können?


Benway - 1.6.2007 um 14:38

xoc schrieb:

Zitat
Ich könnte ja noch verstehen, wenn du sagst, dass nur du deinen Begriff von gut kennst und über alles andere keine Aussage machen kannst. Aber das auf alle Menschen zu erweitern und dann Schluss zu machen, das kommt mir ein wenig antropozentrisch verblendet vor.


Fällt mir halt schwer zu ignorieren, dass der Rest der Menschheit nach allen relevanten Kriterien 100% baugleich zu mir ist und sich 2 000 000 000 Jahre an die selben Umwelteinflüsse angepasst hat wie "meine" Vorfahrenlinie. Von "allgemein menschlichen" Kategorien wie Zeitwahrnehmung, Raumwahrnehmung, Wertungsachsenkreuz zu sprechen ist natürlich immer ein Stück Grenzübergangsschluss, aber er bleibt IMO weitaus sinnvoller, als andere Erkärungsmodelle, die wie der Solipsismus vorhandene Muster einfach ignorieren. Immerhin sprichst du auch von "der Menschheit" im Unterschied zu anderen Säugetierklassen, rein physiologisch ist das sehr schwer zu rechtfertigen, wenn man für "den Menschen" signifkante bzw. "hinreichende" Wahrnehmungs-, Verhaltens- und Wertungsmuster voraussetzt dagegen IMO schon.

Zitat
Zumindest höhere Säugetiere behaupten durch ihr Verhalten imho ziemlich eindeutig Dinge als gut und schlecht bewerten zu können.


Dass du im Verhalten "höherer" (R. Dawkins hat es konsequenterweise mal ein ganzes Buch lang durchgezogen, statt "höher" oder "entwickelter" von "menschenähnlicher" zu schreiben) Säuger die menschliche Wertungsachse wiederzuerkennen meinst, könnte daran liegen, dass sich die "höheren" Tiere an annähernd den selben Mesokosmos wie wir angepasst haben, es ist sinnvoll anzunehmen, dass für viele der höhreren Säuger die selben Kategorien und Begriffe überlebensrelevant wurden wie für uns...ich würde intuitiv schon auch voraussetzen, dass eine Giraffe sich wohl einen ähnlichen "Baum" konstruiert wie ich und ähnliche Wertungskategorien haben dürfte (dafür sprechen Hirnstruktur und Hormonhaushalt, aber spätestens bei Tieren ohne menschenähnliches/"entwickeltes" nervöses System und ohne verleichbare Botenstoffe wird die Empathie auch intuitiv sehr schwer). Wenn ich konsequent bin, muss ich aber zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was es heißt eine Giraffe zu sein und solange ich ein Mensch bin, der sich vorstellt was es heißt, eine Giraffe zu sein, wird sich daran auch Nichts ändern, das ist das große Problem der Qualiaforschung. Man kann immer nur Analogieschlüsse machen, aber die sind mir bei Leben, bei dem schon physiologisch und neurologisch signifikante Unterschiede zum Menschen bestehen wie geschreibt zu riskant (den großen grundlegenden Analogieschluss vom Willen, ohne den Giraffen und Bäume und überhaupt die ganze Außenwelt reines Phantasma wären mal ausgenommen).
Also ich glaube immer noch nicht, dass außer "dem Menschen" jemand das menschliche Konzept von Gut und Schlecht nachfühlt...Leben, das sich an beinahe den selben Mesokosmos angepasst hat wie wir mag ein sehr ähnliches Wertungskreuz haben, aber es wird ein Stück verschoben sein, so wie es bei einfachen Mehr- und Einzellern definitiv verschoben ist. Wenn man das Konzept von Gut und Schlecht dann nicht mehr auf den Menschen bezieht sondern immer universeller fassen möchte, landet man die "Entwicklungs"/Menschenähnlichkeitsreihe runter halt irgendwann bei "erstrebenswert" und "vermeidungswürdig", "seinserhaltend" und "seinsverneind" und irgendwann dann beim nackten Willen zum Sein.

Mein Problem ist folglich nicht, dass ich "höheren" Säugetieren oder Einzellern den Willen zum Sein oder die Fähigkeit im Dienste dieses Willen zu werten absprechen würde, sondern dass du bestimmte Begriffe ausgegeben hast, die einmal als "Gut" gewertet werden sollen. Warum ich Probleme mit deinem universellen Konzept von "Gut" habe, hab ich ja schon geschrieben, viel problematischer bleiben für mich aber die zur Wertung ausgegeben Begriffe. Ich glaube weiter nicht daran, dass sich außer Menschen jemals etwas einen Begriff von "HIV" oder "der Menschheit" machen wird.

Zitat
Und die Welt, wie wir sie kennen, existiert überhaupt noch nicht lage!


Das wär doch jetzt mal einen eigenen Thread wert (oder zumindest weiteres Zuspammen des "Clean Up"-Threads), dann könnte ich auch Ina dazu bringen, doch noch mit ellenlangen Fullqoute-Beiträgen einzusteigen... Für den im 19. Jhdt. steckengebliebenen Denker ist die Sache jedenfalls klar: es ist ebenso sinnvoll oder sinnlos, die Welt wie wir sie kennen oder ein Menschenleben "lang" oder "kurz" zu nennen.

Zitat
Es gibt irgendwas, das dazu führt, dass du einen Baum in deinem Kopf so konstruierst wie du ihn konstruierst. Das ist "die Welt da draussen" oder zumindest nenne ich es so.


Intuitive Zustimmung (die wird wohl jeder Mensch dafür haben), aber der Beweis steht noch aus und macht die evolutionären Erkenntnistheoretiker im Diskurs mit Konstruktivisten oder gar Solipsisten seit Jahrzehnten verrückt. Dass irgendetwas zu etwas anderem führt, dass ist eine Erfahrung, die innerhalb unserer Wirklichkeit gültig ist, Kausalität. Kausalität zwischen unserer Wirklichkeit und dem, was erst zu unserer Wirklichkeit führen soll zu postulieren, heißt extrapolieren und ist für die strengen Logiker wie Kant oder Berkeley und natürlich die Leute, die einfach Spaß daran haben, Weltbilder kaputtzumachen wie Watzlawick oder Seßlen, somit völlig untragbar. Wenn es etwas da draußen gibt, was der Grund für einen Teil unserer Welt zB für den Baum in meinem Kopf ist, dann bedarf auch die Welt als Solche einer Begründung, und der Urknall, und das, was den Urknall verursacht hat und sogar das fliegende Spaghettimonster usw.

Zitat
Wie man die nun genau kategorisiert und benennt ist doch völlig wurscht.


Naja, Kategorien und Begriffe sind Voraussetzung für einen Großteil menschlicher Kommunikation, darunter auch die ganze klassische Logik. Jedenfalls kann ich nicht überzeugt sein davon, dass einige meiner Kids bei der Arbeit den selben Baum A oder gar die selbe HIV-Epidemie B wahrnehmen wie ich, viel weniger gilt das noch für Giraffen, weshalb ich mit Aussagen wie "A wird als gut/schlecht gewertet" vorsichtig wäre, solange es nicht um andere Menschen geht, bei denen man sich davon überzeugen kann, dass die Passung der Konstrukte A oder B halbwegs sitzt.


Xoc - 1.6.2007 um 20:15

Zitat
Original von Benway
Fällt mir halt schwer zu ignorieren, dass der Rest der Menschheit nach allen relevanten Kriterien 100% baugleich zu mir ist und sich 2 000 000 000 Jahre an die selben Umwelteinflüsse angepasst hat wie "meine" Vorfahrenlinie.


Autisten, insbesondere Savants? So wirklich baugleich sind die Menschen auch nicht.

Zitat
Original von Benway
Von "allgemein menschlichen" Kategorien wie Zeitwahrnehmung, Raumwahrnehmung, Wertungsachsenkreuz zu sprechen ist natürlich immer ein Stück Grenzübergangsschluss, aber er bleibt IMO weitaus sinnvoller, als andere Erkärungsmodelle, die wie der Solipsismus vorhandene Muster einfach ignorieren. Immerhin sprichst du auch von "der Menschheit" im Unterschied zu anderen Säugetierklassen, rein physiologisch ist das sehr schwer zu rechtfertigen, wenn man für "den Menschen" signifkante bzw. "hinreichende" Wahrnehmungs-, Verhaltens- und Wertungsmuster voraussetzt dagegen IMO schon.


Der Grund, wieso ich von "der Menschheit" im Unterschied zu "anderen Säugetieren" spreche liegt einfach daran, dass ich ein Mensch bin.
Wäre ich ein Tiger, dann würde ich von der Tigerheit sprechen, im Unterschied zu anderen Säugetieren, Sprechen vorausgesetzt. :)

Zitat
R. Dawkins hat es konsequenterweise mal ein ganzes Buch lang durchgezogen, statt "höher" oder "entwickelter" von "menschenähnlicher" zu schreiben


Neija, ich meine das auch fast synonm. Also mir geht es nicht primär darum zu behaupten, dass wir besser sind.

Zitat

aber spätestens bei Tieren ohne menschenähnliches/"entwickeltes" nervöses System und ohne verleichbare Botenstoffe wird die Empathie auch intuitiv sehr schwer).


Also allerspätestens bei Viren würde ich auch Schluss machen.

Zitat
Wenn ich konsequent bin, muss ich aber zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was es heißt eine Giraffe zu sein und solange ich ein Mensch bin, der sich vorstellt was es heißt, eine Giraffe zu sein, wird sich daran auch Nichts ändern, das ist das große Problem der Qualiaforschung.


Es gibt durchaus Menschen, die sich erheblich besser in Tiere hineinversetzen können als du, allerdings ist das nicht "normal".

Zitat

Man kann immer nur Analogieschlüsse machen, aber die sind mir bei Leben, bei dem schon physiologisch und neurologisch signifikante Unterschiede zum Menschen bestehen wie geschreibt zu riskant (den großen grundlegenden Analogieschluss vom Willen, ohne den Giraffen und Bäume und überhaupt die ganze Außenwelt reines Phantasma wären mal ausgenommen).


Hm, vielleicht wäre es dir nicht mehr zu riskant, wenn du sie eingehend beobachten würdest? Neija, Spekulation.

Zitat
Wenn man das Konzept von Gut und Schlecht dann nicht mehr auf den Menschen bezieht sondern immer universeller fassen möchte, landet man die "Entwicklungs"/Menschenähnlichkeitsreihe runter halt irgendwann bei "erstrebenswert" und "vermeidungswürdig", "seinserhaltend" und "seinsverneind" und irgendwann dann beim nackten Willen zum Sein.


Was auch immer der "nackte Wille zum Sein" sein mag...
Ich möchte auch gar nicht behaupten, dass die gleichen Dinge als gut oder schlecht angesehen werden.
Aber gut und schlecht ist ein Konzept das grundlegend mit Lernen verknüpft ist, weswegen man ab einer gewissen Komplexität des Gehirns davon ausgehen kann, dass dieses Konzept implementiert ist.

Zitat

Probleme mit deinem universellen Konzept von "Gut" habe, hab ich ja schon geschrieben, viel problematischer bleiben für mich aber die zur Wertung ausgegeben Begriffe.
Ich glaube weiter nicht daran, dass sich außer Menschen jemals etwas einen Begriff von "HIV" oder "der Menschheit" machen wird.


Ja, HIV intessiert wahrscheinlich keinen sonst. Ich habe auch nie behauptet, dass alle Lebewesen alles werten. Allerdings, nur mal so zur Aufklärung, ich zielte beim Einschluss von nicht Menschen eher auf das ab, was nach uns kommt, als das, was davor war.
Ich zumindest gehe davon aus, dass es den modernen Menschen nur noch eine relativ überschaubare Zeitspanne geben wird.

Zitat

Das wär doch jetzt mal einen eigenen Thread wert (oder zumindest weiteres Zuspammen des "Clean Up"-Threads), dann könnte ich auch Ina dazu bringen, doch noch mit ellenlangen Fullqoute-Beiträgen einzusteigen... Für den im 19. Jhdt. steckengebliebenen Denker ist die Sache jedenfalls klar: es ist ebenso sinnvoll oder sinnlos, die Welt wie wir sie kennen oder ein Menschenleben "lang" oder "kurz" zu nennen.


Kurz und lang ist relativ, das sollte bekannt sein. Allerdings habe ich ja implizit durch das Thema angegeben, auf was sich die Zeitangabe bezieht und damit ist es sinnvoll.

Zitat

Zitat
Es gibt irgendwas, das dazu führt, dass du einen Baum in deinem Kopf so konstruierst wie du ihn konstruierst. Das ist "die Welt da draussen" oder zumindest nenne ich es so.

Intuitive Zustimmung (die wird wohl jeder Mensch dafür haben), aber der Beweis steht noch aus und macht die evolutionären Erkenntnistheoretiker im Diskurs mit Konstruktivisten oder gar Solipsisten seit Jahrzehnten verrückt. Dass irgendetwas zu etwas anderem führt, dass ist eine Erfahrung, die innerhalb unserer Wirklichkeit gültig ist, Kausalität. Kausalität zwischen unserer Wirklichkeit und dem, was erst zu unserer Wirklichkeit führen soll zu postulieren, heißt extrapolieren und ist für die strengen Logiker wie Kant oder Berkeley und natürlich die Leute, die einfach Spaß daran haben, Weltbilder kaputtzumachen wie Watzlawick oder Seßlen, somit völlig untragbar.


Dann lass halt die doofe Kausalität sein, die ist gar nicht nötig für das Argument:
Du konstruierst offensichtlich einen Baum und andere Dinge in deinem Kopf die erstaunliche Korrelationen untereinander aufweisen. Wenn du nicht behaupten möchtest, dass die reiner Zufall sind, dann sind die Regeln dahinter die Welt da draussen.
Kausaltiät muss ich also gar nicht benutzen, sondern lediglich die Annahme, dass die Korrelationen kein Zufall sind, sondern Projektionen (mathematisch gemeint) einer Ordnung.

Zitat

Wenn es etwas da draußen gibt, was der Grund für einen Teil unserer Welt zB für den Baum in meinem Kopf ist, dann bedarf auch die Welt als Solche einer Begründung, und der Urknall, und das, was den Urknall verursacht hat und sogar das fliegende Spaghettimonster usw.


Jo, Problem ist mir bekannt.
Und selbst wenn man eine unendliche Ursachenkette annimmt kann man noch fragen, was die Ursache der ganzen Ursachenkette ist...
Macht aber nichts, das Konzept Kausalität ist eh overrated und stammt aus einer Zeit, als man noch ganz andere Vorstellungen von Raum und Zeit hatte :)

Zitat

Naja, Kategorien und Begriffe sind Voraussetzung für einen Großteil menschlicher Kommunikation, darunter auch die ganze klassische Logik.


Weswegen ich moderne Logik bevorzuge :)


... - 2.6.2007 um 03:55

Das ist aber sehr arrogant, zu behaupten, dass sich ein Mensch nicht in Viren hineinversetzen kann.

Was machen z.B. Viren anderes als Menschen?
Sie ergreifen einen Herd, in dem sie überleben wollen, wie die Menschen eben die Erde und vermehren sich dann so lange, bis der Herd abstirbt, also auch nix anderes wie die Menschen.

Gerade da sehe ich die wenigsten Unterschiede.


Xoc - 2.6.2007 um 05:05

Zitat
Original von Arne Kroger
Das ist aber sehr arrogant, zu behaupten, dass sich ein Mensch nicht in Viren hineinversetzen kann.
Was machen z.B. Viren anderes als Menschen?
Sie ergreifen einen Herd, in dem sie überleben wollen, wie die Menschen eben die Erde und vermehren sich dann so lange, bis der Herd abstirbt, also auch nix anderes wie die Menschen.
Gerade da sehe ich die wenigsten Unterschiede.


Neija, klassische Viren haben eben nicht die Ausstattung zu fühlen, dafür sind sie viel zu primitiv, die lassen sich nur kopieren.
Der Mensch, wenn du ihn als Virus sehen magst ist da fortschrittlicher. Der kopiert sich selbst und kann fühlen.


... - 3.6.2007 um 03:53

Nö, schon das ist wertend.
Der Mensch hat überhaupt keine sinnvollen Instinkte wie es z.B. Viren haben und auch keine besonderen körperlichen Vorteile, die andere Lebewesen haben, um eben zu überleben.

Man kann das also von beiden Seiten sehen, zum einen ist der Mensch nicht für 5 Cent überlebensfähig, wenn er sein Gehirn nicht hätte oder das Gehirn hat sich nur deshalb ausgebildet, weil der Mensch eben so 'ne grauenhaft in der Natur versagende Gestalt abgibt.

