The Unity Archiv

überfordert
gast - 6.9.2005 um 20:10

Es wäre viel einfacher, wenn ich mich nicht so furchtbar verloren fühlen würde hier.
So aber scheint alles unüberwindbar schwer.
Diese zentralen Fähigkeiten, die man bei uns so braucht, ich habe sie nicht. Ich bin furchtbar unflexibel, kann nicht mit neuen Menschen umgehen, kann nichts tun, wenn ich es tun soll und kann mich nicht an fremde Gegenden gewöhnen, weil ich ihren inneren Sinn nicht begreife. Auf dem Grund meines Wesens liegt eine unwiderlegbare Traurigkeit, eigentlich will ich nur meine Ruhe, nichts weiter.
Es ist ein Wunder, dass so viele leben können, einfach so.


Killing Joke - 6.9.2005 um 20:17

Kurz gesagt, du fühlst dich wie in einem Gefängnis, dessen Mauern sich immer weiter in deine Richtung bewegen und drohen sich zu zerquetschen.
Welche Fähigkeiten besitzt du denn nicht, deiner Meinung nach? Wenn du wüsstest, welche Fähigkeiten ich nicht habe, würdest du dich vielleicht wiedererkennen.


Gast - 6.9.2005 um 21:03

Erstens traue ich nichts und niemandem und mir selbst am allerwenigsten, zweitens hänge ich furchtbar an dem Fleckchen Erde, wo ich aufgewachsen bin und woanders zu leben macht mich krank, drittens habe ich schlicht und ergreifend Schiss vor all dem Mist, der von mir erwartet wird und den ich vielleicht schon erfüllen könnte (oder auch nicht, siehe erstens), dem ich dann aber einen viel zu großen Teil meiner Seele opfern müsste.
Und damit ist alles schwierig - gehe ich den Weg des geringsten äußeren Widerstands, macht mich das krank, weil dort die schlimmsten inneren Widerstände sind und umgekehrt ist es genauso.

Wahrscheinlich ist der einzige "richtige" Weg die psychologische Abtötung meiner vermurksten Persönlichkeit. Vielleicht müsste ich mich nur anpassen wollen. Bloß ist diese ganze Scheiße hier so dämlich, dass ich das nicht will und somit bleibt meine Scheiße bestehen, weil es mir noch nicht schlecht genug geht, um meinen unsinnigen Stolz wegwerfen zu wollen.


dian - 7.9.2005 um 01:16

Wirf deinen Stolz bloss nicht weg!
Es gibt Zeiten, da kann einen dieser Stolz darauf, anders zu sein, sogar das Leben retten... denn dein Stolz ist eines der ganz wenigen Dinge, die dir keiner nehmen kann., so lange du selbst das nicht zulässt.

Wir leben nunmal in einer Welt, in der man "funktionieren" muss, um anerkannt zu sein.
Die Menschen erwarten die seltsamsten Dinge von einem.
Du kannst oder willst dich diesen Dingen nicht fügen, hast vielleicht sogar Angst oder gar Panik vor deren Prüfungen, deren Verhaltensregeln und deren Welt?
Fein. Das geht mir ganz genauso. Das geht sogar einigen hier so, da bin ich mir ziemlich sicher.
Um ehrlich zu sein, ich gehe am liebsten nur nachts aus dem Haus, weil ich keinen Menschen begegnen möchte. Ich rede nicht mal mit meinen Nachbarn, höchstens mal "Hallo" sagen, aber das war's dann auch schon. Ich meide Situationen, in denen andere etwas von mir fordern und ich mich beweisen muss, wo immer es nur geht.
Ich bin ein Deserteur.
Einer, der sich immer davonschleicht und sich verweigert, wenn er von anderen in die Pflicht genommen wird.
In Militärkreisen gibt es kaum etwas, das mehr verachtet wird, als ein Deserteur. Die waren für die kämpfenden Soldaten zu allen Zeiten der letzte Dreck, und man hat sie einfach abgeknallt, wenn man sie dann doch mal erwischt hat.
Und doch...
waren die, die damals im 2. Weltkrieg in Russland ihr Gewehr hingeworfen haben und weggelaufen sind, weil sie zurück zu ihren Familien wollten, wirklich feige?
In meinen Augen nicht.
In meinen Augen waren sie Helden, auch wenn bis heute kaum ein Denkmal für sie gebaut wurde. Sie haben auf ihr Herz gehört, und nicht auf die verblendeten Menschen in ihrer Umgebung.

Nun kann man das natürlich nicht vergleichen.. aber in gewisser weise befinden auch wir uns in einem Krieg, auch wenn der mit anderen, zivilen Mitteln geführt wird. Ein Krieg um einen Platz an der Sonne... ein Krieg gegen unsere Mitmenschen, gegen die Natur und gegen uns selbst.
Und in diesem Krieg will ich immer nur ein Deserteur sein... weil mir dieser Krieg so schwachsinnig und sinnlos erscheint wie kaum etwas anderes auf dieser Welt.
Dafür wird mir kaum einer danken, manche verachten mich sogar für das, was ich bin... und doch, ich möchte nie etwas anderes sein. Denn kein Soldat wird je diese wunderbare Freiheit erfahren, die ein Deserteur erfährt, wenn er seine Uniform abgelegt hat und ganz für sich allein entscheiden kann, ob und wohin er als nächstes marschieren möchte.
(ich hoffe mal, ich hab mich jetzt nicht zu blumig ausgedrückt...)


... - 7.9.2005 um 01:43

Hm, @Gast, ich weiß jetzt nicht, ob Du schon viel damit anfangen kannst, was @Dian Dir versucht zu erklären.
Du machst auf mich auch noch einen wirklich sehr verunsicherten Eindruck Dir selbst gegenüber.
Könntest Du mal etwas konkreter werden, was das denn für Probleme genau hast mit Deiner mangelnden Flexibilität. Es gibt bestimmte Sachen, wo einem Flexibilität helfen kann, das stimmt.
Allerdings sind dies oftmals Sachen, die von uns gefordert werden, ohne das dort wirklch ein Sinn hinter ist. Ich würde Dir doch erstmal empfehlen, eine gewisse Liebe Dir selbst gegenüber zu entwickeln. Auch das hört sich jetzt bestimmt erstmal phrasologisch an, aber ich würde Dich doch mal bitten, ein genaues Beispiel zu nenen, wo gerade Deine Probleme sind. Vielleicht liegt es ja gar nicht an Dir, sondern an Deiner Umgebung. Erzähl´doch erst noch mal was von Dir.


Gast - 7.9.2005 um 19:23

Nun, da ist nicht besonders viel der Rede wert: Antriebs- und Konzentrationslosigkeit plus baldige Prüfungen (bei denen aber viele durchfallen würden, wenn ich durchfiele), ein Vermieter bei dem ich ständig fürchten muss, dass er mich zum nächsten Monat rausschmeißt plus überlaufener Wohnungsmarkt (aber ich könnte mir ja einfach endlich etwas anderes suchen, wenn ich bloß meinen Arsch hochbekäme bzw. ich weiß nicht, ob das bloß wieder eine neurotische Anwandlung von mir ist), generelles Defizit an sozialen Kontakten, die mich wirklich etwas angehen (aber das scheint normal zu sein) und natürlich das Fleckchen Erde, auf dem ich geboren bin, das mich auf längere Sicht depressiv macht, von dem ich aber trotzdem nicht für 2 Wochen loskomme (dabei sollte ich doch unternehmungslustig sein und neugierig und ach so flexibel an jedem Platz einsetzbar, wenn es nur irgendwann irgendjemand von mir verlangt *kotz*).

Besonders schlimm ist das alles nicht, echte Probleme sehen anders aus.
Bloß kommt bei mir noch ein ganzer Wust an persönlichen Unzulänglichkeiten hinzu, die ich selber gar nicht richtig zu fassen bekomme, die mich aber abtrennen und mich unfähig machen, so zu reagieren, wie es normal wäre.

Die Anforderungen an mich mögen sinnlos sein, aber deswegen sind sie trotzdem da, das ist ja der Müll, für sinnvolle Dinge könnte ich schon ein bisschen Engagement entwickeln, bloß sehe ich überhaupt keinen Weg, ein sinnvolles Leben zu führen, da ein paar fiese, "pathologische" Teile von mir felsenfest darauf bestehen, dass diese ganze Scheiße mit der äußeren Welt und so keinen Sinn macht.



