
Also zunächst mal: Musik ist mir wirklich wichtig, und ohne den passenden Soundtrack zu meinem Leben würde mit definitiv etwas Essentielles
fehlen.
Aber ich finde, dass man es auch übertreiben kann...
Wie beispielsweise dieser "freundliche" Schwarzmetaller, dessen Interveiw in einem anderen Thread verlinkt war, der sich in Rage redet, weil viele
Gruppen seiner Meinung nach die Ideale des Black Metal verraten haben.
Ich meine, ok, vielleicht haben sie das ja.
DJ Bobo hat meines Erachtens auch die Ideale des Eurodance verraten und ist mitschuldig daran, dass diese Musik heute nicht mehr in Clubs, sondern nur
noch auf Kindergeburtstagen gespielt wird. Aber renn ich mit dieser Erkenntnis jetzt überall rum, gebe Interviews und versuche andere fast
missionarisch von der wahren Essenz des Eurodance zu überzeugen?
Nein, mache ich nicht. Weil das einfach nur hochgradig lächerlich wäre.
Und Peter Maffay hat übrigens den Deutschen Schlager verraten. Ist auch eindeutig zu belegen, aber jedem, der sich akribisch damit beschäftigt, die
Anhaltspunkte für diesen Verrat zusammenzutragen, würde man vermutlich eine leichte Form von Geisteskrankheit diagnostizieren, weil das einfach
total blödsinnig ist,seine Lebenszeit mit so einem Quatsch zu verschwenden.
In HipHop-, Alternative- und Metalkreisen scheint es hingegen ganz normal zu sein, sich eine Menge Gedanken über solche Dinge zu machen. Die Bands
streiten sich darum, wer den ehrlicheren HipHop macht, welcher Metal noch "true" ist und ab wann kommerzieller Erfolg verachtenswert ist... und
viele Fans lassen sich davon anstecken und machen mit, in dem sie die Musik, die sie gut finden, geradezu fanatisch überhöhen und oft auch eifrig
dafür werben, als ginge es darum, den Glauben an eine neue Religion auf der Welt zu verbreiten.
Fanliebe hin oder her. Streng logisch betrachtet ist Musik doch nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Tönen, die von unserem Gehirn als
"wohlklingend" empfunden werden. Und ich würde sogar sagen, dass in den Tönen an sich die wenigste Bedeutung liegt. Der Großteil der Bedeutung,
die Musik für uns hat, wird erst von uns selbst in diese Musik hineingelegt.
So empfindet DocBenway beim Hören von manchen Black Metal-Sachen beispielsweise tiefe Einsamkeit und glaubt, die finnischen Wälder sehen zu können.
Aber ich bin mir sicher: Wenn meine Oma diese Musik hören würde, würde sie dabei etwas ganz anderes empfinden. Vielleicht würde sie nur eine
Gruppe verhaltensgestörter Insassen einer Irrenanstalt vor sich sehen... jedenfalls keine ruhigen, verlassenen Wälder.
Oder nehmen wir mich als Beispiel... in vielen Songs, die mancher Kritiker nur als "hirnlosen Stampf-Techno" bezeichnen würde, erkenne ich schöne
Melodien, faszinierende Synthesizer-Klänge und perfekt aufeinander abgestimmte Harmonien.
Mein Musiklehrer wiederum hat uns mal irgendwas Klassisches vorgespielt, und saß dabei verträumt mit Tränen der Rührung in den Augen vorne an
seinem Pult... während wir auf den hinteren Bänken "Schiffe versenken" gespielt haben, weil uns die Musik nicht mehr gegeben hat als das
Hintergrundgedudel im Aufzug eines durchschnittlichen Kaufhauses.
Will sagen: Wir Zuhörer sind es, die der Musik erst ihre Bedeutung geben.
Mathematisch mag man sicherlich berechnen können, dass manche Melodien komplexer sind als andere. Aber nicht jede komplexe Melodie wird automatisch
auch als "genial" empfunden. Die Genialität legen erst wir in die Musik, in dem wir mit den Klängen bestimmte Bilder, Erinnerungen und Gefühle
verbinden.
Genau deshalb erscheint es mir auch so lächerlich, wenn nun überall gedisst und in "gute Musik" und "böse Musik" unterteilt wird. Denn
genaugenommen streiten die Fans gar nicht für die Musik, sondern nur für das, was sie mit dieser Musik verbinden... also quasi für die chemischen
Reaktionen, die in ihrem Gehirn beim Hören dieser Musik ablaufen. Dafür bewerfen sie sich verbal mit Dreck, prügeln sich, und was weiß ich was
noch alles. Und wozu?
Doch letztlich nur, um sich dadurch, dass man die "einzig wahre Musik" hört, selbst zu erhöhen... genau so, wie sich ein Christ dadurch für etwas
Besseres halten kann, dass er ja den "einzig wahren Willen Gottes" kennt und befolgt, im Gegensatz zu den armseligen Ungläubigen.
Ich kann sie jedenfalls alle nicht mehr ernst nehmen, diese intoleranten "Meine Musik ist der Wille Gottes"-Fundamentalisten, diese ganzen
selbsternannten Kritiker, die sich im Netz und in der Realität tummeln, und die ausufernden Diskussionen in diversen Foren (nicht hier, aber
anderswo) darüber, wer wann welche Musik erfunden oder verraten hat.