Er ist auch das einzige Lebenwesen, dass ohne Erziehung überhaupt nicht überlebendfähig ist.
Allerdings eben auch das einzige, das überhaupt "erziehen" kann bzw. "erziehbar" ist aufgrund seiner intellektuellen Stärke.

Rein neutral betrachtet, weder ein Vor- noch ein Nachteil.


Benway - 3.6.2007 um 17:08

xoc schrieb:

Zitat
Autisten, insbesondere Savants? So wirklich baugleich sind die Menschen auch nicht.


Physiologisch ist das was bei uns unter "Mensch" läuft nach allen relevanten Kriterien baugleich - einziger legitimer Vergleichspunkt kann das ganze übrige Spektrum des Lebens mit chemischer Grundlage sein. Dass es trotzdem signifikante Variationen im Verhaltenspotential und in der Wahrnehmungsentwicklung gibt, sollte ein Grund sein, bei Analogien zu nicht mal physiologisch gleich strukturiertem Leben extrem vorsichtig zu sein.
Auf der anderen Seite lassen sich auch die Muster nicht ignorieren, die es definitv gibt, was Verhaltenspotential und Wahrnehmungsentwicklung angeht - eine "Erklärung", die diese Muster mit einbezieht ist besser als eine Erklärung die das nicht tut. Deshalb bleibt ein qualitativer Unterschied zwischen "dem Menschen" als Art und anderen uns evolutionär sehr nahestehenden Arten zur Zeit IMO noch haltbar, solange zumindest, bis eine bessere Erkärung formuliert werden kann.

Zitat
Es gibt durchaus Menschen, die sich erheblich besser in Tiere hineinversetzen können als du, allerdings ist das nicht "normal".


Immerhin kann ich mich gut genug in Tiere reinversetzen, um sie nicht unbedingt schlachten oder essen zu wollen ;)
Aber dennoch - ein Mensch, der sich in ein Tier hineinversetzt bleibt ein Mensch, der sich in ein Tier hineinversetzt. Wir können vielleicht ganz gut erklären, wie Fledermäuse sich per Echolot orientieren - aber was es heißt, Schallwellen auf Fledermausart wahrzunehmen oder ultraviolettes Licht zu "sehen" oder was es heißt, eine Zecke zu sein, das können wir nicht verstehen, sowenig wie wir uns vorstellen könnten, was es heißt, Farben zu sehen, wenn wir unser ganzes Leben in einem farblosen Labor verbracht und dort alle messbaren Fakten zur Farbenlehre in Erfahrung gebracht hätten.
Wir wissen bei allen Fortschritten in der Verhaltens- und Qualiaforschung nicht, wie ein Hund, eine Fledermaus oder ein Eisbär die Welt wahrnemen. Ihnen deshalb Kategorien und Wertungen zuzusprechen, solange wir uns nicht davon überzeugen können, dass deren Passung stimmt, bleibt reichlich spekulativ.

Zitat
Was auch immer der "nackte Wille zum Sein" sein mag...


Was auch immer dafür sorgt, dass Leben lebendig handelt und überhaupt irgendetwas anstrebt - da ist eine Lücke, die gefüllt werden will, am Einfachsten geht das mit dem definitionsgemäß passenden Teil. Selbst zwei (auf unterschiedliche Weise) reduktionistische Verhaltensforscher wie K. Lorenz und Skinner haben erkannt, dass sie nie hinreichend werden erklären können, warum Leben das Sein dem Nichtsein vorzieht.

Zitat
Aber gut und schlecht ist ein Konzept das grundlegend mit Lernen verknüpft ist, weswegen man ab einer gewissen Komplexität des Gehirns davon ausgehen kann, dass dieses Konzept implementiert ist.


Für mich zustimmungsfähig ausgedrückt: ab einer gewissen Menschenähnlichkeit der Wahrnehmungstruktur kann man davon ausgehen, dass ähnliche Wahrnehmungskategorien wirken. Aber dass es genau die selben sein sollen bzw. aus den vorhandenen menschlichen Kategorien ein universales Konzeppt zu extrapolieren, das scheint mir zu gewagt. Leben funktioniert auch ohne Lernen und ohne die spezifischen Denkkategorien, die der Mensch und vielleicht noch einiger "höhere" Säuger aus seiner näheren Verwandtschaft zum Überleben in ihrem Mesokosmos entwickelt haben.

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Ja, HIV intessiert wahrscheinlich keinen sonst. Ich habe auch nie behauptet, dass alle Lebewesen alles werten.


Dass sich irgendwann "außerhalb" der Menschheit überhaupt jemand oder etwas Begriffe konstruiert, deren Passung zu den von deinem Hirn konstruierten kompatibel ist, das halte ich weiterhin für sehr unwahrscheinlich, auch wenn es sich nicht aktiv widerlegen lässt. Schon zwischen physiologisch baugleichen Wesen ist sowas erfahrungsgemäß ja noch relativ schwer und erfordert etwa das Aufstellen von logischen Systemen.
Wie du schreibst - Lebewesen konstruieren und werten Begriffe, die sie "interessieren", dh die für sie im Kampf ums Dasein relevant sind. Auch wenn eine Zecke ihr Leben lang auf einem Grashalm sitzt wird sie keine Vorstellung von einem Grashalm haben, zumindest keine, die wir an einen völlig anderen Mesokosmos angepassten Lebewesen nachvollziehen könnten. Klar, es bleibt immer die Chance, dass etwa das, was nach dem Menschen noch kommen soll, einmal ähnliche Begriffe wie die von dir ausgegebenen konstruiert und dann tatsächlich mal "HIV" oder "die Menschheit" genau so oder zumindest passungsgleich wie du werten kann, aber ich halte das für unwahrscheinlich angesichts der Vielfalt von Leben, die wir jetzt schon haben und das sich doch alles eine so andere Welt zu konstruieren scheint, dass Kommunikation zwischen den Arten nur ganz ansatzweise möglich ist.


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Allerdings, nur mal so zur Aufklärung, ich zielte beim Einschluss von nicht Menschen eher auf das ab, was nach uns kommt, als das, was davor war.


Hm, was soll auf der Erde großartig Anderes auftauchen als bisher, nur weil der Mensch weg ist? Zu sagen, dass die "vernunftbegabten" Säuger eine eigene Nische besetzen, die mit dem Weggang des Menschen frei würde und früher oder später zwangsläufig neu besetzt werden wird, hieße anhand von einem Beispiel zu extrapolieren.


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Kurz und lang ist relativ, das sollte bekannt sein. Allerdings habe ich ja implizit durch das Thema angegeben, auf was sich die Zeitangabe bezieht und damit ist es sinnvoll.


Was ist denn "die Welt wie wir sie kennen"? Ich nehme mal an, das was wir uns als Welt konstruieren. Die existiert genau so lange, wie wir sie uns so konstruieren. Ich wüsste nicht, wozu ich das in Relation setzen sollte.
Wenn du dagegen das Alter unseres Sonnensystems gegen das Alter des Kosmos oder das Alter unseres post-eiszeitlichen Mesokosmos gegen das Alter der Erde abwägen willst, dann check ich nicht, wie das aus dem Thema hervorgehen soll.

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Dann lass halt die doofe Kausalität sein, die ist gar nicht nötig für das Argument:
Du konstruierst offensichtlich einen Baum und andere Dinge in deinem Kopf die erstaunliche Korrelationen untereinander aufweisen. Wenn du nicht behaupten möchtest, dass die reiner Zufall sind, dann sind die Regeln dahinter die Welt da draussen.


Es bleibt die "verkappte Kausalität", die Watzlawick dem Herrn Vollmer ein Leben lang vorgeworfen hat. Der Konstruktivismus erklärt (fast) gar nichts und hat weder für Widersprüchlichkeit noch Widerspruchsfreiheit von Vorstellungen untereinander eine Erklärung, das ist extrem unbefriedigend.
Aber die evolutionäre Erkenntnistheorie schließt von Vorstellungen auf das was "hinter" den Vorstellungen stehen soll, von der Erfahrung von Kausalität innerhalb der Vorstellungswelt auf die kausale Quelle der Vorstellungswelt oder von der Erfahrung logischer Zusammenhänge zwischen Vorstellungen auf eine äquivalente Ordung in der "Außenwelt", an die sich Vorstellungen anpassen, das ist epistemologisch überhaupt nicht hinnehmbar. Vorerst bleibt es fairer einzugestehen, dass man so gut wie Nichts weiß.

Zitat
Weswegen ich moderne Logik bevorzuge


Kommt die dann auch ohne definierte Begriffe aus, so dass es am Ende eines logischen Schlusses völlig egal war, ob ich unter "der Konstanten c" oder "HIV" jetzt Ziegenkäse, den Dominantseptakkord oder den Schimmer auf einem Tautropfen am Sonntagmorgen verstanden hab?

Arne schrieb:
Zitat
Er ist auch das einzige Lebenwesen, dass ohne Erziehung überhaupt nicht überlebendfähig ist. Allerdings eben auch das einzige, das überhaupt "erziehen" kann bzw. "erziehbar" ist aufgrund seiner intellektuellen Stärke.


Da würd ich jetzt aber beide Aussagen in höchsten Zweifel ziehen. Was ist das denn genau für eine Definition von Erziehung, bei der die beiden anderen Schimpansenarten und alle anderen Säuger rausfallen? Die muss schon sehr...menschlich sein.


Xoc - 3.6.2007 um 19:39

Zitat
Original von Benway
Zitat
Autisten, insbesondere Savants? So wirklich baugleich sind die Menschen auch nicht.

Physiologisch ist das was bei uns unter "Mensch" läuft nach allen relevanten Kriterien baugleich


Nein, das stimmt einfach nicht.
Es gibt Menschen deren Gehirn sich physiologisch signifikant vom "normalen" Gehirn unterscheidet.
Siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Peek

Zitat
Wir können vielleicht ganz gut erklären, wie Fledermäuse sich per Echolot orientieren - aber was es heißt, Schallwellen auf Fledermausart wahrzunehmen oder ultraviolettes Licht zu "sehen" oder was es heißt, eine Zecke zu sein, das können wir nicht verstehen, sowenig wie wir uns vorstellen könnten, was es heißt, Farben zu sehen, wenn wir unser ganzes Leben in einem farblosen Labor verbracht und dort alle messbaren Fakten zur Farbenlehre in Erfahrung gebracht hätten.


Wie unterscheidet sich jemand, der weiss, was es heisst, Farben zu sehen von jemanden, der nicht weiss, was es heisst Farben zu sehen?
Wenn du es so definierst, dass man Farben gesehen haben muss um wirklich zu wissen, was es heisst, Farben gesehen zu haben, dann hast du per Definition Recht.
Wenn nicht, dann denke ich, hast du unrecht.
Also klar, wir wisse nicht, was es heisst, weil wir zu wenig über Farben und Farbwahrnehmung wissen. Aber wenn wir alles wissen würden, was es darüber zu wissen gibt, dann würde ich durchaus sagen, dass wir wissen, was es heisst, Farben wahrzunehmen. Wahrscheinlich sogar besser als jemand, der selbst Farben wahrnimmt.

Falls es dich interessiert, Daniel Dennett hat da eine Meinung, die ich auch als meine bezeichnen würde:
http://video.google.de/videoplay?docid=-9136959594507340339&q=Daniel+Dennett
Wobei, du hattest doch so eine scheiss Internetverbindung? Hm, dann ist das wohl doch nichts für dich, aber vielleicht für andere Interessierte.

Zitat

Selbst zwei (auf unterschiedliche Weise) reduktionistische Verhaltensforscher wie K. Lorenz und Skinner haben erkannt, dass sie nie hinreichend werden erklären können, warum Leben das Sein dem Nichtsein vorzieht.


Das kann ich kaum glauben.
Ich meine, der Grund liegt doch auf der Hand. Alles Leben, was das Sein bevorzugt, bleibt, alles Leben, was das Nichtsein bevorzugt, verschwindet. Und sich dann wundern, wieso man nur noch Leben findet, dass das Sein anstrebt, nee, ich sehe keinen Punkt mehr, über den man sich wundern könnte oder was daran noch erklärt werden müsste.

Hm, ich würde das aber nicht so leichtfertig einen Willen zu Sein nennen, also ich habe den Eindruck, dass Wille ein etwas komplexeres Konzept ist und hier der Begriff überspannt wird. Also ich würde einem Virus keinen Willen unterstellen, höchstens methaphorisch.

Zitat

Für mich zustimmungsfähig ausgedrückt: ab einer gewissen Menschenähnlichkeit der Wahrnehmungstruktur kann man davon ausgehen, dass ähnliche Wahrnehmungskategorien wirken. Aber dass es genau die selben sein sollen bzw. aus den vorhandenen menschlichen Kategorien ein universales Konzeppt zu extrapolieren, das scheint mir zu gewagt. Leben funktioniert auch ohne Lernen und ohne die spezifischen Denkkategorien, die der Mensch und vielleicht noch einiger "höhere" Säuger aus seiner näheren Verwandtschaft zum Überleben in ihrem Mesokosmos entwickelt haben.


Ich habe auch nie behauptet, dass alles Leben gut finden kann.
Aber das grundlegende Konzept von gut und schlecht halte ich eben so wenig für typisch oder speziell menschlich wie Fortbewegung oder Schmerz.

Zitat

Hm, was soll auf der Erde großartig Anderes auftauchen als bisher, nur weil der Mensch weg ist? Zu sagen, dass die "vernunftbegabten" Säuger eine eigene Nische besetzen, die mit dem Weggang des Menschen frei würde und früher oder später zwangsläufig neu besetzt werden wird, hieße anhand von einem Beispiel zu extrapolieren.


Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass (wirklich) intelligente Maschinen den Menschen verdrängen, sofern man nicht glaubt, dass diese prinzipiell nicht möglich sind.

Zitat
Was ist denn "die Welt wie wir sie kennen"? Ich nehme mal an, das was wir uns als Welt konstruieren.


Ich dachte da eher an Kapitalismus, Techniken, Städte, unsere moderne Lebensweise, etc.
Und ich behaupte, dass es das jeweils erst kurz gibt, z.B. verglichen mit der Zeit, die Lebewesen brauchen um sich biologisch an eine Lebensweise anzupassen.

Zitat
Es bleibt die "verkappte Kausalität", die Watzlawick dem Herrn Vollmer ein Leben lang vorgeworfen hat. Der Konstruktivismus erklärt (fast) gar nichts und hat weder für Widersprüchlichkeit noch Widerspruchsfreiheit von Vorstellungen untereinander eine Erklärung, das ist extrem unbefriedigend.


Ich habe auch nie behauptet, dass ich "den Konstruktivismus" vertrete, das ist mir also relativ egal, was der angeblich erklären kann.
Und ich habe sowohl für die Widersprüchlichkeit als auch für die Widerspruchsfreiheit von Vorstellungen untereinander eine Erklärung, es ist sogar der Erwartungswert beides anzutreffen.
Ich sehe keinen Punkt, er unbefriedigt bleibt, da bräuchte ich schon genauere Argumente als, dass "der Konstruktivismus" das nicht kann.
Und, wie gesagt, es gibt keine andere Möglichkeit als anzunehmen, dass die Korrelationen entweder tatsächlich Projektionen einer Ordnung oder Struktur sind oder sie Zufall sind.
Was nun an mathematischen Korrelationen "verkappte Kausalität" sein soll weiss ich nicht. Es gibt zwar leider mehr als genügend Leute, die Korrelationen gleich eine Kausalität unterstellen, aber, das macht es nicht richtig, noch ist das dem Konzept der Korrelation anzulasten, dass man es nicht versteht.

Zitat

Aber die evolutionäre Erkenntnistheorie schließt von Vorstellungen auf das was "hinter" den Vorstellungen stehen soll, von der Erfahrung von Kausalität innerhalb der Vorstellungswelt auf die kausale Quelle der Vorstellungswelt oder von der Erfahrung logischer Zusammenhänge zwischen Vorstellungen auf eine äquivalente Ordung in der "Außenwelt", an die sich Vorstellungen anpassen, das ist epistemologisch überhaupt nicht hinnehmbar. Vorerst bleibt es fairer einzugestehen, dass man so gut wie Nichts weiß.


Ich bin doch gar nicht so weit gegangen zu behaupten, dass sich unsere Vorstellungen der Aussenwelt anpassen, lediglich, dass wir wissen können, dass es die Aussenwelt gibt, bzw das es etwas gibt, was sinnvoll so genannt werden kann.
Wenn du die Ziffernfolge 000111100001111000011110000111100001111... wahrnimmst, dann bleibt dir keine andere Wahl als anzunehmen, dass es entweder reiner Zufall ist oder ein Ordnung dahinter. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wenn du den Zufall ausschliesst, dann kann man die Ordnung "die Welt da draussen" nennen. Mehr tue ich nicht und ich sehe das als logisch zwingend.