Was @Dian sagt ist richtig und ich glaube, deine Gedanken zu verstehen, doch dies ist ein zu hoher Standpunkt, als dass ich ihn ständig beibehalten könnte.
Es mag tatsächlich etwas Heroisches in diesem Kampf gegen die Mechanismen der Welt stecken, doch die einzigen, die dem je Beifall zollen werden, sind wir selber und dazu bin ich zu zynisch veranlagt. Oder auch nicht, was weiß ich, ich glaube, mir sind im Grunde solche Dinge wie Heldentum einfach zu egal, als dass ich tatsächlich etwas wie dauerhaften Antrieb aus ihnen ziehen könnte - ich merke nur, dass jede wesentliche Anpassung, sofern sie nicht nur kurzzeitig zu meinem eigenen Vorteil nötig ist, inneren Widerstand und Selbstverachtung mit sich bringt. Ich war mit der Anpassung schon weiter, als mich tatsächlich mal etwas begeisterte, das für die Welt verwertbar ist, aber meine Furcht mich zu verlieren, hat meine generelle "Furcht vor allem Möglichen" übertroffen.
Trotzdem bin zu feige und zu schwach für einen echten, eigenen Weg und ich wüsste auch keinen, der wirklich erstrebenswert wäre. Die Zukunft ist nur dunkel, nichts weiter, egal, was ich mir ausdenke für sie, das gibt höchstens Schattierungen von Grautönen.
Manchmal kann ich darüber hinweggehen und einfach nur hier und jetzt leben, aber allzuoft eben nicht.


dian - 7.9.2005 um 20:41

Zitat
ich glaube, mir sind im Grunde solche Dinge wie Heldentum einfach zu egal, als dass ich tatsächlich etwas wie dauerhaften Antrieb aus ihnen ziehen könnte -

Den dauerhaften Antrieb ziehe ich ja auch nicht daraus, dass ich mich irgendwie als "Held" fühle, der gegen das böse Regime kämpft.
Nein, der dauerhafte Antrieb für mich ist, dass es MIR ganz persönlich gut geht, wenn ich so bin wie ich bin. Das ist eigentlich ganz egoistisch gedacht von mir. Wenn ich mich möglichst wenig selbst-verleugnen muss, geht es mir besser, als wenn ich zu viele Kompromisse eingehe. Daher suche ich eben bevorzugt nach Lebenspfaden, auf denen ich mich weniger verleugnen muss. (was natürlich nicht ganz einfach ist...)
Um nochmal auf mein Beispiel zurückzukommen:
Ein Deserteur kann auch nicht einfach mitten im Schützengraben sein Gewehr hinschmeissen und sagen: "Leckt mich am Arsch, Jungs. Ich geh jetzt nach hause!" Dann wäre er schneller kaputt, als er wegrennen könnt.
Der kluge Deserteur wartet dagegen geduldig auf seine Chance.. auf den einen Lastwagen, auf den er unbemerkt aufspringen kann, oder ähnliches. Und so lange , bis diese Chance kommt, versucht er eben, so gut es geht durchzuhalten und am besten nur in die Luft zu schiessen anstatt auf den Feind.
Im übertragenen Sinne hiesse das:
Höre nicht auf, zu träumen, über dich selbst und deine Umgebung nachzudenken, und auf deine Chance zu warten.
Es gibt sicher nen Job irgendwo, für den du nicht von zu hause wegziehen musst. Wenn dir die Anforderungen der Welt zu hoch sind, such dir nen Job an der Tanke ( :D @ q ) Irgendwas, wo nicht so viel Leistung und Perfektion von dir verlangt wird... Ich bin mal ne zeitlang am Fliessband gestanden. Da hat man mich nur hingestellt und ich hab dann irgendwelche Röllchen zugeschraubt. Naja, ist aber nix, was man wohl dauerhaft machen kann, ohne geistig abzustumpfen. Doch wenigstens hat da niemand mehr von mir verlangt, als ich der Gesellschaft geben wollte (und das war eben nur mein Körper, nicht mein Geist)
ach, ich weiss auch nicht. Ist wirklich ne scheiss Situation, und da ist es wohl auch kein Trost, dass es nicht nur dir so geht.
Gibt es denn irgendwas, wofür du dich richtig begeistern kannst? Also Hobby oder irgendeinen Traumberuf? (ich weiss, das ist ne bescheuerte Frage, die dir auch jeder andere stellen könnte... sorry. Aber irgendwie muss ich mir ja ein bild von dir machen)


quaid - 7.9.2005 um 21:06

in dieser welt eignet man sich am besten die einzigartige naturepische fähigkeit des leguans an, sich seiner umwelt anzupassen. das ist zwar sinnbildlich gesprochen, steht den tatsachen wie ich finde aber erschreckend nahe.

ich hab auch viel scheisse erlebt bisher. aber ich denke, das hat mich irgendwie abgehärtet. und das muss man manchmal echt sein.
das ist sicherlich wie mit den krankheiten.. du bist anfälliger für einen virus, wenn du ihn vorher nie gehabt hast und dein körper sich so nie darauf einstellen konnte.

am schlimmsten an einem arbeitstag finde ich morgens den weg hin und nachmittags den weg zurück. den überbrücke ich dann mit musik aus meinem mp3 player. für jede stimmung ist ein lied dabei :)

kann ich nur empfehlen..


... - 8.9.2005 um 01:24

@Gast:
Für mich hört sich das aber auch ein bißchen nach Depression und Phobie an.
Depression kann immer sein, das ist heute Volkskrankheit Nummer eins. Das kann ein neurologe eigentlich ziemlich gut bearbeiten, aber selbst, um zum Neurologen zu gehen, fehlt, den meisten Depressiven noch der Antrieb. Ich hatte das selber nach ´ner Hirnblutung und weiß, daß das absolut scheiße ist, weil man irgendwie den Eindruck hat, daß man nix gebacken bekommt und es gibt noch viel schlimere Fälle, habe ich dann auf einer Rehemaßnahme der BfA mitbekommen, die mir aber insgesamt sehr gut tat. Ich bin jetzt, zwei jahre später, nach langen Tablettengebrauch mal soweit, daß ich die jetzt wieder probeweise reduzieren kann.
Und bei den Phobien, die Du ansprichst (Angst vor fremden Orten usw.) kann Dir auch nur ein zweiter Mensch helfen oder aber , wenn überhaupt, ne Therapie.
Die erste Frage, die Du Dir jetzt stellen mußt, ist , ob Du darunter leidest. Wie gesagt, ähnliche Erfahrungen haben wahrscheinlich alle hier, aber sehen das eher als Bestätigung oder als Genuß an.
Wenn Du wirklich darunter leidest, dann wrde ich schon sagen, daß eine ärztliche Behandlung ja nun nix schaden kann.
Was hälst Du davon?


Gast - 8.9.2005 um 09:18

Es ist so: In der Regel komme ich klar. Die Gedanken sind zwar da, aber sie bleiben Gedanken und werden keine sich festsetzenden Emotionen. Nur manchmal ist es eben nicht so und dann entsteht eine Scheiße, wie dieser Thread hier.
Mittlerweile geht es mir schon deutlich besser. Es ist wirklich nur eine Frage der Kraft, nichts weiter.

Zitat
Es gibt sicher nen Job irgendwo, für den du nicht von zu hause wegziehen musst. Wenn dir die Anforderungen der Welt zu hoch sind, such dir nen Job an der Tanke ( @ q ) Irgendwas, wo nicht so viel Leistung und Perfektion von dir verlangt wird...


Ich dachte an Putzen gehen. Auch gibt es hier noch einen heruntergekommenen Minigolfplatz, da könnte ich den ganzen Tag sitzen, ein paar Leutchen abfertigen und Blumen pflegen. Nur wird da mein unterforderter Geist anfangen, sich selbst zu zerfleischen, das hatte ich früher schon mal, als ich noch zur Schule ging und es mir deutlich schlechter ging als jetzt. Und die Sache ich die: Wenn ich nun diesen Anwandlungen nachgebe, mein Studium schmeiße und zu Mami ziehe, dann werde ich da kleben bis zum Ende meiner Tage, auch wenn mich die Sache auf Dauer unglücklich macht, weil meine Angst vor der Welt dadurch immer weiter wachsen wird.
Jetzt habe ich noch die Wahl und das ist ein großer Vorteil.


Zitat
Gibt es denn irgendwas, wofür du dich richtig begeistern kannst? Also Hobby oder irgendeinen Traumberuf?