Zitat

Zitat
Weswegen ich moderne Logik bevorzuge

Kommt die dann auch ohne definierte Begriffe aus, so dass es am Ende eines logischen Schlusses völlig egal war, ob ich unter "der Konstanten c" oder "HIV" jetzt Ziegenkäse, den Dominantseptakkord oder den Schimmer auf einem Tautropfen am Sonntagmorgen verstanden hab?


Ja natürlich!

Zitat
Da würd ich jetzt aber beide Aussagen in höchsten Zweifel ziehen. Was ist das denn genau für eine Definition von Erziehung, bei der die beiden anderen Schimpansenarten und alle anderen Säuger rausfallen? Die muss schon sehr...menschlich sein.


Hey, ich bin deiner Meinung! :D
Vielleicht meint Arne dieses ganze absichtliche "Ich muss jetzt das Kind erziehen, ich mache xy, um es zu erziehen", dann wäre das tatsächlich wahrscheinlich typisch menschlich, aber nicht mehr überlebensnotwendig...


... - 4.6.2007 um 03:39

Das ist schon die sog. erziehungswissenschaftliche Definition von "Erziehung", die ich da zugrunde lege, also etwas, was ich hoffentlich nächsten Freitag vollständig vergessen kann und nie wieder im Leben benutzen muss.


Xoc - 4.6.2007 um 04:10

Wie ist die Definition denn, Arne?
Wir studieren das nicht, im Gegensatz zu dir :D


... - 4.6.2007 um 04:41

Jetzt nerv' doch nicht noch mit solchen blöden Fragen.
Als ob es in einem solchen Laberfach konkrete Begrifflichkeiten gäbe, da sind mehrere (unter Umständen auch widersprüchliche) Definitionen möglich.

I.d.R wird das so definiert:
"Erziehung stellt ein soziales Handeln dar, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und offensichtlich herführen und unterstützen will; diese Lernprozesse streben solche dauerhaften Veränderungen des Verhaltens an, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen."

Aber bitte vor Freitag keine Diskussion dazu, der Scheiß klebt mir in Kopf wie Kacke an der Toilette.


Xoc - 4.6.2007 um 05:05

Zitat
Original von Arne Kroger
I.d.R wird das so definiert:
"Erziehung stellt ein soziales Handeln dar, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und offensichtlich herführen und unterstützen will; diese Lernprozesse streben solche dauerhaften Veränderungen des Verhaltens an, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen."


Achtung! Bitte nicht vor Freitag lesen, was nun folgt, Arne! :D

Laut deiner Definition ist Erziehung nicht lebensnotwendig für Menschen.
-Es reicht völlig, wenn Lernen unbewusst unterstützt oder herbeigeführt wird.
-Ein bestimmtes Erziehungsziel ist nicht nötig. Das Ziel kann unbestimmt sein, man kann dem Kind einfach nur helfen, ohne Hintergedanken, ohne es in eine bestimmte Formen bringen zu wollen oder das Kind kann die Wünsche selbst äussern.

Eigentlich sollte man das Dressur von Kindern nennen, was du da definiert hast.

Sorry, falls du das jetzt doch gelesen hast :29:


Benway - 4.6.2007 um 18:36

xoc schrieb:

Zitat
Es gibt Menschen deren Gehirn sich physiologisch signifikant vom "normalen" Gehirn unterscheidet.


Im gesnippten Teil meines Postings hab ich geschrieben, wo für mich der legitime Vergleichspunkt fü Signifikanz liegt. Kim Peeks Gehirn scheint mir dem als Normalfall angesehenen Menschen ähnlicher zu sein als selbst dem unser stammesgeschichtlich nächsten Verwandten. Klar erfordert das ganz bestimmte criteria of relevance und klar kann man die auch so drehen, dass der Abstand zwischen Otto und Kim Peek größer zu sein scheint als zwischen Otto und Schimpanse, nicht nur was die Physiologie sondern auch was das Verhaltenspotential angeht. Trotzdem halte ich die Sonderung der drei Schimpansenarten weiterhin für ein angebrachtes Erklärungsmodell, wenn es darum geht spezifische Besonderheiten in Physiologie und Verhaltenspotential zu erklären.

Zitat
Wie unterscheidet sich jemand, der weiss, was es heisst, Farben zu sehen von jemanden, der nicht weiss, was es heisst Farben zu sehen? Wenn du es so definierst, dass man Farben gesehen haben muss um wirklich zu wissen, was es heisst, Farben gesehen zu haben, dann hast du per Definition Recht.


Ja, das ist ein schönes Gefühl, auch weil man mal straflos der Intuition folgen darf. Die Erfahrung "Farben sehen" gehört für mich dazu, damit man sagen kann, alles über das Phänomen "Farben sehen" zu wissen. Eine reine Definitionsfrage, die sich schnell lösen lässt, solange einem nicht wie den meisten Qualiaforschern zwei Seelen in der Brust schlagen.

Zitat
http://video.google.de/videoplay?docid=-...=Daniel+Dennett
Wobei, du hattest doch so eine scheiss Internetverbindung? Hm, dann ist das wohl doch nichts für dich, aber vielleicht für andere Interessierte.


Jepp, wenn du mit mir über Videomaterial schreiben willst, dann mit Transkript oder Erklärung worum es geht.

Zitat
Ich meine, der Grund liegt doch auf der Hand. Alles Leben, was das Sein bevorzugt, bleibt, alles Leben, was das Nichtsein bevorzugt, verschwindet.


Und doch bleibt unter dem sicheren tautologischen Boden der Evolutionstheorie ein Vakuum, das gefüllt werden möchte, der Grund, warum überhaupt eine Evolutionstheorie aufgestellt werden kann. Naja, Respekt von den Forscherkollegen hat Konrad Lorenz für seine vitalistischen Ausfälle im Alter sicher nicht erhalten, aber für Leute mit der entsprechenden Erwartungshaltung ist es schon ganz interessant, dass auch er letztlich nicht ohne Erklärungen a priori aka Metaphern auskommen konnte oder eben wollte. Manche Dinge lassen sich evtl eben nur metaphorisch und sonst gar nicht ausdrücken, ergo sind sie dann so wahr wie sie nur werden können (hab ich das jetzt von Nietzsche oder von @Ina?), zB dass die Aktivität eines Virus oder der Gravitation auf dem selben Willen beruht, den "höhere" Lebewesen "bewusst" wahrnehmen und befehlen.
Aber ich werd jetzt nicht versuchen, das hier über ein reichlich naiv scheinendes Postulat hinaus zu begründen. Von mir aus kann die Welt gerne davon überzeugt sein, dass Leben durch die Evolutionstheorie oder wahlweise auch durch die an seiner Entstehung und Erhaltung beteiligten chemischen und biologischen Prozesse hinreichend beschrieben werden kann, geschlossene Systeme wie der Vitalismus oder die Evolutionstheorie bleiben theoretisch zwar angreifbar und widerlagbar, praktisch enthalten sie aber zu viele Schlupflöcher und selbsterfüllende Prophezeihungen, als dass man ihnen begegnen könnte, ohne selbst ein ebenso geschlossenes System entgegenzustellen. Ein Hurra in diesem Sinne auf den Kreationismus.

Zitat
Ich habe auch nie behauptet, dass alles Leben gut finden kann.


Ja, aber die Grenzziehungen -Eisbären ja, Viren nein, Pantoffeltierchen vielleicht?- finde ich so befremdlich wie du meine Grenzziehung zwischen "dem Menschen" und "Sonstigem". Wir kennen nur das menschliche Konzept von "gut" und das ist typisch menschlich. Uns stammesgeschichtlich nahestehende Arten scheinen ähnliche Konzepte zu haben, aber die mit dem selben Begriff zu belegen wie unsere könnte irreführend sein.
Teilweise gehen Verhaltensforscher zZt von einem (verschiebbaren) dreidimensionalen Wertungsachsenkreuz aus, dessen Anwendung bei höheren Säugetieren sie dann empirisch zu belegen versuchen. Die Wertungsachsen, die sie bei Säugern dabei aber zu beobachten meinen sind nicht "gut"/"schlecht" sondern eher "stark/schwach", "aktiv/passiv" und "Lust/Unlust", das ist IMO eine Vorstellung, die Verhalten effektiver beschreiben könnte.

Zitat
Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass (wirklich) intelligente Maschinen den Menschen verdrängen, sofern man nicht glaubt, dass diese prinzipiell nicht möglich sind.


Nun, es ist mit Sicherheit wahrscheinlicher, als dass sich noch mal Leben auf der Erde entwickeln wird, das Jetztmenschen als vernunftbegabt anerkennen würden. Die Frage der Möglichkeit ist natürlich auch eng an die Definition von Leben geknüpft, die man anlegt, gibt ja heute bereits Forscher, die intelligentes menschengeschaffenes Leben für verwirklicht halten.

Zitat
Ich dachte da eher an Kapitalismus, Techniken, Städte, unsere moderne Lebensweise, etc.
Und ich behaupte, dass es das jeweils erst kurz gibt, z.B. verglichen mit der Zeit, die Lebewesen brauchen um sich biologisch an eine Lebensweise anzupassen.


Somit hätte sich "die Welt" zwischendurch mal wieder verschlechtert, bevor sie auf die "gute" Asymptote zuläuft. Tja, ich glaube, die Menschen sind heute unterm Strich weder glücklicher noch unglücklicher als vor 500 000 Jahren, noch gibt es heute mehr oder weniger Menschen, die sich Gedanken über den Zustand der Welt machen und den dann "gut" oder "schlecht" finden. Aber das lässt sich mit Verweisen auf biologische und psychologische Eigenheiten, die dem Menschen und vielen anderen Lebewesen anhaften, höchstens glaubhaft machen, begründen genausowenig wie die Annahme, dass es Millionen Jahren etwa mal Leben auf nichtchemischer Basis geben könnte, dass sich die Welt und die Dinge darin als "gut" konstruiert.


Zitat
Ich habe auch nie behauptet, dass ich "den Konstruktivismus" vertrete, das ist mir also relativ egal, was der angeblich erklären kann.


Ne, den Konstruktivismus vertrete wie geschreibt eher ich und der hat wie geschreibt keine Erklärung für vorhandene Muster, Trends und Korrelationen zwischen Vorstellungen.
Du vertrittst eher die evolutionäre Erkenntistheorie von Gerhard Vollmer - bitte nicht aufregen, dass ich dich schon wieder mit einem Denker assoziieren möchte, sind die gleichen Gründe wie bei Leibniz: Vollmer hat dadurch, dass er auf hunderten Seiten Trends und Korrelationen zwischen Vorstellungen aus allen wissenschaftlichen Disziplien dargelegt hat, die auf die Existenz einer objektiven Außenwelt hinweisen, dafür gesorgt, dass man einen hypothetischen Realismus im 21. Jahrhundert überhaupt wieder ernstnehmen kann.

Zitat
Was nun an mathematischen Korrelationen "verkappte Kausalität" sein soll weiss ich nicht. Es gibt zwar leider mehr als genügend Leute, die Korrelationen gleich eine Kausalität unterstellen, aber, das macht es nicht richtig, noch ist das dem Konzept der Korrelation anzulasten, dass man es nicht versteht.


Watzlawick hat der evolutionären Erkenntistheorie vorgeworfen, Korrelationen als Indiz für Kausalzusammenhänge zu missbrauchen, deswegen würd ich mal davon ausgehen, dass er den Unterschied zwischen Kausalzusammenhang und Korellation gerade so gerafft hat. Du schreibst selbst oft genug, dass etwas eine Vorstellung verursacht, da verwundert es nicht, dass man auf die Idee kommen kann, dass mit den Projektionen einer Ordnung nun genau das erschlichen werden soll. Aber für den radikalen philosophischen Idealisten ist die Sache sowieso viel einfacher:
Zitat
Wenn du die Ziffernfolge 000111100001111000011110000111100001111... wahrnimmst, dann bleibt dir keine andere Wahl als anzunehmen, dass es entweder reiner Zufall ist oder ein Ordnung dahinter. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Das ist ein Gesetz aus unserer Erfahrungswelt, nur da haben wir bisher Projektionen einer Ordnung beobachtet oder im Alltag die Erfahrung "kein Output ohne Input" gemacht. Jetzt wird dieses Gesetz angewandt, um auf das Muster zu schließen, dass man sich "vor" der Erfahrungswelt konstruiert, das ist unzulässig. Tja, der philosophische Idealist hat es einfach, aber er lässt sich nicht widerlegen. Ebensowenig wie der Solipsist, der etwa annehmen könnte, dass alle meine Vorstellungen und alle Zusammenhänge dazwischen doch reiner Zufall sind, also willkürlich in meinem Kopf entstehen - das erscheint uns zwar unwahrscheinlich und intuitiv ablehnungswürdig, aber alle unsere Erfahrungen mit Wahrscheinlichkeiten gründen wir auf die Vorstellungswelt.
Intuitiv wird wohl jeder an Input von Außen glauben wollen, schlüssig lässt es sich bisher nicht begründen. Wenn die evolutionäre Erkenntistheorie noch ein paar hundert Jahre lang Beispiele liefert, die auf eine Ordnung hinweisen, die sich in unseren Vorstellungen wiederspiegelt, kann man vielleicht den Konsens erzielen, den hypothetischen Realismus in allen Wissenschaftzweigen wenigstens mal als Arbeitshypothese vorauszusetzen.

Benway schrieb:
Zitat
Kommt die dann auch ohne definierte Begriffe aus

xoc schrieb:
Zitat
Ja natürlich!


Nachdem ich mir jetzt die Mühe gemacht hab, Christina, einen Physikprofessor und einen Philosophiediplomand zu bitten, mir das zu erklären und mir alle glaubhaft versichert haben, damit nichts anfangen zu können, bin ich jetzt doch genervt und hab mir vorgenommen, mich in Zukunft nicht mehr mit Verweisen zu beschäftigen, wo nicht wenigstens ein Link angegeben ist. Also mach dir die Mühe, solche Thesen zu begründen, wenn ich meinen inneren Gehirnschweinehund deswegen überwinden soll.


Xoc - 4.6.2007 um 21:14

Erstmal nur eine einfache Teilantwort, ich habe heute durchgemacht, komplizierte Sachen sind nicht mehr so gut :)

Zitat

Kommt die dann auch ohne definierte Begriffe aus, so dass es am Ende eines logischen Schlusses völlig egal war, ob ich unter "der Konstanten c" oder "HIV" jetzt Ziegenkäse, den Dominantseptakkord oder den Schimmer auf einem Tautropfen am Sonntagmorgen verstanden hab?


Ich bleibe dabei, dass die Prädikatenlogik das kann, siehe Anhang für eine exakte Definition.
Kurz gesagt ist die Prädikaten Logik eine formale Logik definiert durch Junktoren (Und, Oder, Nicht), Quantoren (Für alle, Es existiert ein) und n-stelligen Prädikatensymbolen und Funktionsymbolen, sowie Variablen und Konstanten.
Sie lässt logische Schlüsse zu ohne verwendete Symbole zu interpretieren, bzw die Richtigkeit des Schlusses ändert sich nicht durch eine Interpretation.

Zitat

Nachdem ich mir jetzt die Mühe gemacht hab, Christina, einen Physikprofessor und einen Philosophiediplomand zu bitten, mir das zu erklären und mir alle glaubhaft versichert haben, damit nichts anfangen zu können, bin ich jetzt doch genervt und hab mir vorgenommen, mich in Zukunft nicht mehr mit Verweisen zu beschäftigen, wo nicht wenigstens ein Link angegeben ist. Also mach dir die Mühe, solche Thesen zu begründen, wenn ich meinen inneren Gehirnschweinehund deswegen überwinden soll.


Das tut mir ehrlich leid für dich, ich wüsste gerne, was du sie gefragt hast, weil mindestens die Physikprofessorin sollte Prädikatenlogik kennen.


Xoc - 5.6.2007 um 11:42

Zitat
Original von Benway
Klar erfordert das ganz bestimmte criteria of relevance und klar kann man die auch so drehen, dass der Abstand zwischen Otto und Kim Peek größer zu sein scheint als zwischen Otto und Schimpanse, nicht nur was die Physiologie sondern auch was das Verhaltenspotential angeht.


Prima, dann sind wir uns wohl zumindest grundsätzlich einig.

Zitat

Zitat
Wie unterscheidet sich jemand, der weiss, was es heisst, Farben zu sehen von jemanden, der nicht weiss, was es heisst Farben zu sehen? Wenn du es so definierst, dass man Farben gesehen haben muss um wirklich zu wissen, was es heisst, Farben gesehen zu haben, dann hast du per Definition Recht.


Ja, das ist ein schönes Gefühl, auch weil man mal straflos der Intuition folgen darf. Die Erfahrung "Farben sehen" gehört für mich dazu, damit man sagen kann, alles über das Phänomen "Farben sehen" zu wissen. Eine reine Definitionsfrage, die sich schnell lösen lässt, solange einem nicht wie den meisten Qualiaforschern zwei Seelen in der Brust schlagen.


Neija, wenn du es so definierst, natürlich hast du dann Recht, aber dann wird die Aussage auch reichlich unspektakulär, weil du dann nur noch behauptest, dass jemand, der keine Farben sieht, keine Farben sieht. Oder jemand, der keine Fledermaus ist, keine Fledermaus ist.
Ich definiere das anders.


Zitat
Ich meine, der Grund liegt doch auf der Hand. Alles Leben, was das Sein bevorzugt, bleibt, alles Leben, was das Nichtsein bevorzugt, verschwindet.


Und doch bleibt unter dem sicheren tautologischen Boden der Evolutionstheorie ein Vakuum, das gefüllt werden möchte, der Grund, warum überhaupt eine Evolutionstheorie aufgestellt werden kann.


Zitat

Manche Dinge lassen sich evtl eben nur metaphorisch und sonst gar nicht ausdrücken, ergo sind sie dann so wahr wie sie nur werden können (hab ich das jetzt von Nietzsche oder von @Ina?), zB dass die Aktivität eines Virus oder der Gravitation auf dem selben Willen beruht, den "höhere" Lebewesen "bewusst" wahrnehmen und befehlen. Aber ich werd jetzt nicht versuchen, das hier über ein reichlich naiv scheinendes Postulat hinaus zu begründen.


Ich würde dem so eigentlich einfach zustimmen, ausser, dass ich Wille für ein sehr schlecht gewähltes Wort halte und das vielleicht so schlecht gewählt ist, dass es noch Dinge mitbehauptet, denen ich nicht zustimmen würde. Also, zumindest würde ich auch sagen, dass es letztendlich das Gleiche ist, was den Menschen zur Aktivität bringt, wie das Virus oder etwas, was fällt, wenn das die Kernaussage sein soll.


Zitat
Von mir aus kann die Welt gerne davon überzeugt sein, dass Leben durch die Evolutionstheorie oder wahlweise auch durch die an seiner Entstehung und Erhaltung beteiligten chemischen und biologischen Prozesse hinreichend beschrieben werden kann, geschlossene Systeme wie der Vitalismus oder die Evolutionstheorie bleiben theoretisch zwar angreifbar und widerlagbar.


Evolution ist mathematisch formuliert beweisbar, da gibt es keine Angriffspunkte und nichts zu widerlegen. Die Frage, ob das ein Modell für die Entstehung von Leben ist, ist eine andere, aber da habe ich keine ernsthafen Zweifel dran.


Zitat
Ja, aber die Grenzziehungen -Eisbären ja, Viren nein, Pantoffeltierchen vielleicht?- finde ich so befremdlich wie du meine Grenzziehung zwischen "dem Menschen" und "Sonstigem". Wir kennen nur das menschliche Konzept von "gut" und das ist typisch menschlich. Uns stammesgeschichtlich nahestehende Arten scheinen ähnliche Konzepte zu haben, aber die mit dem selben Begriff zu belegen wie unsere könnte irreführend sein.


Wieso Grenze? Da gibt es ebensowenig eine Grenze wie es eine Grenze zwischen Hand und Arm gibt. Trotzdem sind beides sinnvolle Begriffe mit denen man sinnvolle Aussagen machen kann.

Zitat

Die Frage der Möglichkeit ist natürlich auch eng an die Definition von Leben geknüpft, die man anlegt, gibt ja heute bereits Forscher, die intelligentes menschengeschaffenes Leben für verwirklicht halten.


Was imho nur an blödsinningen Definition liegen kann.

Zitat
Somit hätte sich "die Welt" zwischendurch mal wieder verschlechtert, bevor sie auf die "gute" Asymptote zuläuft.


Das ist zumindest nicht meine Sichtweise. Insbesondere, weil ich nie mit "der Welt" argumentiert habe.
Mal ein Beispiel, ich scheine im Abstrakten bei dem Thema ja gerne missverstanden zu werden, zumindest kommen da Sachen auf mich zurück, die ich nie gesagt habe.

Die Atmosphäre war ursprünglich sauerstoffrei und Sauerstoff war ein Gift für Lebewesen.
Als die Photosynthese dann anfing, kann man durchaus in einem gewissen Sinne sagen, dass es schlecht für die allermeisten Lebewesen war. Zumindest hat es sie umgebracht. Sie waren wohl nicht weit genug entwickelt selbst darüber zu werten.
Im Laufe der Zeit hat sich das geändert, die Lebewesen haben die vergiftete Atmosphäre nicht nur vertragen, sondern sie ist lebensnotwendig geworden.
Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass der Sauerstoff in der Atmosphäre für die meisten Lebewesen heutzutage als gut bezeichnet werden kann. Und es sieht auch nicht danach aus als würden die Lebewesen selbst es toll finden bei Abwesenheit zu ersticken.
Ob das nun zu menschliche Katergorien von gut oder schlecht sind oder bla, das halt ich für eine recht nebensächliche Sache, zumindest geht es mir nicht darum.
Mein Punkt ist, dass da ein allgemeines Prinzip dahinter steckt. Dinge, die es lang genug gibt, werden als gut angesehen werden.

Zitat
Tja, ich glaube, die Menschen sind heute unterm Strich weder glücklicher noch unglücklicher als vor 500 000 Jahren,


Ich kann es nicht beweisen, aber ich bezweifel es. Und zwar in die Richtung, dass sie vor 500.000 Jahren glücklicher waren, zumindest wenn und weil sie in einer Umwelt lebten, an die sie angepasst waren.
Für mich sieht ein Tier in freier Wildbahn mindestens oft irgendwie glücklicher aus, als ein Tier im Käfig im Zoo. Und das sind wir Menschen in einem gewissen Sinne auch, Tiere in Käfigen.

Zitat
Gerhard Vollmer - bitte nicht aufregen, dass ich dich schon wieder mit einem Denker assoziieren möchte


Ansich finde ich es ja nett, wenn ich mit Denkern assoziiert werde, ich möchte lediglich nicht, dass ich auf eine Position gedrängt werde, die ich nicht kenne und von der ich also auch nicht weiss, ob ich sie überhaupt habe. Solche Schlüsse passieren ganz schnell mal.

Zitat
Was nun an mathematischen Korrelationen "verkappte Kausalität" sein soll weiss ich nicht. Es gibt zwar leider mehr als genügend Leute, die Korrelationen gleich eine Kausalität unterstellen, aber, das macht es nicht richtig, noch ist das dem Konzept der Korrelation anzulasten, dass man es nicht versteht.


Zitat
Watzlawick hat der evolutionären Erkenntistheorie vorgeworfen, Korrelationen als Indiz für Kausalzusammenhänge zu missbrauchen, deswegen würd ich mal davon ausgehen, dass er den Unterschied zwischen Kausalzusammenhang und Korellation gerade so gerafft hat. Du schreibst selbst oft genug, dass etwas eine Vorstellung verursacht, da verwundert es nicht, dass man auf die Idee kommen kann, dass mit den Projektionen einer Ordnung nun genau das erschlichen werden soll.


Tut mir leid, die Sprache nötigt mich dazu. Ich habe sie nicht erfunden, ich bin nicht daran schuld, dass man kaum reden kann, ohne die ganze Zeit Kausalität, Sein und Raumzeit implizit auszudrücken.
Ich will aber ganz sicher nichts erschleichen.

Zitat
Das ist ein Gesetz aus unserer Erfahrungswelt, nur da haben wir bisher Projektionen einer Ordnung beobachtet oder im Alltag die Erfahrung "kein Output ohne Input" gemacht. Jetzt wird dieses Gesetz angewandt, um auf das Muster zu schließen, dass man sich "vor" der Erfahrungswelt konstruiert, das ist unzulässig.


Mein Argumentation hat nichts mit Erfahrung zu tun, das lässt sich rein mathematisch formulieren! Meine Behauptung, dass es eine Welt da draussen gibt ist äquivalent dazu, dass ich behaupte, dass es eine wesentlich kürzere Beschreibung aller Wahrnehmungen (und möglicher Wahrnehmungen) existiert als die reine Auflistung und, dass das kein Zufall ist.


Die Welt da draussen gibt es für mich übrigens genauso wirklich oder unwirklich wie die natürlichen Zahlen, wobei ich leider nicht weiss, wie genau oder naiv deine Vorstellung davon ist, was die natürlichen Zahlen sind. Also, ich will damit sagen, dass ich keinen Existenzbegriff kenne, der nur auf eins von beiden anwendbar ist.
Vielleicht schränkt das auch die Denker ein, mit denen zusammen du mich in eine Schublade packen kannst :)

Zitat
Intuitiv wird wohl jeder an Input von Außen glauben wollen, schlüssig lässt es sich bisher nicht begründen.


Tja, dass ganze als Input von Aussen zu betrachten ist schon eine Sichtweise die einen ganzes Stück mehr behauptet, als ich, weil sie auch noch das Konzept der Raumzeit und Topologien verwendet, was ja nicht notwendiger Weise so sein muss, nur, weil es eine "Welt da draussen" gibt.


Benway - 5.6.2007 um 20:24

xoc schrieb:
Zu Autistenhirnen:

Zitat
Prima, dann sind wir uns wohl zumindest grundsätzlich einig.


Naja, sich darin einig zu sein, dass man eine Menge Sachen sehr verschieden sehen kann, ist IMO nicht unbedingt so der Fortschritt. Also wenn du mein Kriterium für Signifikanz dann akzeptierst und dein Beobachtungssystem so wählen willst, dass das Denkzentrum von Kim Peek einem Schimpansen nähersteht als dem Durchschnittsmenschen, dann kann ich dich nicht widerlegen, solange ich für meine criteria keinen Absolutheitsanspruch erhebe (was ja durchaus auch mal ne Überlegung wert wäre, wenn man sich mal anschaut, was auf dem freien Religionsmarkt so alles mit Erfolg vertrieben wird). Aber es ist mir spätestens seit meiner Arbeit mit Behinderten und notwendigerweise auch mit Leuten, für die Behinderte unbehaarte Affen sind, sicher nicht sympathischer als dir mein anthropozentrisch verblendetes Weltbild. Insofern machen mich solche grundsätzlichen Einigungen nicht so fröhlich, da hat die demokratisch-humanistische Erziehung in der Mittelstufe offenbar ziemlich versagt.

Zum Qualiaproblem:
Zitat
Neija, wenn du es so definierst, natürlich hast du dann Recht, aber dann wird die Aussage auch reichlich unspektakulär, weil du dann nur noch behauptest, dass jemand, der keine Farben sieht, keine Farben sieht


Why, wir haben doch zwei Begriffe "Alles über Farbensehen wissen" und "Farben sehen" und die Definition so gewählt, dass Farben sehen eine notwendige Voraussetzung für Alles über Farbensehen wissen ist, während Alles über Farbensehen wissen weder notwendig noch hinreichend für Farben sehen ist, da ergeben sich doch aufgrund der Definition neue (unangreifbare und daher nichts "erklärende") Beziehungen, die ohne Definition nicht da wären. Aber weiter kommt man halt IMO nicht in der Qualiaforschung.

Zitat
Ich definiere das anders.


Wenn du dir die Mühe machst, deine Sicht auszuformulieren oder einen Link zu einer Quelle in Schriftform zu bringen, können wir da auch mal drüber reden.

zum Willen:
Zitat
ausser, dass ich Wille für ein sehr schlecht gewähltes Wort halte und das vielleicht so schlecht gewählt ist, dass es noch Dinge mitbehauptet, denen ich nicht zustimmen würde.


Sind ja doch Alles nur komische Begriffe und Vorstellungen, die es in irgendwelchen Menschenköpfen gibt oder gab und nirgendwo sonst, wie könnten die was mit der Natur des Universums gemein haben? (Das hab ich jetzt aber definitiv von @Ina).

Zitat
Evolution ist mathematisch formuliert beweisbar, da gibt es keine Angriffspunkte und nichts zu widerlegen.


Und Mathematik ist ein geschlossenes System, das seine festen Definitionen und Glaubenssätze wie den vom ausgeschlossenen Dritten hat, vom System der Mathematik aus ist die mathematische Beweisbarkeit der Evolutionstheorie sicher nicht zu widerlegen, dazu muss man sich schon ein anderes geschlossenes System suchen, das seine eigenen Definitionen hat, zu denen die Evolutionstheorie dann in Widerspruch geraten kann. Damit will ich nicht mehr sagen als: innerhalb eines Systems muss Alles aus den Grundannahmen abgeleitet werden können, insofern ist jedes System wie von Simmel behauptet "basistautologisch". Jedes System hat seine blinden Flecken, die es niemals hinreichend wird begründen können, weil sie schon per definition keiner Begründung bedürfen, die Evolutionstheorie ist da keine Ausnahme.

Zum Konzept von "gut":
Zitat
Wieso Grenze? Da gibt es ebensowenig eine Grenze wie es eine Grenze zwischen Hand und Arm gibt.


Jaja, ich arbeite ja auch mit "dem Menschen" und schlage nur um der lieben Exaktheit Willen alle möglichen Grenzfälle der Kategorie zu, um dann schauen zu können was noch übrig bleibt. Anders formuliert kommt es mir seltsam vor, was für dich definitiv in eine Kategorie fällt und was definitiv nicht. Aber darüber zu reden ist sowieso Schwachfug, weil Jeder mal Alles behaupten könnte, ohne Widerlegungen zu fürchten (mh, so schwachsinnig klingt das jetzt gar nicht...also doch, wegen mir gerne),

Zu intelligentem künstlichen Leben:
Zitat
Was imho nur an blödsinningen Definition liegen kann.


*schulterzuck* Definitionen sind Definitionen. Aus Interesse mal nachgefragt: muss Leben für dich die Informationsebene "überschreiten" und auf physischer oder gar chemischer Basis fußen, damit es sich als solches qualifiziert? Oder hapert's (wohl wahrscheinlicher) an der "Intelligenz" bisherigen künstlich erzeugten Lebens.

Zur Urthese:
Zitat
Als die Photosynthese dann anfing, kann man durchaus in einem gewissen Sinne sagen, dass es schlecht für die allermeisten Lebewesen war. Zumindest hat es sie umgebracht. Sie waren wohl nicht weit genug entwickelt selbst darüber zu werten.


Naja, sie haben sich an einen Zustand angepasst, also offensichtlich ihr Bestes getan zu leben und als der dann weg war haben sie aufgehört zu leben. Wenn das aggressive Gas Sauerstoff nun plötzlich weg wäre, könnte man von uns auch nicht mehr sagen. Es sei denn man definiert so, dass nur "wir", also so die größeren Proteinklumpen bis "hinunter" zu einem nicht exakt definierbaren Punkt, wirklich richtig leben wollen und Dinge "gut" finden, die zum Überleben beitragen.
Da ergibt sich dann noch ein weiteres Problem, langfristig tendiert unser Sonnensystem -ich fang jetzt gar nicht erst vom Universum an, denn wir haben nur ein Beispiel, von dem aus wir spekulieren könnten- sicher nicht dazu, größere Proteinklumpen hervorzubringen, so dass die These als "allgemeines Prinzip" sicher nicht taugt, so dass du keine Beispiele bringen dürftest, die nach vorn oder hinten über unseren engen Tellerrand hinausragen, aber darauf hat Calgmoth glaub ich schon hingewiesen. Wenn du selbst eingestehst, dass der Einzige der den Zustand 1 in diesem Beispiel wertet du bist, dann kannst du nicht mehr sagen, als dass es wohl einmal dazu gekommen ist, dass wir Leben haben, das die Bedingungen, die ihm das Leben ermöglichen, gut (oder auch nicht) finden kann.

Zur steinzeitlichen Glückseligkeit:
Zitat
Ich kann es nicht beweisen, aber ich bezweifel es. Und zwar in die Richtung, dass sie vor 500.000 Jahren glücklicher waren, zumindest wenn und weil sie in einer Umwelt lebten, an die sie angepasst waren.