Nun, den gab es mal, als ich 13 war. Es war zwar kein Traum mehr, als ich 16 war, mir fiel dann aber nichts besseres mehr ein und drum blieb ich halt dabei und studiere jetzt Physik. Zum Glück habe ich aus unerfindlichen Gründen ein gewisses Talent dazu, sonst hätte ich die Sache schon lange geschmissen, da sie mir zu viel Ausdauer abverlangt hätte. Aber die Welt in abstrakten Konzepten zu ersäufen, gefällt mir irgendwie, (solange man nicht wie jetzt Prüfungen von mir verlangt) auch wenn es mir schwerfällt zu glauben, dass irgendjemand tatsächlich Leute für so etwas bezahlt - naja. Leider lässt man mich nicht ewig rumstudieren und dass ich in dem Job alt werde, glaube ich nicht - aber dann kann ich ja Putzen gehen.


Zitat
Wenn Du wirklich darunter leidest, dann wrde ich schon sagen, daß eine ärztliche Behandlung ja nun nix schaden kann.
Was hälst Du davon?


In ärztlicher Behandlung war ich schon vor Jahren mal, als ich wirklich depressiv war und mir einbildete, ich müsste mich umbringen. Die Tabletten waren gut, aber das therapeutische Geschwall war furchtbar unnütz und mühsam, denn ich hatte kaum etwas zu erzählen. Und viel besser, als alles, was ich mir selber ausgedacht habe, waren die Ideen des Therapeuten auch nicht - genormte Vorschläge, meine Güte, so etwas finde ich durch Internetrecherche auch.
Wirklich geholfen - so makaber es klingt - hat mir in dieser Situation nur der Umstand, das gerade zu dieser Zeit der Lebensgefährte meiner Mutter ganz plötzlich sterben musste. Da war mein Tod freilich nicht auch noch zumutbar und ich musste es ernsthaft mit dem Leben versuchen. Und damit ist es wie mit Sport treiben: zu Beginn hat man absolut keinen Bock dazu und muss sich zwingen - und da braucht man einen guten Grund sich zu zwingen - aber irgendwann geht es und man hat sogar den Wunsch danach.

Also ich halte zur Zeit nichts von ärztlicher Behandlung, wie gesagt, in der Regel komme ich klar.


Lonewolf - 8.9.2005 um 16:22

Zitat
Original von Gast

Die Anforderungen an mich mögen sinnlos sein, aber deswegen sind sie trotzdem da, das ist ja der Müll, für sinnvolle Dinge könnte ich schon ein bisschen Engagement entwickeln, bloß sehe ich überhaupt keinen Weg, ein sinnvolles Leben zu führen, da ein paar fiese, "pathologische" Teile von mir felsenfest darauf bestehen, dass diese ganze Scheiße mit der äußeren Welt und so keinen Sinn macht.
.



Ich denke, das ist der Kern des Ganzen. Man kann versuchen, nach den Richtlinien zu leben, die einem die gesellschaftliche Norm (oder das, was man dafür hält) vorschreibt, man kann die vorgestrickten Muster einer akzeptablen Lebensführung erfüllen, kurz gesagt: Man kann dem genügen, was andere auf unterschiedlichsten ebenen von einem erwarten; und dennoch bleibt die eine Frage übrig: Wozu das alles? Was uns als erstrebenswertes Leben verkauft wird, sieht auf den ersten Blick wie ein abgeschlossenes Konstrukt aus, dabei ist und bleibt es zwangsläufig nur eine (materielle) Rahmenbedigung. Im Grunde ist die eigene (zumindest finanzielle) Unabhängigkeit das einzig lohnenswerte, das bei diesem Spiel der gesellschaftlichen Selbstformung für uns rausspringt. Antworten darüber hinaus hat man nicht anzubieten, und ich bin ich auch nicht sicher, ob wir das verlangen könnten oder sollten. Man hat eine gewisse Stufe erreicht, die es einem hoffentlich ermöglicht, in der Gesellschaft akzeptabel zu überleben; was darüber hinaus geht, ist unsere persönliche Angelegenheit.
Der erste und vielleicht bedeutenste Denkfehler ist die Trennung zwischen innerer und äußerer Welt. Es geht in uns nicht nur um uns selbst, genauso wenig wie es da draußen nur um den Kampf um oder für bestimmte Ziele geht, die mit unserem Inneren nichts gemein hätten. Ich kann mich nicht selbst aus dieser Welt subtrahieren, und mein Ich als abgeschlossenen Raum betrachten, der dem "Außen" betrachtend gegenübersteht. In diesem Zusammenhang werde ich mich selbst immer als abgeschlossenes ding betarchten, an dem die Welt vorüberzieht. Das Unbehagen, das mich befällt und die unbestimmte Schwermut wird heutzutage nur zu gern auf eine "existentielle
personale Lebenskrise", eine "depression" reduziert. Das Nicht-funktionieren-können/wollen wird zur pathologischen Erscheinungsform einiger weniger (?) Lebensunfähiger degradiert, der gesellschaftlich aufgezeigte Ausweg ist die Korrektur der eigenen Unzulänglichkeiten, in unserer heutigen psycho-pathologischen Sichtweise leider zumeist auf rein medizinischem Niveau.
Aber sind wir wirklich nicht mehr als isolierte elementarteilchen, die sich in einem Kreislauf des Anziehens und Abstoßens zueinander und zur Welt verhalten, und somit das Beziehungsgeflecht konstruieren, das wir Gesellschaft, oder abstrakter formuliert "soziale Welt" nennen?
Und was genau ist es, das wir mit "sinn" meinen? Eine sinnvolle (d.h. lebenswerte) Existenz, ein Auf-ein-Ziel-ausgerichtet-sein, das als erstrebenswert erachtet wird, oder ein umfassendes Sinnkonzept, meinetwegen noch in einem metaphysischen Rahmen? Ich denke, wir übernehmen bestimmte Formulierungen einfach aus unserer gesellschaftlichen Begriffstradition, und die damit verbundenen Lebensprobleme gleich mit. Das heißt nicht, dass unserer existentiellen Probleme irgendwie irreal oder das Ergebnis eines sozialen Vorurteils wären, aber unsere Sichtweise bzw. Wahrnehmung des ganzen Komplexes ist nicht so unverrückbar, wie es vielleicht zeitweillig erscheint.

Wir, die bestimmte Dinge vielleicht anders sehen, denen es schwer fällt innerhalb der Mechanismen, die uns umgeben, zurechtzukommen oder diese überhaupt als "sinnvoll" zu betrachten ,sollten aufhören uns als krank, unzulänglich (ohnehin ein Unwort schlechthin) oder gar wertlos zu betrachten- die Sichtweise, die die Welt als simple Maschinerie betrachtet, in der man lediglich zu funktionieren hat, ist es, die uns krank macht. In keinem Fall ist es ein Individuum allein, dass "unpassend" wäre, da das Bild einer funktionierenden Maschine mit fehlerhaften Einzelteilen trotz aller Popularität eben nicht die Welt darstellt, in der wir leben, ganz gleich wieviele Menschen an diese Lüge glauben und an ihr zugrunde gehen.
In jeder Hinsicht dienen wir uns selbst- ob wir uns abzukapseln versuchen oder für eine vermeintlich fremde Sache arbeiten. Sinnvoll ist in letzter Konsequenz das, was UNS weiterbringt, und hier können selbst die banalsten Handlungen von Bedeutung sein.
Wir zimmern an unserer Existenz, jeden Tag und unaufhörlich, ob wir wollen oder nicht, da unser Sein genau dadurch gekenntzeichnet ist. Probleme sind daher automatisch allgegenwärtig.

Momentan sehe ich keine Alternative zu einer gewissen Schwermut, wenn man mit offenen Augen durch diese Welt geht. Aber wir sollten uns hüten, diesen unbestimmte Trübsinn als "krankhaft" zu betrachten-sicher gibt es soetwas wie ernsthafte Depressionen, aber ich denke, dass der anthropologische Charakter dieses Gefühls nur allzugern unter den Teppich gekehrt wird. Wir sind eine nachdenkliche Spezies, die sich in unermüdlicher Hartneckigkeit selbst Probleme schafft- vielleicht muss man einfach lernen, diesen Teil der eigenen Persönlichkeit zu verstehen und zu akzeptieren, anstatt die einzelnen Manifestationen dieses Gefühls in konkreten Lebenssituationen überzubewerten.


dian - 8.9.2005 um 18:38

Also ich schliesse mich da mal meinen Vorrednern an, auch wenn ich angesichts der drückenden Sommerhitze nicht alles verstanden habe, was uns LoneWolf da sagen wollte. :D

@ Gast:
Jetzt mal abgesehen von Job, Ausbildung und dem ganzen Mist...
auf diesem Gebiet läuft es ja wahrlich für viele nicht so gut. Was das aber meiner Meinung nach ganz gut kompensieren kann, ist ein intaktes Umfeld, in dem man sich wertgeschätzt, akzeptiert und auch geliebt fühlt.
Wie sieht es da bei dir aus? Freunde, Freundin, Clique... hast du in deinem persönlichen Umfeld Menschen, die dir wichtig sind, und mit denen du über deine Probleme reden kannst?
Allein ist alles doppelt so schwer. Und geteiltes Leid ist halbes Leid.
Wenn man geliebt wird und auch zurück liebt, kann man den nervigsten Job ertragen... jedenfalls besser, als wenn man sich nach der Arbeit statt auf guten Sex, eine tröstende Umarmung oder anregende Gespräche nur auf ein Bier und einen heissgelaufenen PC freuen kann.
Sich ein solches geeignetes Umfeld aufzubauen, erscheint mir mindestens ebenso wichtig wie die Suche nach einem geeigneten Job.