Ich weiß ja nicht, wie du gelungene Anpassung definierst... Im Sinne der klassischen Evolutionstheorie hängt der Anpassungserfolg an der Fitness und Indikator dafür ist die Nachwuchsrate (bzw aktueller und präziser tatsächlich die reine Masse genetischen Materials, die weitergegeben wird). Insofern dürften wir heute selbst in Mitteleuropa fitter sein als unsere Vorfahren vor 500 000 Jahren. Kulturpessimismus läss sich mit ein bisschen Anstrengung zwar sicher auch über die Evolutionstheorie begründen, aber ein paar Begriffe muss man dann schon in diesem Sinne definieren.
Aber wir können uns auch von der Annahme lösen, dass Glücklichsein an gelungener Anpassung liegt und das Gefühl selbst untersuchen, so gut wir das eben können. Tiere im Zoo neigen zu einem anderen Hormonverhältnis als Tiere in freier Wildbahn, einem Verhältnis, das Depressionen begünstigen könnte, das ist IMO ziemlich erwiesen. Beim Menschen steht der Nachweis noch aus. Verhaltensforscher zählen mit der Filmkamera in "primitiven" Jäger/Sammler-Gesellschaften ein extrem ähnliches Repertoire an basischen Gefühlsausdrücken und eine extrem ähnliche Häufigkeit davon wie auf öffentlichen Plätzen in unserer Kultur. Solange wir bei Menschen noch keinen langfristigen Hormonspiegel messen, sind auch einfache Befragungen ein legitimes Mittel der Forschung: die "primitiven" Pirahas zB sollen sich im Mittel als weit unglücklicher einschätzen als Mitglieder der amerikanischen Mittelschicht (was bei aller berechtigter Abneigung gegen naiven Kulturoptimismus daher rühren /könnte/, dass der in der Fabrik schuftende Zivilisationsmensch eine Menge Bedürfnisse befriedigt bekommt, die ein Mitglied einer Jäger/Sammler-Gemeinschaft auch hat, aber teilweise eben unzureichend oder nicht befriedigt kriegt).

Zu Querverbindungen:
Zitat
Ansich finde ich es ja nett, wenn ich mit Denkern assoziiert werde, ich möchte lediglich nicht, dass ich auf eine Position gedrängt werde, die ich nicht kenne und von der ich also auch nicht weiss, ob ich sie überhaupt habe


Die Sache ist die, ohne das Hinweismaterial, das die evolutionäre Erkenntistheorie die letzten Jahre über geliefert hat, nehme ich eine objektive Außenwelt als Behauptung nicht Ernst, mit den Arbeiten insbesondere von Vollmer im Hinterkopf kann man darüber reden. Was ich nicht vermeiden kann ist, dass ich im Verlauf eines Gesprächs auf die Idee kommen könnte, den einen oder anderen Hinweis der evolutionären Erkenntnistheorie mit einzubeziehen oder als unzureichend darzustellen, ohne dass er zuvor überhaupt angesprochen wurde. Wenn du so konsequent darauf bedacht bist, nicht mit anderen Positionen in Berührung zu kommen, dann überlies das halt einfach.

Zur 'verkappten Kausalität':
Zitat
Tut mir leid, die Sprache nötigt mich dazu. Ich habe sie nicht erfunden, ich bin nicht daran schuld, dass man kaum reden kann, ohne die ganze Zeit Kausalität, Sein und Raumzeit implizit auszudrücken. Ich will aber ganz sicher nichts erschleichen


Genau jetzt wärst du damit dran @Arne, aufzuzeigen wie sehr diese Diskussion doch notwendig durch unser Unterbewusstes, durch die Gesellschaft in der wir leben und durch unser wirtschaftliches System beeinflusst wird. Ich fand's ehrlich gesagt schon immer hoch interessant, philosophische Positionen wie Idealismus, Positivismus oder Determinismus als Ergebnis der Kinderstube oder der Arbeitsbedingungen zur Zeit ihrer Entstehung erklärt zu finden.


Zitat
Mein Argumentation hat nichts mit Erfahrung zu tun, das lässt sich rein mathematisch formulieren! Meine Behauptung, dass es eine Welt da draussen gibt ist äquivalent dazu, dass ich behaupte, dass es eine wesentlich kürzere Beschreibung aller Wahrnehmungen (und möglicher Wahrnehmungen) existiert als die reine Auflistung und, dass das kein Zufall ist.


Wenn das System, das wir im Westen als Mathematik entwickelt haben für dich vor der Erfahrung liegt, dann bist du radikaler als Kant und Schopenhauer zusammen. Mehr kann ich da nicht zu sagen und das wird dich kaum kratzen.

Zum Existenzbegriff:
Zitat
Die Welt da draussen gibt es für mich übrigens genauso wirklich oder unwirklich wie die natürlichen Zahlen, wobei ich leider nicht weiss, wie genau oder naiv deine Vorstellung davon ist, was die natürlichen Zahlen sind.


Macht nichts, ich weiss leider auch nicht sicher, wie genau oder naiv der Mathematiker sein System sieht oder wie naiv genau er daran glaubt, mit den natürlichen Zahlen eine Ordnung entdeckt zu haben, die auch ohne ihn existiert. Erzähl mir was an den natürlichen Zahlen wesentlich ist.

Zitat
Tja, dass ganze als Input von Aussen zu betrachten ist schon eine Sichtweise die einen ganzes Stück mehr behauptet, als ich, weil sie auch noch das Konzept der Raumzeit und Topologien verwendet, was ja nicht notwendiger Weise so sein muss, nur, weil es eine "Welt da draussen" gibt.


Wenn du das so definieren willst, bitte. Dann muss mein "Außen" halt räumlich sein und Input/Output notwendig zeitlich. Alles Metaphern. Oder: reine Definitionsfrage. Oder: noch ein Absatz, der die (philosophische) Verworrenheit/Komplexität des Threads befördert.

Zur 'modernen Logik':
Zitat
Sie lässt logische Schlüsse zu ohne verwendete Symbole zu interpretieren, bzw die Richtigkeit des Schlusses ändert sich nicht durch eine Interpretation.


Dafür hätte ich jetzt aber doch extrem gerne eine Bestätigung von Außen, am Liebsten von @Ina. Ich geb zu, das Merkblatt nur überflogen zu haben, weil mir 2/3 inhaltlich zu tief gehen und mit meiner Grundfrage wohl Nichts zu tun haben und weil es dummerweise genau so aussah wie die Arbeitsblätter, die meine Chemie-GK Lehrerin in der Oberstufe immer verteilt hat und darauf bin ich sehr negativ konditioniert.
Ein Prädikat für sich ist ein rein formaler Zusammenhang, um zu einem logischen Schluss zu kommen muss ich schon einen Eigennamen einsetzen, mit dem ich eine Vorstellung verbinde. Mit der Prädikatenlogik lässt sich ein Baustein der Begriffslogik à la "Sokrates ist ein Mensch" vielleicht universaler ausdrücken, indem der Satz in seiner Struktur universalisiert wird, aber ob er nun "wahr" oder "falsch" ist, das hängt immer noch davon ab, was ich mir von Sokrates für eine Vorstellung mache bzw. welche Vorstellung ich in die Auslassung einsetze.

Zitat
Das tut mir ehrlich leid für dich, ich wüsste gerne, was du sie gefragt hast, weil mindestens die Physikprofessorin sollte Prädikatenlogik kennen.


Christina ist @Ina aus dem Forum und der Phyikprof ein Kerl, Alle hab ich auf diesen Thread hier verwiesen (werden allerdings keine neuen Unitarier bei rauskommen, der Physikprof ist um die fünfzig und der Philosophiedimplomand ist halt Philosophiediplomand...dass die hier was verloren haben, glaub ich erst, wenn @Lonewolf und @Calgmoth mal soweit sind).


Ina - 6.6.2007 um 11:15

Jetzt last ihr mich immer noch nicht in Ruhe mit dem Thread hier!

Na gut, hab ich halt heute morgen das Zeug durchgelesen (ich hasse es, wenn solche Skripte Fehler haben!) - nicht erschrecken, @Benway, vor kryptisch daherkommendem Kram. Mathematiker haben nen komischen Humor und ärgern gerne Leute mit sprachlichem Weltverständnis ;) . Die seltsamen Kastendinger ab [27] sind z.B. nur Bauklötzchentürme, die mankindergartenmäßig bzgl. ihrer Höhe vergleicht - und die auch für mich auf den ersten Blick sehr fragezeichig anmutende Tabelle auf [42] ist bloß ne bunt angemalte Trivialität.

Also zum Thema:

1. also dafür, dass das Zeug ohne Definitionen und Kategorien auskommen soll, braucht es schon viele Definitionen (Definition 9.1 bis 9.12) und Kategorien (Variablen, Konstanten, Terme, Aussagen, Formeln, dann noch Funktionen und Prädikate mit verschiedenen Stelligkeiten - wofür im Skript auf [8] direkt der Begriff "syntaktische Kategorie" verwendet wird) ...

2. Wie es ja auf der vorletzten Seite steht: die klassische Aussagenlogik ist ein Spezialfall der Prädikatenlogik, d.h. widersprechen können sich die beiden nicht, die PL ist nur eine Erweiterung. Die ganzen Auswertungen funktionieren gleich, (Definitionen 9.8 & 9.10-9.12).

3.

Zitat
Sie lässt logische Schlüsse zu ohne verwendete Symbole zu interpretieren, bzw die Richtigkeit des Schlusses ändert sich nicht durch eine Interpretation.


Na gut, die Schlüsse kann man wohl machen, und die Richtigkeit des Schlusses selbst ist unabhängig von der Interpretation. Aber der Wahrheitswert einer Aussage hängt immer noch davon ab!
Da habt ihr beide euch wohl falsch verstanden, @Xoc ist mit ersterem zufrieden, während es Benway um die Aussagen geht - und die brauchen die Interpretation. Dazu Zitat aus dem Skript:

"Auch in der Semantik der Prädikatenlogik spielen Wahrheitswerte eine zentrale Rolle. Wahrheitswerte atomarer Formeln ergeben sich durch die Interpretation über der Grundmenge (Domäne)." [24]

Die Grundmenge/Domäne wird darüber auch mal als "Universum" bezeichnet. Und wie man dann auf [25] nachlesen kann, ist die "Interpretation" die Abbildung der abstrakten Prädikatenlogik-Ausdrücke auf diese Grundmenge/Domäne/Universum. Erst diese Interpretation bildet auch die abstrakten Aussagensymbole auf Wahrheitswerte ab!

@Benway nannte es zwar nicht ne Abbildung, sondern "eine Vorstellung, die man einsetzt", aber da dürfte wohl im Wesentlichen dasselbe gemeint sein: den formalen Ausdrücken werden "Elemente des Universums" zugeordnet (z.B. Bauklötzchentürme und deren Größenverhältnisse im Bauklötzchenuniversum). Und erst so kommt man zu "wahr" oder "falsch".


@Xoc kann mich gerne korigieren, wenn ich was falsch verstanden habe, meine Sammlung unnützen Wissens wurde ja erst heute um die Grundlagen der Prädikatenlogik erweitert.
Doch das würde er wohl auch ohne diesen Disclaimer tun ;)



Aber jetzt noch ne kleine Sinnlosanmerkung:

Ein Grund, warum ich Mathematiker immer noch gern habe:

Zitat
Wenn mehrere Strukturen A und B bzw. A1 und A2, gleichzeitig betrachtet werden sollen, schreiben wir auch A=(UA,IA) und B=(UB,IB); bzw. A1=(U1,I1) und A2=(U2,I2), um die Universen und Interpretationen auseinanderzuhalten.[/Quote]

da ist das alles so einfach :D
Hier auf der Erde führt man Kriege deswegen.


Xoc - 6.6.2007 um 15:31

Zitat
Original von Ina
1. also dafür, dass das Zeug ohne Definitionen und Kategorien auskommen soll, braucht es schon viele Definitionen (Definition 9.1 bis 9.12) und Kategorien (Variablen, Konstanten, Terme, Aussagen, Formeln, dann noch Funktionen und Prädikate mit verschiedenen Stelligkeiten - wofür im Skript auf [8] direkt der Begriff "syntaktische Kategorie" verwendet wird) ...


Ey? Wer behauptet denn, es würde ohne Definitionen und syntaktischen Kategorien auskommen?
Ich zumindest nicht.

Zitat
Original von Ina
2. Wie es ja auf der vorletzten Seite steht: die klassische Aussagenlogik ist ein Spezialfall der Prädikatenlogik, d.h. widersprechen können sich die beiden nicht, die PL ist nur eine Erweiterung. Die ganzen Auswertungen funktionieren gleich, (Definitionen 9.8 & 9.10-9.12).


Ich würde eh nicht sagen, dass sich Logiken widersprechen. In unterschiedlichen Logiken sind lediglich unterschiedliche Dinge ableitbar.

Zitat
Na gut, die Schlüsse kann man wohl machen, und die Richtigkeit des Schlusses selbst ist unabhängig von der Interpretation. Aber der Wahrheitswert einer Aussage hängt immer noch davon ab!


Ja natürlich. Logisch Schliessen ist eine rein syntaktische Sache, Auswerten kann von der Semantik abhängen.

Zitat

Da habt ihr beide euch wohl falsch verstanden, @Xoc ist mit ersterem zufrieden, während es Benway um die Aussagen geht - und die brauchen die Interpretation.


Hm, Benway hat doch explizit von Schlüssen ("so dass es am Ende eines logischen Schlusses völlig egal war") geschrieben?

Natürlich hängt der Wahrheitswert von der Interpretation ab, ausser bei Tautologien und Kontradiktionen.

Zitat

@Xoc kann mich gerne korigieren, wenn ich was falsch verstanden habe, meine Sammlung unnützen Wissens wurde ja erst heute um die Grundlagen der Prädikatenlogik erweitert.
Doch das würde er wohl auch ohne diesen Disclaimer tun ;)


Das war alles richtig.
Mich wundert nur, dass Physiker damit nicht konfrontiert werden. Das war bei uns Erstsemesterstoff.


Xoc - 6.6.2007 um 17:32

Zu Autistenhirnen:

Zitat
Original von Benway
Also wenn du mein Kriterium für Signifikanz dann akzeptierst


Ich kenne es gar nicht, vielleicht ist es irgendwo versteckt und ich finde es nicht. Du hast auf jeden Fall geschrieben "nach allen relevanten Kriterien 100% baugleich".

Und es fällt mir echt schwer eine Interpretation von Relevant oder baugleich zu finden, so dass eine fast fehlende Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften nicht relevant ist oder diese fast fehlende Verbindung 100% baugleich mit einer Vorhandenen sein soll.
Soo unterschiedlich sind Affen- und Menschengehirne nämlich auch nicht.


Zitat
und dein Beobachtungssystem so wählen willst, dass das Denkzentrum von Kim Peek einem Schimpansen nähersteht als dem Durchschnittsmenschen


Ach, das ist doch schon viel mehr, als ich behaupten möchte, nämlich, dass es nicht nach allen relevanten Kriterien 100% baugleich ist.

Zitat

Aber es ist mir spätestens seit meiner Arbeit mit Behinderten und notwendigerweise auch mit Leuten, für die Behinderte unbehaarte Affen sind, sicher nicht sympathischer als dir mein anthropozentrisch verblendetes Weltbild.


Für mich sind alle Menschen unbehaarte Affen, auch Behinderte.


Zum Qualiaproblem:
Zitat

Zitat
Ich definiere das anders.


Wenn du dir die Mühe machst, deine Sicht auszuformulieren oder einen Link zu einer Quelle in Schriftform zu bringen, können wir da auch mal drüber reden.


Neija, ich definiere das so wie bei jedem anderen Phänomen. Um alles über einen fallenden Stein zu wissen, muss man eben alles darüber wissen, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Rotation, Form, was weiss ich, aber man muss kein fallender Stein sein. Man weiss trotzdem, was es heisst, dass ein Stein fällt.

Zitat
Und Mathematik ist ein geschlossenes System, das seine festen Definitionen und Glaubenssätze wie den vom ausgeschlossenen Dritten hat


Unsinn, du kannst in der Mathematik alles definieren, wie du willst, wichtig ist, nur, dass alles exakt und explizit ist, sonst ist es keine Mathematik. Und es gibt genügend logische Systeme, die den Dritten nicht ausschliessen, damit kannst du ohne weites Mathematik betreiben. Das finden die meisten nur nicht so interessant.

Und inwiefern ist Mathematik ein geschlossenes System? Immerhin ist der Gegenstandbereich der Mathematik unendlich gross und durch nichts anderes beschränkt ausser durch die Exaktheit und Explizitheit.