... - 8.9.2005 um 19:29

Also, erstmal @Gast:
Das hört sich doch auch erstmalnun in Deiner Aussage von heute doch schon etwas beruhigender an. Zum einen glaube ich, daß Du Dich hier auch etwas mehr einbringen soltest, denn ich stelle fest, daß wir offenbar eine sehr hohe Anziehungskraft auf Naturwissenschaftler haben, oinsbesondere auf Physiker. Ich gestehe ein, daß auch ich, wenn ich mich nicht unebdingt mit einem Teologiestudium vor dem Wehr und Zivildienst hätte drücken wollen, bei mir vielleicht auch so etwas wie Mathe und Chemie rausgekommen wre.
Ansonsten würde ich auch sagen, daß da @Lonewolfs Rat da doch sehr sinnvoll ist. Versuche nicht, Dich in Übereinstimmung mit der Welt zu bringen. Ich hab auch in meinen 43 Lebensjahren noch bislang selten Situationen erlebt, die eine Übereinstimmung von mir, meinem Job und meinen Hobbys mit dem Leben in dieser Gesellschaft kompatibel ist.
Es gab diese Augenblicke, aber sie sind selten, die kleinen Momente zu erleben, wo man meint, die vollkommene zufriedenheit erreicht zu haben, sind sehr kurz, aber es ist einfach dann nun mal Deine Aufgabe, darauf zu achten, daß Du die Momente in Deinem Gedächtnis speicherst. Das diese kleinen Augenblicke da waren, das war der ganze Sinn, mehr sowieso nicht.
Und so, woie Du Dich in Deinem letzten Posting anhörst, hast Du das doch auch schon begriffen. Versuch´ Dir die Momente, die bislang Dein leben lebenswert gemacht haben, noch mal bewußt zu werden, und genieße sie und versuche eben nicht, diese Zustände zu konservieren als eine Vorgabe für dauerhaftes Glück oder ähnliches. Wenn Du das nämlich versuchst, dann wirst Du mit Sicherheit traurig.

@Lonewolf:
Erstmal danke für diese doch sehr brilliante Stellungnahme. Ich muß Dir aber in einem Punkte doch ein wenig wiedersprechen. Die Zeiten, wo gewisse Zustände w9ie Depression o.ä. in der Psychiatrie oder in der Psychologie als "krankhaft" gesehen wurden, die sind nun auch irgendwann einmal vorbei. Wenn man mittlerweile bei über 30 % der Menschen und bei über 50 % der Berufstätigen in der BRD eine Depression vermutet, dann begreifen selbst Mediziner allmählich, daß dann die Definition von krankheit nicht mehr greifen könnte. Denn wenn schon 50% der berufstätigen Bevölkerung so reagieren, daß ma sie nach den Definitonen von vor 30 Jahren Jahren als "nicht normal", also allgemeinhin als krank bezeichnen könnte, dann merkt ganz, ganz langsam auch die medizin, daß nicht derjenige Mensch es ist, der zu behandeln ist, sondern daß die Probleme im Wirtschaftssystem liegen
Wir sollten uns da nicht unbedingt den Diskussionen, die heutzutage in diesen Bereichen geführt werden, verweigern, sondern anerkennen, daß auch die eben ganz langsam das Problem aufgreifen Wenn Du mit Psychotherapeuten oder Ärzten in BfA - Kliniken z.B. Sprichst, sind die sich alle der Problematik bewußt, daß sie eigentlich für etwas bezahlt werden, was sie gar nicht machen können. Sie können die Menschen in diesem System nicht gesund machen. Sie leben mit einer neuen Erkrankung, die man auch psychologisch definieren kann, die aber alle Auswirkungen eines Systemes sind, das nicht funktionieren kann, weil es z.B. dem kategorischen Imperativ zuwiderläuft. Das Konkurenzprinzip im Kapitalismus ist schon von der Logik her nicht in en funktionierendes Gesellschaftssystem zu integrieren.
Also müssen auch diese Therapeuten lernen, schizophren zu denken, genau wie alle, die in diesem System leben und es vorziehen, doch nicht das Gehirn auszuschalten, wie auch Du, @Gast.

Insofern, @Dian, sind Deine Tipps da schon ganz gut, daß es auch darum geht, ein intaktes soziales Umfeld zu besitzen, allerdings gehen auch ´ne ganze Menge Sachen sogar ohne dieses. Als grundsätzliche Vorbedingung würde ich sogar sagen, daß man als erstes lieber mit sich alleine klar kommen sollte als sich darauf zu verlassen, daß es da immer jemanden gibt, der zu einem halten wird. Da hat man nämlich oftmals wenig Einfluß drauf.


Lonewolf - 8.9.2005 um 23:19

Um vielleicht etwas konkreter zu werden- @gast: Ich habe den Eindruck, dass du in erster Linie unter einer großen Lebensangst leidest. Denn mangelnde Perspektiven scheinen es ja nicht primär zu sein, die dich aufhalten; und ich wäre sicher nicht so zynisch, einem wirklich armen Teufel etwas von seiner persönlichen Freiheit und Eigenverantwortung zu erzählen (wie es Sartre teilweise wohl getan hat). Aber du scheinst dir ja im Grunde selbst im Wege zu stehen, d.h. du hättest bestimmte Möglichkeiten, siehst aber keinen Sinn in ihnen. Ich kann das gut nachvollziehen, genauso verstehe ich auf einer emotionalen Ebene den Satz von der "dunklen Zukunft". Rational betrachtet ist das natürlich Unfug, die Zukunft ist vielleicht dunkel im Sinne von ungewiss, aber sie stellt nicht zwangsläufig einen Weg nach unten dar. Ich denke sogar, dass die Märchen von der großen bösen Welt eher der Kampfzonen- bzw. Ellbogenmentalität desjenigen Systems entsprechen, dass wir doch im Grunde unseres Herzens als sinnlos und verlogen empfinden.
Das Leiden an den persönlichen Unzulänglichkeiten (oder was man dafür hält...) ist auch so eine SAche, die ich nur allzu gut nachfühlen kann. Ich glaube von Kafka stammt der Vergleich, dass das Leben zwar nicht aus Abgründen, aber aus zig Fallstricken besteht, in die der "Unzulängliche" ständig hineintritt, während andere Menschen diese mit einer scheinbaren Leichtigkeit umgehen können. Ich denke allerdings, dass es eher eine Frage der persönlichen Konfliktverarbeitung bzw. der reinen Selbsteinschätzung ist, wie dieser Lebensweg wahrgenommen wird. Wer mit Leichtigkeit vorankommt, ist derjenige, der die Stürze nicht als reines persönliches Versagen und als Hiebe für sein Selbstwertgefühl begreift, sondern als natürliche Konsequenz eines Lebens, das sich eben auf die eine oder andere Weise immer als problematisch gestaltet.
Um mal kurz auf deine Idee mit dem Putzengehen zu kommen: Ich denke, dass hier tatsächlich in erster Linie die Furcht aus dir spricht, deinen gewohnten Lebensrahmen aufzugeben. Sich als intelligenter Mensch (und das scheinst du zweifellos zu sein) in geistig wenig anspruchsvolle Tätigkeiten zu flüchten ist dann ok, wenn man mit sich selbst im reinen ist. Wenn das aber nicht der Fall ist, endet sowas nur in Selbstzerfleischung, da deinen Gedanken kein anspruchsvoller Tätigkeitsbereich mehr gegeben ist. Und Gedanken werden mitunter sehr gefährlich, wenn man sie einfach so herumschweifen lässt. Daher würde ich dir auf jeden Fall raten, dein Studium solange beizubehalten, wie es für dich gut funktioniert., bzw. es vielleicht noch durch etwas geisteswissenschaftliches zu erweitern. In einem Studium ist man desweiteren noch nicht irgendwelchen Leistungsanforderungen im kapitalistischen Sinn ausgeliefert, was will man mehr?
Das mit dem sozialen Umfeld ist auch so ein Problem. Es ist nicht so schwer, über ein paar gemeinsame Nenner einen Bekanntenkreis aufzubauen, allerdings haben solche Verhältnisse nicht unbedingt großen Tiefgang, doch mir scheint, vielen Menschen scheint es schwer sich über eine Grundbasis heraus einander anzunähern. Dabei ist tatsächlich die wahre geistige und seelische Verwandschaft zu einem anderen Menschen mitunter das Erfüllenste, was in diesen Leben möglich ist.
Hierfür musst du lernen einen Traum zu entwickeln, den ein anderer eventuell teilt, d.h. einen Blick auf den Gesamtzusammenhang hinter deinen Empfindungen.gerade (!) hinter den negativen, die du nicht als
Krankheitssymptome, sondern als Möglichkeit einer erweiterten, tieferen Weltsicht begreifen kannst. Dass Schwermut alle edlen und großen Geister auszeichnet, wusste schon Aristoteles ;)
Zu dem heroischenKampf gegen die Mechanismen dieser Welt: Es geht bei der individuellen Lebensführung nicht darum, wer dir zujubelt und wer nicht- das Lebens ist kein Cabaret und wir sind keine Unterhalter. Es geht darum ,welches Leben deinem Wesen entspricht; als überaus nachdenklicher, kritischer und melancholischer Mensch musst du dich vielleicht an den Gedanken gewöhnen, dass du niemals einen endgültigen Frieden mit der Welt machen kannst, dass deine anpassung möglicherweise die Welt zufriedenstellen mag, aber niemals dich selbst.
Das ist nicht schlimm, im Gegenteil, alle großen Taten und Gedanken resultieren aus dem Konflikt heraus. Wenn diese komplizierte Welt für dich als komplizierten Menschen immer und überall Konflitkherde aufzubieten hat, kannst du an ihr reifen und wachsen wie kein anderer, der mit stiller akzeptanz durchs Leben geht.