Zitat
vom System der Mathematik aus ist die mathematische Beweisbarkeit der Evolutionstheorie sicher nicht zu widerlegen, dazu muss man sich schon ein anderes geschlossenes System suchen, das seine eigenen Definitionen hat, zu denen die Evolutionstheorie dann in Widerspruch geraten kann.


Eine mathematisch formulierte Evolutionstheorie ist genauso per Definiton wahr wie alles andere in der Mathematik.
Das heisst, sie kann nicht mal in Widerspruch zu irgendwas geraten.

Zitat
Damit will ich nicht mehr sagen als: innerhalb eines Systems muss Alles aus den Grundannahmen abgeleitet werden können, insofern ist jedes System wie von Simmel behauptet "basistautologisch". Jedes System hat seine blinden Flecken, die es niemals hinreichend wird begründen können, weil sie schon per definition keiner Begründung bedürfen, die Evolutionstheorie ist da keine Ausnahme.


Das mit dem blinden Fleck bestreite ich, wenn es um Mathematik geht.
Ich wähle bestimmte Axiome, nenne das System natürliche Zahlen und gucke, was so alles daraus folgt. Wo ist da der blinde Fleck?
Soll ich etwa begründen, wieso ich dieses System natürliche Zahlen genannt habe? Das ist nur ein Name, völlig unerheblich.
Oder soll ich begründen, wieso ich genau diese Axiome gewählt habe? Das wären dann Motivationsgründe für die Beschäftigung damit, ich halte die für nicht relevant.

Zitat
*schulterzuck* Definitionen sind Definitionen. Aus Interesse mal nachgefragt: muss Leben für dich die Informationsebene "überschreiten" und auf physischer oder gar chemischer Basis fußen, damit es sich als solches qualifiziert?


Kurz gesagt, nein.
Weil Physik und Chemie überschreiten nicht die Informationsebene, letzendlich sind das auch nur mathematische Strukturen.

Zitat

Oder hapert's (wohl wahrscheinlicher) an der "Intelligenz" bisherigen künstlich erzeugten Lebens.


Ja. Die allgemeine Problemlösungsfähigkeit fehlt mir.


Zur Urthese:
Zitat
Es sei denn man definiert so, dass nur "wir", also so die größeren Proteinklumpen bis "hinunter" zu einem nicht exakt definierbaren Punkt, wirklich richtig leben wollen und Dinge "gut" finden, die zum Überleben beitragen.


Rein empirisch argumentiert ist das so, im Grossen und Ganzen.
Mord ist schlecht, Leben retten ist gut.

Zitat
Da ergibt sich dann noch ein weiteres Problem, langfristig tendiert unser Sonnensystem -ich fang jetzt gar nicht erst vom Universum an, denn wir haben nur ein Beispiel, von dem aus wir spekulieren könnten- sicher nicht dazu, größere Proteinklumpen hervorzubringen, so dass die These als "allgemeines Prinzip" sicher nicht taugt.


Für den Fall sagte ich schon, dass sich dann "gut" zu "nicht schlecht" reduziert, was trivial ist, weil niemand mehr da ist, der schlecht finden kann.


Zitat
Wenn du selbst eingestehst, dass der Einzige der den Zustand 1 in diesem Beispiel wertet du bist


Nee, ich behaupte, dass, wenn damals Bewerter gelebt hätte, die das in irgendeiner Weise bewertet hätten, sie es schlecht bewertet hätten.
Dafür muss auch nicht mal das Wissen vorliegen, dass es um Sauerstoff geht, es reicht, wenn hypothetische Bewerter schlecht finden, dass sie und ihre Angehörigen zugrunde gehen, wenn das ihre Perspektive des Phänomens ist. Und das halte ich für eine plausiblere Annnahme als das Gegenteil.

Zur steinzeitlichen Glückseligkeit:
Zitat
Ich weiß ja nicht, wie du gelungene Anpassung definierst... Im Sinne der klassischen Evolutionstheorie hängt der Anpassungserfolg an der Fitness und Indikator dafür ist die Nachwuchsrate (bzw aktueller und präziser tatsächlich die reine Masse genetischen Materials, die weitergegeben wird).


Das finde ich etwas komisch, die Anpassung eine Population durch die Wachstumsrate zu definieren. Sind dann Kröten, die nach Australien eingeschleppt werden für einige Jahre besonders gut angepasst, weil die Population hohe Wachstumsraten hat und dann auf einmal nicht mehr besonders gut, weil die Wachstumsrate, wie von fast allem, dann bei ~1 liegt?

Nee, ich definiere lieber, dass angepasst heisst, dass eine stabile Population vorliegt, sowohl genetisch als auch hinsichtlich der Grösse.
Also, wenn es gerade keinen Selektionsdruck in eine Richtung gibt und die Grösse in etwa gleich bleibt.

Zitat

Beim Menschen steht der Nachweis noch aus. Verhaltensforscher zählen mit der Filmkamera in "primitiven" Jäger/Sammler-Gesellschaften ein extrem ähnliches Repertoire an basischen Gefühlsausdrücken und eine extrem ähnliche Häufigkeit davon wie auf öffentlichen Plätzen in unserer Kultur. Solange wir bei Menschen noch keinen langfristigen Hormonspiegel messen, sind auch einfache Befragungen ein legitimes Mittel der Forschung: die "primitiven" Pirahas zB sollen sich im Mittel als weit unglücklicher einschätzen als Mitglieder der amerikanischen Mittelschicht (was bei aller berechtigter Abneigung gegen naiven Kulturoptimismus daher rühren /könnte/, dass der in der Fabrik schuftende Zivilisationsmensch eine Menge Bedürfnisse befriedigt bekommt, die ein Mitglied einer Jäger/Sammler-Gemeinschaft auch hat, aber teilweise eben unzureichend oder nicht befriedigt kriegt).


Ich würde auch nicht behaupten, dass es heutzutage noch besonders gut möglich ist, wie in der Steinzeit zu leben. Also, weil wohl fast alle Kulturen Kontakt mit der Zivilisation hatten und wohl auch nicht selten dezimiert wurden oder in unvorteilhafte Umgebungen verdrängt.

Ein Indiz für meine These:
http://www.netzeitung.de/vermischtes/421947.html

Zu Querverbindungen:
Zitat

Wenn du so konsequent darauf bedacht bist, nicht mit anderen Positionen in Berührung zu kommen, dann überlies das halt einfach.


Es geht mir mehr darum, dass, wenn du irgendwelche anderen Thesen im Hinterkopf hast, du mehr dazu neigen wirst mich falsch zu verstehen und alles eben im Sinne dieser anderen Thesen zu interpretieren.

Ausserdem stellst du hauptsächlich keine anderen Positionen dar, sondern nennst Namen von Personen und Namen von Positionen, das hilft mir nicht wirklich mit den Positionen selbst in Berührung zu kommen.

Es erschwert die Diskussion einfach, weil, wenn du davon sprichst, was die "evolutionäre Erkenntistheorie" die letzten Jahre geliefert hat oder ein Herr Vollmer dazu wohl was Wichtiges gesagen hat, tja, was soll ich dann dazu sagen?

Ich kann dem nicht widersprechen, weil ich nicht weiss, um was es genau geht und es wird mich auch nicht von irgendwas überzeugen, weil ich nicht genau weiss, was es mit dem zu tun hat, was ich sage.

Zitat
Wenn das System, das wir im Westen als Mathematik entwickelt haben für dich vor der Erfahrung liegt, dann bist du radikaler als Kant und Schopenhauer zusammen. Mehr kann ich da nicht zu sagen und das wird dich kaum kratzen.


Mathematische Wahrheit entdeckt man und hängt nicht von Erfahrung ab, insofern liegt sie natürlich vor der Erfahrung.
Vielleicht bin ich radikaler als Kant und Schopenhauer, gut möglich.
Ach ja, was die beiden zur Mathematik gesagt haben würde ich nicht mehr all zu ernst nehmen, damals war man da noch nicht so weit, da gabe es auch noch Leute (auch Mathematiker), die sich darüber gestritten haben, ob es imaginäre Zahlen gibt.

Zum Existenzbegriff:

Zitat
Zitat
Die Welt da draussen gibt es für mich übrigens genauso wirklich oder unwirklich wie die natürlichen Zahlen, wobei ich leider nicht weiss, wie genau oder naiv deine Vorstellung davon ist, was die natürlichen Zahlen sind.

Macht nichts, ich weiss leider auch nicht sicher, wie genau oder naiv der Mathematiker sein System sieht oder wie naiv genau er daran glaubt, mit den natürlichen Zahlen eine Ordnung entdeckt zu haben, die auch ohne ihn existiert. Erzähl mir was an den natürlichen Zahlen wesentlich ist.


Hm, nein, du scheinst rein formale Systeme nicht zu mögen, ausserdem muss man die natürlichen Zahlen auf möglichst viele verschiedene Weisen definieren um eine Idee davon zu bekommen, was das Beschreibungsunspezifische ist, sonst verwechselt man leicht die Beschreibung mit dem, was man beschreibt.

Aber, da kann ich gleich mal fragen:
Wieso magst du formale Mathematik eigentlich nicht? (Oder unterstelle ich dir das nur?)
Damit lässt es sich wesentlich präziser denken, als mit natürlicher Sprache zu erreichen ist und auch grössere Komplexität und Abstraktheit meistern.


Ina - 6.6.2007 um 17:37

Zitat
Mich wundert nur, dass Physiker damit nicht konfrontiert werden. Das war bei uns Erstsemesterstoff.


Ach... für Physiker sind doch Logik und perfekte Beweise nicht das Letzte, sondern beim Belegen einer Theorie geht schlussendlich darum, ob man die experimentellen Ergebnisse entsprechend ihrer Voraussagen hinrechnen/schönpfuschen kann.


Xoc - 6.6.2007 um 19:09

Zitat
Original von Ina
Ach... für Physiker sind doch Logik und perfekte Beweise nicht das Letzte, sondern beim Belegen einer Theorie geht schlussendlich darum, ob man die experimentellen Ergebnisse entsprechend ihrer Voraussagen hinrechnen/schönpfuschen kann.


Ach, scheiss Praktiker, keine Ahnung davor, was gut und schön ist! :D


Benway - 6.6.2007 um 23:04

xoc schrieb:
Zu Autistenhirnen:

Zitat
Ich kenne es gar nicht, vielleicht ist es irgendwo versteckt und ich finde es nicht. Du hast auf jeden Fall geschrieben "nach allen relevanten Kriterien 100% baugleich".


Es ist im immer noch gesnippten Teil meines Postings versteckt, auf den ich nochmal hingewiesen hab. Der nächste mögliche Vergleichspunkt kann IMO nur die Physiologie von Arten sein, die sich stammesgeschichtlich ausdifferenziert haben, also zB unsere nächsten Verwandten, so kategorisiere ich das und so wurde das auch in den Arbeiten gehalten, die ich kenne. Klar kann man auch diese Prämisse angreifen oder einfach nicht annehmen, aber irgendwas musste ich in "Prima, dann sind wir uns wohl zumindest grundsätzlich einig." halt reininterpretieren. Worum ging's dann?

Zitat
Und es fällt mir echt schwer eine Interpretation von Relevant oder baugleich zu finden, so dass eine fast fehlende Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften nicht relevant ist oder diese fast fehlende Verbindung 100% baugleich mit einer Vorhandenen sein soll. Soo unterschiedlich sind Affen- und Menschengehirne nämlich auch nicht.


Tja, man kann sagen dass diese fest stehende Verbindung ein Ausschlusskriterium ist für ein menschenartig strukturiertes Gehirn oder man kann Unterschiede in der Struktur der Hirnhälften viel stärker gewichten. Mir jedenfalls reicht's um Kim Peek als menschliches Wesen zu akzeptieren - scheint ja sogar so zu sein, dass ich ihn inzwischen auf der Straße nach der Uhrzeit fragen könnte, ohne überhaupt zu bemerken, dass ich ihn eigentlich um ein Autogramm bitten müsste, was bei einem Schimpansen so definitiv nicht der Fall wäre...aber auch was das Verhaltenspotential angeht gibt es eben eine Menge mögliche criteria of relevance und bei ein paar von denen scheitern Autisten, Savants, Trisomie-21ler etc. mit Sicherheit beim Vergleich mit dem "normalen" Menschen. Dass sich Kim Peek nicht in eine Kategorie Mensch einfügen lässt und man deshalb auch keine bilden darf sehe ich jedenfalls nicht so, fairerweise muss man vielleicht noch hinzufügen, dass du mich evtl auch rein emotional gar nicht dahin bringen könntest.

Zitat
Für mich sind alle Menschen unbehaarte Affen, auch Behinderte.


Na also, dann haben wir doch ne Kategorie Mensch, jetzt würde ich tatsächlich sagen, dass wir uns grundsätzlich einig sind.

Zum Qualiaproblem:
Zitat
Neija, ich definiere das so wie bei jedem anderen Phänomen. Um alles über einen fallenden Stein zu wissen, muss man eben alles darüber wissen, Geschwindigkeit, Beschleunigung, Rotation, Form, was weiss ich, aber man muss kein fallender Stein sein. Man weiss trotzdem, was es heisst, dass ein Stein fällt.


Beim fallenden Stein haben wir halt nicht das Problem eines Teilphänomens, dass wir bisher nicht erklären können. Leute reden ständig vom Farbensehen, aber wir können nicht erklären, wie die Empfindung, die sie da meinen, zustandekommt. Klar kann man das Problem auch gar nicht anerkennen, eben weil es sich mit den Mitteln der Wahl nicht systematisieren und folglich auch nicht lösen lässt, aber das geht immer.
Eine Nebenfrage: ist es für dich so, dass wir auch ohne Qualiaproblem nie ein Phänomen vollständig verstehen werden? (oder gibt's irgendetwas, was mich daran hindert, die unendlich vielen Beobachtungen und Messungen, die ich an einem fallenden Stein vornehmen kann auch physikalisch zu systematisieren? - Ernstgemeinte Frage an dich und Ina. Wenn ja, dann lassen sich Phänomene immerhin System der Physik vollständig begreifen, insofern dass irgendwann keine als relevant anerkannten Aussagen mehr gemacht werden können.)


Zur Mathematik:
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Unsinn, du kannst in der Mathematik alles definieren, wie du willst, wichtig ist, nur, dass alles exakt und explizit ist, sonst ist es keine Mathematik. Und es gibt genügend logische Systeme, die den Dritten nicht ausschliessen, damit kannst du ohne weites Mathematik betreiben. Das finden die meisten nur nicht so interessant.


Also ich hab hier einen Mathematiker (im zweiten Semester :) ), der behauptet ohne ausgeschlossenen Dritten keine Mathematik machen zu können - den Versuch einer Begründung spar ich mir, weil ich ihn selbst nach zwei Minuten abgewürgt hab. Ist IMO aber auch unwesentlich, weil ich mich sehr genau daran zu erinnern glaube, dass es für die Mathematik keine anerkannte Definition gibt, höchstens Notwendigkeiten, wie du sie formulierst. Exakt und explizit sind eine Menge anderer Systeme allerdings auch, fällt zumindest bei sehr geringer Komplexität ja auch sehr leicht.

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Das mit dem blinden Fleck bestreite ich, wenn es um Mathematik geht.
Ich wähle bestimmte Axiome, nenne das System natürliche Zahlen und gucke, was so alles daraus folgt. Wo ist da der blinde Fleck?


Der blinde Fleck ist das Axiom, auch wenn ich jetzt mal voraussetze, dass ich bestimmte Voraussetzungen abschaffen kann und das dann immer noch allgemein anerkannt unter 'Mathematik' läuft, kann ich gemäß dem Satz vom Widerspruch (Ok, vielleicht willst du den ja auch abschaffen und vielleicht könnte man ohne sogar eine Art von 'Mathematik' betreiben, von der ich keine Ahnung habe, aber das soll mir in dem Fall egal sein, wenigstens meine 13 Jahre Schulbildung wären mir dann erspart geblieben) immer nur ein Monadenaxiom (also eins, das alle in die Betrachtung eingehenden Eigenschaften des Objekts postuliert) pro Gegenstand aufstellen - folglich bringt mir das "Bewusstsein", das ich mein Axion auch anders hätte wählen können gar nichts, sobald ich mich erstmal festgelegt hab - und dieses Bewusstsein ist dann auch das Einzige, was die Mathematik und noch ein paar andere Systeme von den Systemen für den Hausgebrauch unterscheidet. Meinetwegen hat die Mathematik dann halt genausowenig einen blinden Fleck wie ein ideales Unfehlbarkeitsaxiom des Papstes.

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Eine mathematisch formulierte Evolutionstheorie ist genauso per Definiton wahr wie alles andere in der Mathematik. Das heisst, sie kann nicht mal in Widerspruch zu irgendwas geraten.


Schön, sind wir uns schon im zweiten Punkt einig und keiner hat was davon.

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Kurz gesagt, nein. Weil Physik und Chemie überschreiten nicht die Informationsebene, letzendlich sind das auch nur mathematische Strukturen.


OK, dann wird der Durchbruch ja nicht mehr so lange auf sich warten lassen...zu 100% steh ich hierfür nicht gerade: ich habe nur einen einzigen Artikel in einem Halbfachblatt gelesen, der behauptet, dass reproduktive Programme inzwischen eine breitere Problemlösekompetenz erlangt haben als Schimpansen unter Laborbedingungen und sich somit als intelligent (als Leben sowieso) qualifizieren, das ist allerdings auch schon Jahre her. Wie lange wird's denn deiner Meinung nach noch ungefähr dauern, bis eine für dich als intelligent annehmbare Struktur das Licht der Welt erblickt?

Zur Urthese:
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Rein empirisch argumentiert ist das so, im Grossen und Ganzen.
Mord ist schlecht, Leben retten ist gut.


Ach ja, dann sprechen wir doch gleich noch einen seperaten und bisher noch nicht erwähnten Punkt an (womit die gefühlte Anzahl der angeprochenen und sich ständig exponentiell weiterfortpflanzenden Punkte endgültig bei abzählbar unendlich +1 liegt). Moderne Intepretationen der Evolutionstheorie sehen Populationen immer auf eine ESS hin ausgerichtet. Das heißt bei 'sozialem' Leben (und das ist das Meiste, auch bei den Einzellern) wird es einen entsprechenden Konsens nie geben (bzw eben kein einheitliches Verhaltenspotential), sondern immer einen bestimmten stabilen Prozentsatz Mörder in einer "Nichtmördergesellschaft" oder Egoisten in einer altrusistischen Population oder Altruisten in einer egoistischen Population etc. usw.
Wenn man also (wie du-oder?) davon ausgeht, dass Lebewesen Dinge "gut" finden, die sie anstreben und Dinge "schlecht" die sie vermeiden, dann tendiert die Evolution was das Verhaltenspotential angeht nach heutigem Kenntnisstand nicht zu "guten" sondern zu stabilen Lösungen, bei denen dann ein mittelmäßiges Maß an Zufriedenheit (wenn man die irdgendwie ausrechenen möchte, indem man die Anzahl "gutfindender" Wesen gegen die Anzahl "schlechtfindender" Wesen abwägt) herrscht...so wie bei uns und IMO auch bei den Höhlenmenschen.
Es werden halt immer wieder Wesen geboren, die an den Ist-Zustand schlecht angepasst sind, aber allein durch ihr Vorhandensein neue Nischen schaffen, die dann wieder neue Nischen schaffen (dabei zwischendurch vielleicht mal zur Mehrheitsnische werden, deren Bewohner ihre Nische "gut" finden) usw. etc. Evolution steuert halt nicht auf eine Asymptote (nicht mal auf eigentlich so "einfache" Sachen "100% an unsere Atmosphäre und die Gase darin angepasst zu sein") zu bzw. homogene Zustände sind was die biologische Evolution angeht nicht stabil.


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Nee, ich behaupte, dass, wenn damals Bewerter gelebt hätte, die das in irgendeiner Weise bewertet hätten, sie es schlecht bewertet hätten.


Aber du behauptest doch selbst, dass keine Bewerter da waren (und dass nicht du oder sonstige hypothetische Bewerter, sondern immer im zu wertenden Ist-Zustand existentes Leben werten soll, das hast du auch schon klargestellt). Und wenn du dir da so sicher bist, dann hat sich die Welt in deinem System von "weder gut noch schlecht" zu "gut" hin entwickelt (und somit sagt zumindest dieses über den 'Tellerrand' hinausragende Beispiel nicht wirklich mehr, als dass du die Welt jetzt als "gut" setzt, im Zustand 1 war sie ja anscheinend gar nichts)...und in sehr ferner Zukunft scheinst du doch auch davon auszugehen, dass wir wieder bei "weder gut noch schlecht" angekommen sein werden. Also als 'allgemeine Gesetzmäßigkeit' stell ich mir das nach wie vor irre schwer vor, das zu begründen.
Man könnte den Wirkungszeitraum radikal einschränken, zB indem man sagt, dass es sich in erster Linie auf den Zeitraum beschränkt, in dem im uns bekannten Kosmos'biologische' Evolutionsprozesse stattfinden (Rieseneinschränkung) oder gar auf den Zeitraum, in dem Proteinklumpen zum Werten vorhanden sind (maximale Einschränkung) - aber gerade das willst du ja nicht sagen, wenn ich das richtig in Erinnerung hab, soweit warst du ja schon mit Calgmoth, bevor der seine Unity-Philosophenkarriere beendet hat, um sich lieber ein bisschen mit der Damenwelt zu vergnügen.


Zur Evolutionstheorie:
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Das finde ich etwas komisch, die Anpassung eine Population durch die Wachstumsrate zu definieren. Sind dann Kröten, die nach Australien eingeschleppt werden für einige Jahre besonders gut angepasst, weil die Population hohe Wachstumsraten hat und dann auf einmal nicht mehr


Jo, man kann halt zu jedem beliebigen Zeitpunkt die Ist-Fitness wahlweise eines Individuums oder einer Gruppe bestimmen und wenn man will dann vielleicht noch das Integral über einen beliebigen Zeitraum hinweg. Ist alles Ansichtssache, letztlich ist man sich eigentlich nur einig, wann die Fitness beim Nullwert angekommen ist (bzw nein, für radikale Genmonadendenker, wie sie sich im Zuge der evolutionären Entwicklung der Evolutionstheorie auch herausgebildet haben, haben sogar "ausgestorbene" Arten noch einen posthumen Fitnesswert), das entscheidet dann die Natur.

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Nee, ich definiere lieber, dass angepasst heisst, dass eine stabile Population vorliegt, sowohl genetisch als auch hinsichtlich der Grösse.


Klar du kannst das definieren wie du willst, aber glaubst du echt, dass "die Menschheit" (oder was auch immer halt) sich mit der Evolutionstheorie angemessen beschreibbar ausrotten wird? Also klar, Massenvernichtungswaffen (IMO halt immer noch die beste Möglichkeit, die Streuung "menschlicher" Gene nicht nur gegen Null gehen zu lassen sondern auch auf Null zu setzen) machen ein evolutionäres System nicht kaputt, aber es kommen halt komische Werte raus, wenn man Atomkriegsszenarien evolutionär durchspielt bzw halt Prozesse, wie wir sie von anderen Arten nicht kennen - und damit das alles dann wieder "sinnvoll" würde, wenn es zu einem Atomkrieg um Ressourcen kommt, bevor wir uns die Ressourcen auf "natürliche" Weise gegenseitig wegfressen, müsste man die "Existenz von Atomwaffen" halt tatsächlich in den Fitnesswert einer Population mit reinrechnen, das soll kein Scherz sein. Und ich glaube echt nicht, dass die Menschheit die stille Würde haben wird, wie jede andere Art an den Folgen einer instabilen Populationsentwicklung zu krepieren.

Zur Steinzeit und zum Glücksniveau:
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Ich würde auch nicht behaupten, dass es heutzutage noch besonders gut möglich ist, wie in der Steinzeit zu leben. Also, weil wohl fast alle Kulturen Kontakt mit der Zivilisation hatten und wohl auch nicht selten dezimiert wurden oder in unvorteilhafte Umgebungen verdrängt.


Die Pirahas zB leben noch in ihrem schnuckeligen Felsental und schaffen es zum Großteil auch mit Erfolg, ihre Kinder gegen eine Regierung zu verteidigen, die Besseres zu tun hat als komische junge Wilde 100km weit in die Schule zu eskortieren. Klar, sie wurden in Ruhe gelassen, weil sich für das beschissene Stück Land auf dem sie seit jeher leben kein Schwein interessiert und sie sind entsprechend unterernährt und vielleicht auch deshalb unglücklich (allerdings haben sie auch fortschrittliche Jagd- und Sammelmethoden, die dem Steinzeitmenschen nicht zur Verfügung standen, materiell geht es ihnen evtl eher besser als den Menschen vor 500 000 Jahren, auch die Lebenserwartung ist relativ hoch). Aber an Beispielen kann man sich in dem Fall fairerweise sowieso nicht aufhängen...wir wissen nicht, ob die Leute vor 500 000 Jahren glücklicher oder unglücklicher waren, das ist schon richtig. Ansatzweise Klärung könnte höchstens das AFAIK bisher größte angedachte "experimentelle Archäologie"-Projekt bringen, wie Maturana es schon in den 70ern zur endgültigen Klärung der angestaubten genetische Anlage vs. Umwelt-Debatte gefordert hat...mindestens fünf Generationen unter altsteinzeitlichen Bedingungen leben und von Verhaltensforschern beobachten lassen. Ernst gemeint hat er das wohl nicht, ich fänd das jetzt ehrlich gesagt aber auch nicht inhumaner als in einer Gesellschaft aufzuwachsen, wo man nicht mal mehr gescheit ausselektiert wird sondern alles selber machen muss.


Zitat
http://www.netzeitung.de/vermischtes/421947.html


Wenn die Verhältnisse in der Republik Vanuato für dich 'steinzeitartig' sind, dann haben wir ein dermaßen derbes Definitionsproblem, dass wir über den Begriff wahrscheinlich gar nicht sinnvoll reden können...Jaja, mein immenses Wissen stützt sich in erster Linie auf einen 25min. Dokumentarfilm, aber deswegen hab ich jetzt auch nochmal in der Brittanica nachgeguckt...die Bewohner von Vanuatu haben ne immense Lebenserwartung, arbeiten zu 2/3 in der Landwirtschaft und mit landwirtschaftlichen Maschinen und sind pro km/2 doch ziemlich "zusammengepfercht", Jäger und Sammler gibt es da im Verhältnis wahrscheinlich auch nicht mehr als in Brasilien...mit Steinzeit (also bis maximal 10 000 v.Chr.) oder auch nur wesentlich natürlicherer Leben als wir heute hat das IMO nichts zu tun...dass die Leute da "glücklicher" sind, kann so folglich auf so ziemlich alles zurückgeführt werden (Korellationen lassen grüßen), auch darauf, dass die meisten Vanuatos Christen sind...wenn das die selbe Studie ist, an die ich mich erinnere, dann hat die ja auch ergeben, dass Christen glücklicher sind als alle anderen Religionsangehörigen ...was aber eben wiederum auch dran liegen könnte, dass es in christlich dominierten Regionen mehr und bessere Fernsehkanäle und mehr Teleshoppingsender gibt.

Zu Querverbindungen:

Also Namen von Personen und Positionen zu nennen kann manchmal auch einfacher sein, als sie wegzulassen, vor allem wen man aus verschiedenen Backgrounds heraus redet, das kleine Stichwort Prädikatenlogik hätte mir auch ne Menge erspart. Und ansonsten: solange hier keiner vorhat, diesen Thread zu seinem Lebenswerk zu machen, wird keiner hier alles liefern können, was möglich wäre, da find ich nen Verweis auf Leute, die das gemacht haben, ganz sinnvoll. Es gibt Trends in der Wahrnehmungsgeschichte der Menschen quer durch alle Kulturen, die darauf hinweisen, dass es "etwas" geben könnte, was unsere Wahrnehmung (notwendig nonkausal) bedingt oder mitbedingt (aber jede Menge Hinweise machen halt keinen Beweis), das setze ich für mich (und damit irgendwie halt auch für dich) voraus, wenn du wissen willst warum, dann eben bei Vollmer oder einem anderen überzeugten evolutionären Erkenntistheoretiker, soviel und nicht mehr zur evolutionären Erkenntnistheorie. Wenn dich sonst noch was stört, dann überließ es halt einfach und konstruier dir aus den Stellungsnahmen drumherum was zusammen, außer Ina ließt hier wahrscheinlich sowieso niemand mehr mit, wenn du dich also entschließt es zu ignorieren ist es so gut wie nie passiert...


Zitat
Mathematische Wahrheit entdeckt man und hängt nicht von Erfahrung ab, insofern liegt sie natürlich vor der Erfahrung.


Kann ich nicht widerlegen, dass Menschen mit eingeschränkter Sinnesfunktion kaum auf die Idee zu kommen scheinen, die selben oder äquivalente abstrakte Strukturen und die selben oder äquivalente Zusammenhänge dazwischen zu konstruieren ist nur ein selbstgewähltes Beispiel, dass man als solches durch alle möglichen noch so banalen Einwände widerlegen kann, zB dass Blinde rein zufällig selten ein starkes abstraktes Denkvermögen entwickeln (hab ich genau so in einer Laien-Psychologiezeitschrift von einem Mann gelesen, der wohl Mathematik studiert hat)...Meinetwegen also, theoretisch könnte man sich die Axiome im Kopf konstruieren und dann immer weitermachen, aber das trau ich nun nicht mal @Ina zu, da ist wohl die conditio humana vor...insofern scheitern a priori und a posteriori in diesem Fall doch tatsächlich irgendwie am Kontakt mit der empirischen Realität.

Zitat
Wieso magst du formale Mathematik eigentlich nicht? (Oder unterstelle ich dir das nur?)
Damit lässt es sich wesentlich präziser denken, als mit natürlicher Sprache zu erreichen ist und auch grössere Komplexität und Abstraktheit meistern.


Es gibt ne Menge präzise Denkweisen auch unter dem Komplexitätsniveau der Mathematik, was aber nicht heißt, dass damit irgendwas Wesentliches erfassbar wäre.


Zur Logik:
Zitat
Hm, Benway hat doch explizit von Schlüssen ("so dass es am Ende eines logischen Schlusses völlig egal war") geschrieben? Natürlich hängt der Wahrheitswert von der Interpretation ab, ausser bei Tautologien und Kontradiktionen.


Jo, da hab ich tatsächlich den Wahrheitswert gemeint (und bei der Sprache ist die Semantik ja bekanntlich grundlegend). In dem Punkt liefert die Prädikatenlogik gegenüber der allerklassischsten aristotelischen Begriffslogik aber auch nichts wesentlich Neues, rein formale oder auch syntaktische Zusammenhänge kennt die auch schon...'Sokrates ist Mensch; Mensch ist sterblich; Sokrates ist sterblich', tiefer in die Struktur muss man gar nicht gehen. Rein formal stimmt das nun natürlich auf jeden Fall, aber wenn ich damit irgendwas machen will außer an die Wand hängen muss ich schon anfangen, mir Sokrates als Milchkanne oder Philosoph oder Kinderficker vorzustellen. Jaja, ich denk zu wenig mathematisch, wenn ich mir solche formalen Beziehungen rein als Selbstzweck offenbar nicht mal vorstellen kann.


Ina - 7.6.2007 um 11:19

Zitat
oder gibt's irgendetwas, was mich daran hindert, die unendlich vielen Beobachtungen und Messungen, die ich an einem fallenden Stein vornehmen kann auch physikalisch zu systematisieren? - Ernstgemeinte Frage an dich und Ina. Wenn ja, dann lassen sich Phänomene immerhin System der Physik vollständig begreifen, insofern dass irgendwann keine als relevant anerkannten Aussagen mehr gemacht werden können.


Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich deine Frage richtig verstehe - also verzeih mir, wenn ich am Punkt vorbeilabere, bzw. was auslasse. Hake gegebenenfalls nochmal nach.