Zelder - 8.9.2005 um 23:51

Da möchte ich mich doch bei unserem Gast bedanken das er/sie so einen interessanten Threat vom Stapel gestossen hat. Auch ich dabei nur als stiller Mitleser auftrete.


... - 9.9.2005 um 00:00

Dem Dank kann ich mich nur anschließen.
Zu @Lonewolf noch eine Anmerkung noch:
Auch mit einer ziemlich schwachsinnigen Tätigkeit kann man ganz gut zu sich und seinen Perspektiven finden. Das ist nicht unbedingt Voraussetzung, daß das was sein muß, was von sich aus zum Denken anregt. Die Wiederkehr des ewig gleichen kann einem dann nämlich eher den halt geben, den man braucht, um mal selber unbeständig zu sein.

Einiziges Problem, was mir noch auffiel, @Gast, was vielleicht noch übrigbleiben könte, ist das Problem Deiner Antriebslosigkeit.
Wie stark schätzt Du sie ein und wie stark stört sie Dich?


Gast - 9.9.2005 um 14:37

Zitat
Nicht so schlimm, was nötig ist, das tu ich eben. Es ist wohl eher eine gewisse Trägheit: es muss einiges passieren, bis ich meinen Arsch hochkriege.

Zitat
Zum einen glaube ich, daß Du Dich hier auch etwas mehr einbringen soltest


Meistens habe ich halt nichts besonderes beizusteuern, aber ich bin schon registriert.




{quote]Wie sieht es da bei dir aus? Freunde, Freundin, Clique... hast du in deinem persönlichen Umfeld Menschen, die dir wichtig sind, und mit denen du über deine Probleme reden kannst?


Nun, ich habe Bekanntschaften, die aber nicht tiefgehend sind. Da spiele ich meist den klugscheißerischen Clown vom Dienst, eine wirklich sehr nette Rolle, die oft genug Spaß macht.
Echte Freunde täten mir sicher gut, aber ich bin ein eher einzelgängerisches Dasein gewohnt. Es wäre schwierig für mich, mit Freunden "über alles zu reden", ich wollte ja nichteinmal in einem anonymen Forum meinen anonymen Nick dazu verwenden. Eure Reaktionen waren unerwartet, ihr habt euch richtig Mühe gegeben mit mir, einfach so, ich bedanke mich dafür. Deshalb will ich sagen, dass der "geheimnisvolle Gast" bloß Maria ist. Es macht ja eigentlich keinen Unterschied, wenn ich das sage und aus dem Forum abhauen kann ich immer.





Zitat
Wer mit Leichtigkeit vorankommt, ist derjenige, der die Stürze nicht als reines persönliches Versagen und als Hiebe für sein Selbstwertgefühl begreift, sondern als natürliche Konsequenz eines Lebens, das sich eben auf die eine oder andere Weise immer als problematisch gestaltet.


Das weiß ich. Manchmal hat man eben das Gefühl, man könnte genau das nicht ertragen: dass nichts völlig unproblematisch ist und sich von selbst versteht.
Das Ganze ist, wie schon ein- oder zweimal gesagt, nur eine Frage der Kraft. Denn man kann sich kein perfektes Leben zurechtschneidern, das man sich nichteinmal ausdenken kann


Zitat
Um mal kurz auf deine Idee mit dem Putzengehen zu kommen: Ich denke, dass hier tatsächlich in erster Linie die Furcht aus dir spricht, deinen gewohnten Lebensrahmen aufzugeben.


Das auch, aber insbesondere schlagen mir die vielen Menschen, das viele Kulturland, das blasse Gras und der blasse Himmel aufs Gemüt. Diese domestizierte Umgebung, die ihrer natürlichen Schönheit beraubt nur noch dafür da ist, den Menschen zu dienen, erscheint mir stumm und leer und sie auf Dauer zu ertragen, habe ich in 2 Jahren nicht gelernt.


Zitat
Daher würde ich dir auf jeden Fall raten, dein Studium solange beizubehalten, wie es für dich gut funktioniert., bzw. es vielleicht noch durch etwas geisteswissenschaftliches zu erweitern.


Gut, darüber werde ich nachdenken, auch wenn mein Denken schnell unstrukturiert wird, wenn es nicht so stur geradeaus geht, wie in der Mathematik oder Physik. Aber ich kann mich ja in die ein oder andere Vorlesungen setzen und schauen, ob mir das was bringt.

Zitat
Dabei ist tatsächlich die wahre geistige und seelische Verwandschaft zu einem anderen Menschen mitunter das Erfüllenste, was in diesen Leben möglich ist.
Hierfür musst du lernen einen Traum zu entwickeln, den ein anderer eventuell teilt, d.h. einen Blick auf den Gesamtzusammenhang hinter deinen Empfindungen.


Instinktiv ist dieser sicher da, ob ich ihn so deutlich entwickeln und dann auch noch für andere sichtbar machen kann, weiß ich nicht, es käme mir auch irgendwie gewaltsam vor.


dian - 10.9.2005 um 00:21

Zitat
Deshalb will ich sagen, dass der "geheimnisvolle Gast" bloß Maria ist. Es macht ja eigentlich keinen Unterschied, wenn ich das sage und aus dem Forum abhauen kann ich immer.

Nun, einen Unterschied macht es nur in sofern, dass ich ja dann weiss, dass du jemand bist, der ziemlich kluge Gedanken hat... und der seine definitiv vorhandenen Talente und Fähigkeiten beim Putzen vielleicht doch ein bisschen arg brachliegen lassen würde. ;)
Wobei, auch so ein Weg kann natürlich eine Alternative sein.
Da muss ich dann irgendwie an den Hausmeister aus dem Film "Disturbing Behaviour" denken. Der macht einen auf Dorftrottel, und alle halten ihn für einen absoluten Schwachkopf... dabei ist er in Wahrheit der Klügste und Belesenste an der ganzen Schule, und hat seine Identität nur als Tarnung, um seine Ruhe zu haben. Den fand ich irgendwie ziemlich beeindruckend.
Aber für so ein Leben muss man halt schon auch erstmal die richtige Einstellung mitbringen. Man darf sich nichts aus Anerkennung und Lob seiner Mitmenschen machen... (und wenn wir ehrlich sind, freuen wir uns über sowas doch alle irgendwie...)
Also um dauerhaft so schizophren zu leben, muss man denke ich seelisch sehr stark und gefestigt sein. Ganz einfach ist das nicht, genausowenig wie irgendein anderer Weg einfach ist.. (mal abgesehen vielleicht von dem Weg des Lemmings... aber der ist ja nunmal für unseresgleichen nicht wirklich ein Weg. Ganz abgesehen davon, dass auch die Lemminge leiden und manchmal das Gefühl haben, dass der ganze Himmel über ihnen zusammenbricht.)


Seneca - 10.9.2005 um 00:54

Wenn ich dir zum Thema zurechtkommen mit der Alltagswelt einen Rat geben kann, der mir trotz meines geringen Alters schon viel genützt hat:

Die Welt kannst du vielleicht verändern, aber im Moment ist sie so wie sie ist. Du musst das nicht akzeptieren, aber da du ja schätze ich mal abgesehen von Selbstmordgedanken ja im Leben etwas erreichen möchtest, im Sinne von dass du glücklich wirst., empfehle ich dir, dich den gesellschaftlichen Gegebenheiten zwar nicht anzupassen, aber sie für den Moment so hinzunehmen wie sie sind. Und wenn du das hinkriegst, dann hast du eine echte Perspektive. Das hab ich oftmals auch so geregelt, indem ich einfach gesagt habe:
"Ok, es passt mir zwar nicht, aber ich muss da durch und dann kann ich immer noch was dagegen unternehmen"
Die Gedanken sind frei heißt es. Das ist richtig und wichtig. Natürlich nützen Gedanken alleine nichts, doch man kann sie aufbewahren, bis die Gelegenheit kommt sie in die Tat umzusetzen und dann zuschlagen.

Als Beispiel:
Ich, Schüler, Klasse 12, bin mit dieser Gesellschaft nicht einverstanden wie sie ist. Ich möchte eine neue Gesellschaft der Toleranz und der Freundschaft. Aber im Moment kann ich gegen diese Gesellschaft nichts ausrichten, sondern würde mir mit einem Kampf gegen sie nur jegliche Siegeschancen zunichte machen. Also warte ich ab, nehme die Gesellschaft im Moment hin wie sie ist. Aber wartet, wenn ich meine wacklige Position gefestigt habe, dann kann ich den Kampf für die Ziele, für die ich eintrete neu aufnehmen.

So ähnlich kannst du es auch tun. Nimm einfach mal dein Leben so hin wie es ist. Mach dir geistig völlig klar, dass es so wie es ist falsch ist, aber man es im Moment nicht ändern kann. Wenn du dann gelernt hast damit klarzukommen , kannst du den Kampf aufnehmen und dein Leben gestalten nach deinen Vorstellungen. Aber wenn man mit seiner jetzigen Situation Probleme hat kämpft sich eben so schlecht.

Außerdem, wenn das nicht hilft, muss ich Arne recht geben. Ich halte zwar Depressionen NICHT für eine Krankheit, sondern einfach für einen psychischen Zustand, aber ein Arzt kann trotzdem helfen.


... - 10.9.2005 um 03:14

Also, erstmal Kompliment, @Maria.
Diesmal wäre ich nicht auf Dich gekommen. Den Gast hatte ich mir männlich vorgestellt und wesentlich zurückhaltender als wie man Dich hier vom Posten her kennt.
Mir ist bislang immer aufgefallen, daß Du wirklich sehr berechnend und sehr kühl denken kannst. Das ist ´ne Eigenschaft, die ich sehr bewundere. Insofern mache ich mir jetzt Gedanken, ob Du das wirklich so verstehen kannst, wie wir das gesagt haben. Ich denke, der Ansatz von @Lonewolf war der, der für Dich am ehesten nachvollziehbar sein müßte, wenn ich jetzt nicht ganz danben liege, Dein Denkschema zu analysieren.
Mal ´ne ganz doofe Frage: Hast Du mal irgendeine Art von IQ - Test oder so gemacht? Ich weiß, daß die Dinger meistens nix taugen. @Harlequinn kann dazu schon ´ne ganze Menge erzählen. Aber ich habe vor ein paar Tagen einen Fall im radio gehört, der mich doch sehr an Deine Aussage, daß Du leber putzen gehen wolltest, erinnerte. Da war ein mensch, ein Mann , der, wenn ich das richtig verstanden hatte, auch schon mit 23 sein Diplom in Mathe - und Physik gerade machte.
Dr hat dann auch von einem Tag auf den anderen alles hingeschissen und sitzt jetzt zu Hause rum und macht gar nix. Lebt von HARTZ IV. Er nennt es auch Verweigerung. Es ist also nicht ganz undenkbar, daß man sich manchmal auch erade bei den angeblich so unglaublich großen Chancen, die einem eine solche Begabung biette, an eine Stelle gelangt, die einem keine Antwort mehr biette.
Was mich noch interessieren würde, und ich versuche das mal in Deiner Denkweise auszudrücken:
Fehlt Dir das Axion, was Dein Leben ausmachen soll, oder bis Du ganz einfach an einem Punkt angekommen, wo Dir eine neue Definition fehlt, um weiterzukommen?


Ina - 10.9.2005 um 13:22

@Dian

Wenn ich weiß Gott wie begabt wäre, wäre Putzengehen tatsächlich eine Verschwendung meiner Talente. Aber das was ich kann, können genug andere auch. In der Mittelstufe habe ich vielleicht noch geglaubt, ich sei ein bisschen genial, weil ich vergleichsweise sehr gut war und mich meine Mathelehrer immer in höchsten Tönen gelobt hatten, aber ich habe zum Glück rechtzeitig gesehen, wie die wirklichen Genies ausschauen. Ich hab da einen gesehen, es war zwar unmöglich, mit dem zu reden - insbesondere, wenn man weiblich war - aber der hatte es drauf, das kam einem fast übermenschlich vor. Und der war nicht der Einzige.


Zitat
Aber für so ein Leben muss man halt schon auch erstmal die richtige Einstellung mitbringen. Man darf sich nichts aus Anerkennung und Lob seiner Mitmenschen machen...


Hmm, vielleicht, andererseits ist man ziemlich arm dran, wenn man von Lob und Anerkennung besonders abhängig ist, egal in welcher Position man steht. Es gibt viel zu viele Menschen, insbesondere Frauen, die sich bei allem, was sie tun, fragen, was andere davon halten und ob es wohl gut ankommt. Als ob sich die Menschen so füreinander interessieren würden - abgesehen von pathologischen Klatschtantenausnahmen.
Naja, das Gesündeste liegt wohl irgendwo dazwischen, wie immer.


Zitat
Ganz abgesehen davon, dass auch die Lemminge leiden und manchmal das Gefühl haben, dass der ganze Himmel über ihnen zusammenbricht.)


Das ist oft genug so und das ist das wirklich Interessante daran: dass die sich eine seltsame Welt erschaffen haben, mit der kaum ein Mensch wirklich klarkommt. Die "Verlierer" sowieso nicht, aber schau dir doch mal die "Gewinner" an, sehen die wirklich glücklich aus?
Letztens sah ich eine Doku und da kam eine reiche Erbin vor, die tat den ganzen Tag eigentlich nicht viel mehr als sich gepflegt zu langweilen (Essen, bisschen Schwimmen, Schönheitspflege) und abends ging es dann in eine komische Gesellschaft. Sie erzählte zwar, sie sei glücklich, aber ich bildete mir ein, sie sähe ganz und gar nicht danach aus sondern eher wie eine, die sich mit Tabletten vollstopft um ihren furchtbaren Tag zu überstehen. Wenig Mimik, eine gewisse Zähigkeit in allen Bewegungen und im Gespräch - seltsam halt, Endziel des Lemmingwegs.





@Seneca

Hmm, wie macht man das, dass man fest davon überzeugt ist, es wäre im Moment keine Änderung möglich? Denn eigentlich ist sie das fast immer und da geht dann das Gegrüble los.
Oder meinst du einen Gedanken in der Art: "Im Moment wäre zwar eine Änderung möglich, so wie man fast immer alles stehen und liegen lassen kann - wenigstens prinzipiell - aber ich bin zur Zeit dafür ganz und gar nicht in der Lage." - und fertig?



@Arne

Zitat
Den Gast hatte ich mir männlich vorgestellt und wesentlich zurückhaltender als wie man Dich hier vom Posten her kennt.


naja, das ist hier ja etwas anderes, auf der simplen, klaren, logischen (und meinetwegen auf der kabarettistischen) Ebene gibt es nicht viel Grund für Zurückhaltung.

Zitat
Mir ist bislang immer aufgefallen, daß Du wirklich sehr berechnend und sehr kühl denken kannst. Das ist ´ne Eigenschaft, die ich sehr bewundere. Insofern mache ich mir jetzt Gedanken, ob Du das wirklich so verstehen kannst, wie wir das gesagt haben.