Ein echtes Weltsystem hat die Physik gar nicht. Man sucht nur Modelle, die immer besser beschreiben, was die Natur tut. Dass dies auf mathematische Weise ganz gut zu klappen scheint, ist das Erstaunliche dran. Trotzdem gibt es heute keine physikalische Theorie, die wirklich "die Wahrheit" beschreibt, sprich: die auf jeder Größenskala und in allen Energiebereichen korrekt voraussagen kann, was passiert. Man hat nur Näherungen.
Beispiel Gravitationstheorie: da gibt es erst die Newtonsche, mit der man schon in der Schule konfrontiert wird: Massenpunkte, die sich mit GmM/r² anziehen. Die klappt ganz gut, wenn man z.B. wissen möchte, wo sich der Mars in 2 Wochen befindet. Die Bewegungen des Merkurs hingegen sagt sie schon nicht mehr richtig voraus, weil der der gewaltigen Masse der Sonne zu nahe steht. Auch um per GPS punktgenau Terroristen den Himmel auf den Kopf fallen zu lassen, ist sie nicht präzise genug. Da braucht es dann eine völlig andere Theorie der Gravitation, die allgemeine Relativitätstheorie. Die ist ungleich schwieriger und gehört nichtmal mehr zum Pflichtstoff an der Uni.
Aber selbst die versagt, wenn es z.B. um schwarze Löcher oder den Beginn des Universums geht. Deshalb bastelt man an Quantengravitationstheorien herum, die aber noch alle ihre Lücken und Ungereimtheiten haben - Stringtheorie, Loop-Quantengravitation, wir hatten das schonmal in nem Thread. Ich habe mich nicht eingehend damit befasst, aber da sich die brilliantesten Köpfe daran hartnäckig die Zähne ausbeißen, kann man wohl annehmen, dass die nochmal ungleich komplizierter und schwieriger ausfallen werden.
Optimisten meinen, diese Quantengravitation würde dann "die Theorie für alles", die Weltformel, nach der sich die Arbeit von Physikern endgültig nur noch aufs Handy-Entwickeln beschränken wird - nun, man wird sehen, ob sich nicht neue blinde Flecken auftun. Dann könnte man aufgrund dieser zunehmenden Kompliziertheit, die es braucht, um immer größere Genauigkeit zu erreichen, durchaus spekulieren, man sei auf dem Holzweg und die mathematisch-physikalische Beschreibung der Welt sei letztlich nur ein Konstrukt unseres Geistes, das umso verwickelter wird, je weiter man sich von der menschlichen Anschauungswelt entfernt. Aber gut, vielleicht löst sich dieser Knoten mal auf wunderbare Weise und es kommt doch die Weltformel, die alles beschreibt und auf ein T-Shirt passt.

So lange kann ich dir nicht sagen, ob alles ins System der Physik passt oder nicht, weils eben "das System" nicht gibt.

Mathematiker sind da schon besser dran, weil sie nicht den Anspruch erheben, das, was sie tun, hätte etwas mit der "Realität" zu tun. Strenggenommen sucht man sich wirklich nur Axiome aus, über die man dann sein logisches Luftschloss konstruiert. Klar wird man die oft genug aus der Alltagserfahrung nehmen, aber kein Mathematiker wird für seine Axiome auf die Barikaden gehen - nur für seine Schlüsse daraus. Und einer aus der Alltagserfahrung extrapolierten Intuition nicht zu trauen, sondern nur dem penibelsten, lückenlosen Beweis, wird einem da früh eingebleut (indem man einen damit öfter mal auf die Fresse fliegen lässt - wenns z.B. um Unendlichkeiten geht - oder erinnerst du dich an die Sache mit den Goodstein-Folgen? Hier der Wiki-Link für die anderen: http://de.wikipedia.org/wiki/Goodstein-Folge - der Link verrät nur leider die Pointe zu früh. Schaut euch erst nur die Definition an. Wer glaubt den Satz dann für ALLE n?)

Höchstens vielleicht noch eins - zum Schluss, weil ich nicht weiß, ob es deine Frage trifft: Was Messungen angeht: die sind nach der Quantenmechanik gar nicht beliebig möglich, weil jede Messung den Stein beeinflusst und das System somit stört. Wenn man misst, passiert nicht dasselbe, wie wenn man nicht misst. Außerdem ist es gemäß der Unschärferelation nicht möglich, alle nötigen Daten zu bekommen, man kann z.B. nicht Geschwindigkeit und Ort des Steines gleichzeitig beliebig genau bestimmen - ja man kann sagen, der Stein hat das gar nicht... Und schließlich kommt man hier nur zu statistischen Aussagen, "ganz unten" hat man eine Wahrscheinlichkeitswellenfunktion. Mit der ist "das System gelöst", es lassen sich Erwartungswerte berechnen und Verteilungen voraussagen. Doch was "das einzelne Teilchen" macht, weiß man nicht, weil dieser Begriff hier gar keinen Sinn mehr macht, aufgelöst wird ins Verschwommene und Platz machen muss für etwas, von dem wir keine Vorstellung haben (man kann sich da nur noch in die Mathematik retten):
"Welle/Teilchendualismus" (mit Wahrscheinlichkeitswellen!), messbare Größen werden zu mathematischen Objekten (Operatoren), die man nach bestimmten mathematischen Regeln behandelt, Messungen selbst liefern nur die Wahrscheinlichkeitsverteilungen, was bei einer einzelnen genau herauskommt, ist Zufall.
(Achja, und bevor man mich fragt, woher man das Zeug nimmt: diese Sachen sind die Grundlagen, "die Axiome", dadurch "belegt", dass damit die Beschreibung klappt, sprich: Experimente korrekt vorausgesagt werden und technische Geräte funktionieren...)


Benway - 7.6.2007 um 13:03

Wenn es für eine physikalische Betrachtungsweise eines Phänomens ohnehin keine festen Kriterien gibt, erübrigt sich die Frage sowieso. Danke aber auch für die Erklärungen zur Quantenmechanik, die wieder dafür gesorgt haben, dass ich sie ein bisschen besser nicht verstehe.


Xoc - 7.6.2007 um 22:14

Ich splitte das jetzt mal und beantworte den mathematischen Teil seperat, der Rest folgt später.

Zur Mathematik.

Im Prinzip kannst du Mathematik als Spiel betrachten. Du wählst dir Zeichenketten mit denen du anfängst und du wählst dir (einfache und präzise) Ersetzungsregeln, wie du aus den Zeichketten, die du schon hast, neue generieren kannst.

Wahrheit, Zahlen, etc, das sind alles nur ansich unnötige Interpretationen der Zeichenketten um zu begründen, wieso du dieses Spiel spielen möchtest, eben Motivationsgründe.

Welchen Startzeichenketten du wählst oder welche Ersetzungsregeln, das ist völlig beliebig und Bedarf keiner Begründung. Du kannst keine Widersprüche generieren, dadurch, dass du andere Spielregeln wählst, dann spielst du einfach ein anderes Spiel.
Wenn du die Spielregeln welchselst, dann hast du eben nicht mehr das "euklidsche Geometrie Spiel" sondern das "nicht euklidsche Geometrie Spiel" oder statt dem "Logik mit ausgeschlossenem Dritten Spiel" eben das "Logik ohne ausgeschlossenen Dritten Spiel" (Letztes entsteht ganz einfach durch das Weglassen einer Starzeichenkette).
Du kannst auch Spiele spielen, die du "Logik mit 3 Wahrheitswerten" nennst oder noch mehr, alles möglich, alles Mathematik. Es gibt keine Grenzen, keine verbotenen Spielregeln, aber eben auch keine blinden Flecken und keine fehlenden Begründungen. Es ist nur verlangt, dass du die Spielregeln, die du gewählt hast auch anwendest, sonst betreibst du keine Mathematik, sondern machst etwas anderes, was man wahrscheinlich Unsinn nennen kann.
Was Mathematiker machen ist nicht mehr als zu zeigen, dass in irgendeinem bestimmten Spiel irgendeine Zeichenkette durch die Regeln generiert werden kann. Wie kann man da verlangen, dass sie die Spielregeln begründen sollen? Sie haben über die Spielregeln doch gar nichts behauptet, was sollten sie da noch begründen? Du kannst anzweifeln, dass sie die Spielregeln korrekt angewendet haben, mehr nicht.

Natürlich kann du irgendeine generierte Zeichenketten als Widerspruch interpretieren, wenn es dir Spass macht, aber das ist dann eben nicht mehr als eine recht willkürliche Interpretation.

Mir ist schon klar, dass das nicht unbedingt die Sichtweise auf Mathematik ist, die man in der Schule vermittelt bekommt, aber in der Schule lernt man nicht mal die Spielregeln, der Spiele, die man dort spielt, explizit und vollständig kennen.

Mal ein Beispiel für ein Spiel:

Startzeichenfolgen:
()

Regeln:
Du darfst neue Zeichenfolgen generieren, indem du ein in der Zeichenfolgen vorkommendes () durch ()() ersetzt.
Aus jeder Zeichenfolge darfst du eine neue generieren, indem du an beliebiger Stelle (()) einfügst (auch direkt am Anfang und am Ende).

Reichlich trivial, oder?
Aber ich wette, du kommst nicht darauf, was für ein Spiel du da gerade spielst, also wie die Zeichenketten interpretiert werden können, so dass die Regeln Sinn ergeben, obwohl du das Spiel in anderer Form kennst.


... - 8.6.2007 um 01:44

Ich hab' jetzt eh keine Zeit, das alles zu lesen, nur:

Falls hier ein Physiker oder Chemiker noch bis morgen um 8h hier in den Thread reinschaut:

Könnt Ihr mal kurz sagen, ob Ihr wisst, was L*a*b ist. Das ist irgendwas mit Farbmessung, ich hab' morgen noch die Kunstpädagogik.

Und evtl. weiß noch jemand, warum Moleküle reagieren, wenn Photonen darauf treffen, da ist irgend so ein Prozess im Auge, der so genutzt wird, um unser visuelles Verständnis zu nutzen. Wie das dann im Gehirn abläuft, weiß ich, das ist ja mein Bereich, aber wie im Auge reagieren die Moleküle durch Photonen?


Xoc - 8.6.2007 um 02:03

Zitat
Original von Arne Kroger
Könnt Ihr mal kurz sagen, ob Ihr wisst, was L*a*b ist. Das ist irgendwas mit Farbmessung, ich hab' morgen noch die Kunstpädagogik.


Siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lab-Farbraum

Zitat
Original von Arne Kroger
Und evtl. weiß noch jemand, warum Moleküle reagieren, wenn Photonen darauf treffen, da ist irgend so ein Prozess im Auge, der so genutzt wird, um unser visuelles Verständnis zu nutzen. Wie das dann im Gehirn abläuft, weiß ich, das ist ja mein Bereich, aber wie im Auge reagieren die Moleküle durch Photonen?


Kurz gesagt, Licht ist eine elektromagnetische Wellen, Moleküle haben Ladungen, also können sie sich gegenseitig beeinflussen. Im Auge werden wohl Photonen durch entsprechende Pigmente absorbiert und geraten dadurch in einen angeregten Zustand (die Energie kann ja nicht verloren gehen), der weitere Reaktionen auslöst.


Benway - 8.6.2007 um 13:52

Zitat
Was Mathematiker machen ist nicht mehr als zu zeigen, dass in irgendeinem bestimmten Spiel irgendeine Zeichenkette durch die Regeln generiert werden kann. Wie kann man da verlangen, dass sie die Spielregeln begründen sollen?


Waren wir uns nicht schon einig? Man nimmt sich halt irgendwelche Prämissen und kann dann immer sagen, ob eine Operation gültig war oder nicht. Aber die Prämissen muss ich nicht "begründen", genausowenig wie irgendwelche anderen Dogmen oder Axiome in anderen, auch banaleren Systemen...wenn ich mir die Prämisse setze "Alles was Benedikt XVI. sagt, ist wahr", habe ich ebenfalls ein exaktes System, bei dem ich die Gültigkeit von Behauptungen genau bestimmen kann. Nur die Prämisse kann ich mit den Mitteln des Systems nicht untersuchen, wozu auch? Um zu spielen brauch ich immer eine Spielregel, hinter die ich so lange ich das Spiel spiele nicht zurückgehen kann, das Grundaxiom und der blinde Fleck jeden Systems...dass die Mathematik in sich kongruente Operationen vornehmen und "Wahrheiten" hervorbringen kann, hat niemand bezweifelt, aber das ist eine Grundeigenschaft jeden Systems.
Auf die anstehende Auflösung des Mathematiker-Jokes bin ich trotzdem gespannt...


Ina - 8.6.2007 um 19:38

naja, man kann nen Haufen langweilige Darstellungen der 0 draus entwicken, wenn man ( = +1 und ) = -1 interpretiert, aber das ist ziemlich trivial und die Regeln sind dafür eigentlich zu spezifisch - sonst würde mir höchsten einfallen, dass man da "5 gewinnt" spielt oder sowas - mehr ist mir neben den spannenden Gerichtsshows heute nachmittag nicht eingefallen :D
Also sags halt @Xoc.

PS: ich sollte wirklich wieder mehr mit solchen Kram anfangen - normalerweise halte ich Gerichtsshows wirklich nicht aus, aber damit werden die zu hübschem Hintergrundrauschen.
Vielleicht war ich bloß zu ungeduldig, als ich das gleich mit der ganzen Welt probiert habe ;)


... - 9.6.2007 um 01:38

Thx für die Antwort, @Xoc!

Wurde dann zwar nicht gefragt, aber da ich das jetzt heute endgültig geschafft habe (dazu äußere ich mich wahrscheinlich noch in meinem privaten Depressionsthread =)), hab' ich jetzt mal 'ne andere Frage in diesem Zusammenhang, da ich die ganze Diskussion hier, die in den letzten Tagen stattfand, sowieso nicht mehr vollständig nachvollziehen kann (Außerdem hab' ich den Thread aufgemacht, da darf ich ja wohl auch völlig blindlinks das Thema wechseln! :p), folgt nun eine Frage, die überhaupt nicht passt:

Was sind eigentlich Farben in der Realität?

Unser Auge kann nur drei Farben wahrnehmen und wir ergänzen die anderen eben durch unsere neurologischen Möglichkeiten (wie das im Gehirn funktioniert, weiß ich ja so ungefähr).
Es gibt genügend Tierarten, die auch gar keine Farben wahrnehmen können, sondern eben nur Hell-Dunkel-Kontraste.

Gibt es Farben?
Sind es molekulare Unterschiede, die wir wahrnehmen, wenn wir unterschiedliche Farben wahrnehmen, wenn es sie denn überhaupt gibt?
Außer dem Erklärungsansatz fällt mir wenig ein, wie man die Wahrnehmung von Farben erklären kann.

Wer sagt uns, dass Kaffee nicht evtl. doch lila ist und sich irgendjemand darüber kaputt lacht, dass wir braunen Kaffee trinken oder besser gesagt, meinen, Kaffee zu trinken, den wir für braun halten???

Ist da irgendwas bekannt? Hat sich da Newton oder später mal Oswalt zu geäußert?


hopeless - 9.6.2007 um 11:33

bei farben geht es ja grundsätzlich erstmal um verschiedene wellenlängen des lichts und wie diese absorbiert, reflektiert oder emittiert werden. wie die letztendlich von irgendwem wahrgenommen werden ist halt "seine sache".
vereinfacht: moleküle können je nach struktur verschiedene (diskrete) energieportionen aufnehmen, wodurch zB elektronen in angeregte zustände angehoben werden. beim zurückfallen in den grundzustand geben sie genau diese energie in form von licht (photonen) wieder ab und die haben dann nach E=hv ne bestimmte wellenlänge und damit auch farbe, vorausgesetzt die wellenlänge liegt irgendwo im bereich des für uns sichtbaren lichts (~400-800 nm).


... - 10.6.2007 um 03:42

Erstmal thx für die Antwort, @hopeless.

Ich merke schon, dass ich mich noch mal ausführlicher mit den Eigenschaften der Photonen beschäftigen muss, das Thema hab' ich mal vor Ewigkeiten hier mit @Harlequinn angesprochen.

Wobei ich mich dann auch nochmal genauer mit unserem optischem Gedächtnis befassen muss, denn wenn wir nur die Energieladungen aufnehmen, werden doch logischerweise auch unsere Neuronen nur durch die physikalischen Bahnen gereizt und unser Langzeitgedächtnis, dass ja durch chemische Reaktionen im Gehirn entsteht, nicht belastet. Ich frage mich da nämlich gerade, wieso wir dann überhaupt, optische Eindrücke speichern können.

Ist hier irgendjemand, der sich gut Farben merken kann??
Mir fällt gerade, weil ich über Chemie nachdenke, auf, dass ich mir zwar noch so die Elemente in ihrem Periodensystem merken konnte und sehe auch gerade noch diese riesige Tafel mit den Elemente aus unserem alten Chemieraum vor mir, kann mich aber maximal noch daran erinnern, dass eben Wasserstoff und Helium hellblau waren, an alle anderen Farben erinnere ich mich z.B. nicht mehr. Ist das normal, oder haben wir unter Umständen gar kein ausgeprägtes Farbengedächtnis?


hopeless - 10.6.2007 um 10:49

wie die farbwahrnehmung auf der netzhaut des auges funktioniert, weiß ich nicht genau. das hat glaub ich was was mit stäbchen und zapfen zu tun, das eine ist für hell/dunkel und das andere für die farbe. aber was hinten rauskommt sind elektrische signale, das hat dann nichtmehr ganz so viel mit chemie zu tun.


... - 11.6.2007 um 01:00

Nä, das erforsche ich ja auch gerade, weil ich mal wieder Zeit habe, mich mit was vernünftigem zu beschäftigen, was nix mit meinem Beruf direkt zu tun hat.