Nun ja, meine Gefühle brauche ich nicht zu verhätscheln, die spucken mir in die Suppe, ob ich will oder nicht und sorgen schon dafür, dass mir nicht langweilig wird.
Die sind, wie in dem Thread deutlich erkennbar ist, nicht das Allerbeste an mir und haben etwas Tyrannisches, dem schlecht beizukommen ist. Berechnend und kühl denken zu können, ist da wahrscheinlich notwendig.
Ob ich die Sachen so verstehe, wie ihr sie gemeint habt, kann ich natürlich nicht sagen, aber irgendwie verstanden habe ich sie auf jeden Fall und gutgetan haben sie mir auch.
Es geht bei so etwas hauptsächlich ums drüber reden, denke ich.


Zitat
Mal ´ne ganz doofe Frage: Hast Du mal irgendeine Art von IQ - Test oder so gemacht?


Nö.

Zitat
Da war ein mensch, ein Mann , der, wenn ich das richtig verstanden hatte, auch schon mit 23 sein Diplom in Mathe - und Physik gerade machte.
Dr hat dann auch von einem Tag auf den anderen alles hingeschissen


Das kann ich gut nachvollziehen. Ich für meinen Teil werde nach dem Diplom aber erstmal versuchen, als Doktorandin unterzukommen und diesen Status lange, lange beizubehalten: nach Halbzeit Thema wechseln, dann mit dem Professor nicht mehr klarkommen und Lehrstuhl wechseln etc. . Ohne besondere Vorgaben herumforschen, zwischendurch ein paar Studenten unterrichten und ein paar hundert Euro dafür kriegen - ich weiß nicht, wie lang man das hinziehen kann, aber ich glaube, das wäre erträglich.



Zitat
Was mich noch interessieren würde, und ich versuche das mal in Deiner Denkweise auszudrücken:
Fehlt Dir das Axion, was Dein Leben ausmachen soll, oder bis Du ganz einfach an einem Punkt angekommen, wo Dir eine neue Definition fehlt, um weiterzukommen?


:) Nein, ich glaube, eine solche Sprechweise ist nicht nötig, ich bin das Kind eines Bäckers und eines Zimmermädchens, die mir normales Deutsch beigebracht haben (naja, ok, Hochdeutsch musste ich vom Fernseher lernen). Aber wenn du so fragst, glaube ich, mir fehlen die Axiome. Allerdings habe ich die im Grunde sicher, auch wenn ich es nicht weiß, denn irgendetwas tue ich ja.



@nightrainmonk

Hmm, ich habe schon einiges von Kafka gelesen und gern, aber dass er auch sowas Schönes geschrieben hat, habe ich gar nicht gewusst.


... - 11.9.2005 um 03:21

Okay, @Maria, das hört sich jetzt für mich alles schon leichter verdaulich an, als das, was in den ersten Postings alles rübergekommen ist.
Das ganze als kaberettistische Einlage zu bezeichnen, hat schon wieder ein gewisses Understatement, das ich auch heraushöre, wenn Du auf die bescheidenen sozialen verhältnisse hinweist, aus denen Du stammst und wieder etwas übervorsichtig, Dich für fast schon ganz durchschnittlich hälst.
Ich kann mich Dir da nicht ganz anschließen, aber letztendlich mußt Du das wissen.
Ich für meinen Teil bleibe von Deinen Talenten fasziniert. Das war ich aber immer von Menschen, die sich den Naturwissenschaften und der Mathematik zuwenden und dabei nicht das Denken über sich selbst und die Zustände, in denen sie leben müssen, vergessen.
Ich hab´den Widerspruch zischen der absoluten Zwangsmäßigkeit der Logik und dem tatsächlichen Leben nie ganz auflösen können und bin vielleicht auch deshlab irgendwann mal in der Oberstufe im Mathe - LK abgesackt bei Analysis.
Du gehst den Widerspruch zumindest nun noch bis zu einem gewissen Punkt weiter. Kompliment.


Ina - 11.9.2005 um 12:22

Hmm, da hast du was falsch verstanden, ich neige durchaus zu kabarettistischen Einlagen, aber das war keine.
Ich sagte auch nicht, dass ich durchschnittlich bin, ich halte mich durchaus für begabt, allerdings nicht für außergewöhnlich begabt und diese Ansicht stützt sich nicht auf Selbstzweifel, sondern auf Beobachtung.
Weißt du, wenn man 2 Jahre lang irgendwas studiert, kommen einem anderen die angelernten Dinge schnell mal wie Genialität vor.
Aber du darfst natürlich so fasziniert von mir sein, wie du willst ;)
Ach ja, und die Sache mit der Herkunft: ich wollte nur klar machen, dass die Putze mein natürlicher Platz in dieser tollen Gesellschaft ist ;)


Zitat
ich hab´den Widerspruch zischen der absoluten Zwangsmäßigkeit der Logik und dem tatsächlichen Leben nie ganz auflösen können und bin vielleicht auch deshlab irgendwann mal in der Oberstufe im Mathe - LK abgesackt bei Analysis.


Nun, nach allem, was ich bislang so von dir gelesen habe glaube ich, dass dein Problem Folgendes ist: du musst dir etwas vorstellen können, bevor du damit umgehen kannst - ist das richtig? Aber gleichzeitig willst du die Sachen durchaus verstehen (was dich davon abgehalten hat, es in Mathe wie die meisten anderen zu machen und einfach stumpf nach Kochrezept deine Kurve herunterzudiskutieren).
Und bei der Oberstufen-Analysis wird es eben das erste Mal mit der Vorstellung schwierig (infinitesimale Größen, Grenzwerte) und man muss langsam beginnen, nur mit Definitionen und bewiesenen Sätzen zu hantieren, um beim Umgang mit dem Unendlichen keine Fehler zu machen.


dian - 11.9.2005 um 20:39

Zitat
Das, was die neue Physik über die Welt zu sagen hat, kann für das Bild, das wir von uns haben, entscheidender und revolutionärer sein, als dieses ganze Soziologen- und Psychologengeschwätz. Sei froh darüber, dass dir naturwissenschaftliches Denken anscheinend relativ leichtfällt, und du da viel zu geben hast. Leute wie ich haben leider noch gedacht, wir könnten unsere Probleme lösen, indem wir Adorno lesen und danach als Schafhirten in den Pyrenäen die Weltrevolution vorbereiten...

hmm... was hat die "neue Physik" denn über die Welt zu sagen, dass es deiner Meinung nach so eine tiefgreifende Bedeutung haben könnte?
Naturwissenschaft braucht man meiner Meinung nach eher dafür, Raketen zu bauen oder Krankheiten zu heilen. Aber auf der Suche nach uns selbst hilft sie irgendwie nicht. Ich meine, ob die Welt nun durch nen Urknall entstanden ist oder von welchem Tier wir nun genau abstammen... das ist sicher ganz nett zu wissen, doch was ändert es denn grossartig?
Man sollte nicht den Fehler begehen, mit Rationalität und Logik alles erklären zu wollen.


Ina - 11.9.2005 um 22:57

Zitat
An einem neuen Weltbild mitzuarbeiten macht aber bestimmt mehr Spaß, als Depressionen durch Sport und kaltes Duschen zu bekämpfen


Tja, das würde mir glaube ich Spaß machen, wenn man mich ließe. Nur macht die gute Profitgier nirgens halt, ursprünglich ging es mal darum, die Welt zu verstehen. Jetzt hingegen will man nur irgendwelche technischen Anwendungen aus der Natur herausquetschen. Da ist es kein Wunder, dass die meisten Naturwissenschaftler in der Industrie landen und viele andere, so wie @dian, generell nicht viel von der Naturwissenschaft halten.


Zitat
Man sollte nicht den Fehler begehen, mit Rationalität und Logik alles erklären zu wollen.


Diesen Fehler schafft man nur mit solider Halbbildung, denn dazu sind die meisten Dinge schlicht zu kompliziert - es gibt 5 Probleme, die die Physik exakt lösen kann, der Rest sind Näherungen - und andere Dinge sind gar nicht richtig fassbar und das sind dummerweise meistens die, die einen wirklich etwas angehen.

Die interessanteste Aussage der neuen Physik steckt meiner Meinung nach in der Quantenmechanik: dass die Welt nicht so ist, wie man glaubt, ja dass sie sogar im Grunde unvorstellbar ist und die Frage, was Wirklichkeit ist, nicht bloß eine philosophische Spitzfindigkeit sondern ein echtes, tiefgehendes Problem ist.
Da ist eine Wellenfunktion, die eigentlich gar nicht da ist, die aber trotzdem alles bestimmt. Die Begriffe Ursache und Wirkung haben keinen richtigen Sinn mehr, da ist nichts, das was anderes stößt, das dann wegfliegt, sondern das System entwickelt sich einfach. Etwas genau zu berechnen ist in der Regel unmöglich, denn man bekommt nur Wahrscheinlichkeiten, die Welt ist auf unbegreifbare Weise zerflossen, man muss sie stören, damit man etwas genaues sieht.


Gut, und für alle, die jetzt auf eine peinliche Folgerung für das persönliche Leben bestehen: Ich und du, wir müssen nichts Konkretes sein - zumindest nicht, wenn niemand hinsieht - etwas anderes wäre sogar unnatürlich, man muss sich nicht verstehen, nichtmal ein kleines Elektron weiß, wo es als nächstes hinkollabiert - also.


Klar, wirklich notwendig ist dieses Geschwätz auch nicht, aber was ist das schon.


... - 12.9.2005 um 05:30

@Maria:
Erstmal noch mal ein Kompliment, welche Fähigkeiten meine Abstrahierungskünste bedingen hast Du gut erkannt. Das fiese war aber imer nur, ich dachte bis dato, ich könnte abstrahieren, weil die ganze Alegebra ja auch relativ abgehoben betrachtet werden kann.
Ja und dann kommt eben das Problem dazu, daß ich dann in Chemie - LK auch kennengelernt habe, was Du da beschreibst. Irgendwann kommen einem Zweifel auch an der Logik und auch an dem Modell, mit der man als NWler oder Mathematiker arbeitet. Wir haben zwar im Chemie - LK nicht gerade Quantenmodelle gemacht, aber auch die organische Chemie hat schon einige Rätsel zu bieten, die nur mit relativ zurechtgebogenen Modellen erfahren werden können.
Es ist eben alles ein Modell. Die populärwissenschaftlichen Berichte, die ich aus der Quantenmechanik schon mitbekommen habe, sind auch bei mr so der Punkt, wo mir selbst die Logik keinen Haltepunkt mehr gab.
Als konservativer Mensch, der in solchen Momenten in die Ruhe seiner Kindheit flüchtet, wo das Leben noch so einfach war, habe ich dann eben das gemacht, was bestimmt nicht die Lösung sein kann und habe mich auf Theologie besonnen, nach dem Motto: Wenn vielleicht wirklich jede Herleitung und jedes Verständnis, was woir von der NW hatten seit spätestens der Aufklärung erstmal in eine völlig falsche Richtung gegangen ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht größer, daß die Logik recht hat als wie , daß es einen Gott geben sollte. Zumindest sind vielleicht unsere Gründe, nach einer Endlichkeit zu suchen, völlig daneben.
Wie gesagt, daß war mein Weg auf diese doch sehr schockierende Tatsache für mich zu reagieren, daß das auch alles ganz anders geht.

@Nightrainmonk und @Dian:
Ich sehe eher den Vorteil in den Naturwissenschaften schon noc immer in der Weiterentwicklung. Mir ist zum Beispiel neulich aufgefallen, daß man niemals berücksichtigt hat, daß eine Planwirtschaft heutzutage schon viel eher funktionieren könnte als früher. Wenn jeder seinen Netzanschluß und Pc hat, dann kann man doch einfach durch die neue Datentechnik den Bedarf erfassen. Dann ist kein Markt mehr nötig, um die Bedürfnisse zu regeln oder überflüssige zu produzieren. Den Einsatz neuer Techniken zum Wohle der Bevölkerung scheint insgesamt noch immer nicht sehr ausgeprägt zu sein. Insofern hat @Maria natürlich Recht, wenn sie darauf hinweist, daß es nicht an ihr liegt, wie diese Erkenntnisse, die sie sammeln wird, genutzt werden. Auch bei freien Forschen an einer Universität oder an einem staatseigenen Institut steht zumindest in einem kapitalistischen system der Staat dahinter und nutzt die Erkenntnisse nicht unbedingt für den Fortschritt in der Bevölkerung.


... - 13.9.2005 um 02:53

Daß dies nicht das Hauptproblem der Planwirtschaft war, weiß ich auch, schon gar nicht vom real existierenden Sozialismus, aber es taucht immer wieder als Argument auf, daß diese Staaten nicht in der Lage gewesen wären, die Bedürfnisse der Brger zu befriedigen.
Lassemn wir mal dahingestellt, ob das überhaupt sachlch korrekt ist, aber als Gegenargument für die freie Marktwirtschaft muß man es doch gelten lassen.
Sei nicht immer gleich so zynisch. Natürlich ist da ein bißchen Star treck mit drin, das gestehe ich ja auch ein, allerdings sage ich auch, daß es eine schöne Utopie für mich wäre.
Man muß doch auch nicht, um seine Bedürfnisse an den Markt kundzutun auf die Straße gehen. Es ist ja wohl kaum alleine der Sinn der menschliche Kontaktaufnahme nur seine Konsumbedürfnisse zu befriedigen.
Es ist tragisch genug, daß das System eh´schon zu einer Vereinsamung führt. Die Probleme sind vielleicht da, aber sie können mit Sicherheit anders gelöst werden, als durch eien Verzicht auf Planwirtschaft. Die halte ich erstmal für einen kommunistischen Staat auch für unverzichtbar.


... - 14.9.2005 um 03:17

Ich weiß so ungefähr, was Du meinst, aber das sollten wir vielleicht mal, wenn es die Zeit irgendwann erlaubt, in einem Extra-Thread machen.


hopeless - 15.9.2005 um 03:37

(markt und bedürfnis sind doch auch viel zu beeinflussbare und dehnbare begriffe, um die verschlüsselt durch leitungen jagen zu können.. )

ich hab mir eben auch mal die zeit genommen, das hier zu lesen und war doch halbwegs erstaunt, wie manche von meinen "gedankengängen" schriftlich aussehen. deshalb hats mich auch ein klein wenig gewundert, dass maria sich die mühe gemacht hat, die situation so detailliert zu beschreiben :] interessant das alles hier. ich hatte das gefühl, das es bei den stellen über das zurechtkommen mit der eigenen unfähigkeit und schwermütigkeit ein stück richtung nietzsche ging, obwohl ich davon nun wirklich zu wenig ahnung hab. .. so von wegen jeder ein hilfloses (->schuldloses) teil des ganzen..
zu der diskussion um die wissenschaften: abstrakte modelle funktionieren meiner ansicht nach sowohl in geistes- als auch in naturwissenschaften nur deshalb, weil sich in systemen, die groß genug sind, die fehler und unberechenbarkeiten noch ganz gut ausgleichen. außerdem schwinden die unterschiede zwischen den beiden "disziplinen", je mehr man ins detail geht. genauso wie die medizin eigentlich nur ne empirische wissenschaft ist, löst sich greifbare realität spätestens bei der vorstellung von nem photon in "glauben" auf.man kann dann die "gott-bremse" ziehen, oder es sein lassen.. egal.
ach und bla.. gab viele stellen wo ich evtl noch was zu gesagt hätte, aber kommunikation ist zu 90% nur schwanzverlängerung und die hab ich grad nicht so dringend nötig ;)

How can it mean anything to me
If I really don’t feel anything at all?

I’ll keep digging till,
I feel something.
(aus tool - stinkfist)


hopeless - 15.9.2005 um 16:09

naja.. nimm mal schwanzverlängerung als erhalten oder verstärken des eigenen selbstwertgefühls. dann fällt das geschlechterproblem weg. und als nächstes überlegt man sich, welcher anteil des gesamten laberns sich um andere menschen dreht bzw den eigenen umgang mit dem sozialen umfeld usw.
und dann behaupte ich einfach mal, dass der grund allen übels nicht der gartenschlauch sondern die profilierung der eigenen persönlichkeit im wettbewerb mit allen anderen ist. schon die fähigkeit dazu, belanglosen quatsch über bekannte auszutauschen, spricht doch dafür, dass man dazu in der lage ist, die wechselbeziehung zu anderen menschen zu überleben oder so :D und je besser man es versteht, dem anderen subtil und meist auch selbst unbewusst beizubringen, dass die eigenen gedankengänge und sowieso das eigene leben viel geiler ist, umso länger wird der schwanz. oder doch nicht? aber ja doch. die argumentation ist zu hohl aber evtl versteht man, was ich meine.


... - 16.9.2005 um 01:59

Was spräche denn gegen große Schwänze und Selbstwertgefühl?
Sorry, was anderes fällt mir gerade dazu nicht ein!
Ich finde die Diskussion jetzt überflüssig.


hopeless - 16.9.2005 um 04:22

ohne lustig zu assoziieren macht das dumme gerede doch nur halb soviel spaß..