Das hat nämlich alles mit der eigentlichen Musik nicht mehr das geringste zu tun, es geht nur noch um Selbstdarstellung und Wichtigtuerei.
Zugegeben, ich bin auch nicht immer der Toleranteste... so können meine Ohren beispielsweise mit Soul und R`n`B-Musik absolut null anfangen. Da habe
ich immer nur den Eindruck, die stechen gerade ein Schwein ab, wenn ich eine von diesen schwarzen Schnepfen singen hören.
Aber wie gesagt, in einem anderen Hirn, das auf eine andere Weise sozialisiert worden ist, lösen diese Geräusche vermutlich ganz andere Empfindungen
aus.
Das respektiere ich. Das heißt, ich finde manche Musik trotzdem furchtbar, aber ich käme jetzt nicht auf die Idee, beispielsweise ins Roger
Cicero-Fanforum zu gehen und da rumzupöbeln, wie man so eine Scheiße nur zum Eurovision-Song-Contest wählen konnte, oder dieser Musik gar ihre
Existenzberechtigung abzusprechen.
Wenn auch nur einer ist, der damit was anfangen kann, dann hat die Musik ihre Existenzberechtigung. Sogar dann, wenn es nur der Künstler selbst ist,
dem seine Musik etwas gibt. Für solche Fälle gibts ja zum Glück Ohropax. 
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Ach, diese Diskussionen gibt es schon seit Hunderten von Jahren.
In der traditionellen Musik kenn' ich das von den Wagnerianern und deren Gegnern (Offenbach oder Brahms).
Knapp 150 Jahre später leben die auch ganz friedlich zusammen, mal davon abgesehen, wenn man in Israel Wagner spielen will.
Das hat aber eher was mit dem ideologischen Missbrauch von Wagner durch die Nazis zu tun, also auch wieder mit der Erhöhung einer Musik zu einer
Religion, die die Bevölkerung eines ganzen Staates mittragen sollte.
Alles kann als Religion dienen, das dich dem Kosmos öffnet.
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Tjaja, ist schon seltsam, das alles. Oft (wie auch bei mir) ist das mit der Musik ja auch so, dass man als Jugendlicher anfängt, sich besonders mit
Musik zu beschäftigen und "seinen Stil" findet, und da glaubt man schon mal gerne, dass man so und so sein muss, wenn man eine bestimmte Musik
hört (oft will man aber dann auch so sein
), was sich oft sehr tief in die
eigene Person hineingräbt. Ne ne, wenn man heutzutage die ganzen Kiddie-Metaler mit ihren kurzen Haaren sieht... :D
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nur bringt das erwähnen von offensichtlichkeiten in einer diskussion wirklich nichts.
Auch wenn ich fast jeden Satz des Ausgangspostings unterschreiben würde...irgendwie kann ich die Black Metal Underground-Pandas, die in den 70ern
steckengebliebenen Oi!-Punks und sogar die Gangster-Hopper, die über den Aggro Berlin-Kindergarten lästern, alle durchaus verstehen. Es ist eben so,
dass manche Menschen aus Musik und dem was darum herum entsteht, einen manchmal nicht unerheblichen Teil ihres Selbstbilds beziehen (schon Denker wie
Plato und Franz-Josef Strauß wussten ja, dass mit neuen Rhythmen immer auch ein neues Lebensgefühl entsteht).
Find ich auch nicht verwerflich, sich über den Kontakt mit äußeren Einflüßen selbst zu finden bzw. selbst zu behaupten. Ich bilde mir selbst gern
ein, dass einige Songs mein Leben entscheidend verändert haben. Und ja, ich fühle mich bis heute zum Widerspruch animiert, wenn jemand behauptet,
dass Kurt Cobain ein Popstar oder norwegischer Black Metal die Musik gehirnamputierter Brandstifter war. Einfach weil damit auch ein (wenn auch
inzwischen sehr kleiner) Teil von mir selbst in Frage gestellt wird.
@MAUS: wenn ich dein Selbstbild als "Anarcho Punk" gelesen und dich daraufhin als Green Day hörende Gymniasiastin mit PLO-Tuch eingeordnet hätte,
nur weil alles was mir bisher unter diesem Etikett begegnet ist, in diese Schublade fällt, hätte dich das dann gestört, amüsiert oder einfach nur
Kalt gelassen? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist...mich würde es auf jeden Fall stören, wenn man mich mit dem assoziiert, was MTV aus "Grunge"
gemacht hat oder wenn ich als Black Metal-Hörer in eine Ecke mit 13-jährigen Slipknotfans gestellt werde. Deswegen bin ich prinzipiell auch bereit,
darüber zu diskutieren, ob ein bestimmter Künstler noch den ursprünglichen Geist einer Musikrichtung repräsentiert. Mag sein, dass ich eine
Ich-schwache Persönlichkeit bin, aber manche musikalischen Strömungen haben mich eben genau im richtigen Moment erreicht, so dass ich mich einfach
mit ihnen und mit dem was daraus wird verbunden fühle.
Wer innerlich schon sehr gefestigt ist (oder wichtige Puzzlestücke seiner Persönlichkeit einfach aus anderen Quellen als der Musik bezogen hat), der
hat es natürlich gut und kann Musik einfach nur der musikalischen Qualität wegen hören...aber lass uns doch unsere Grabenkämpfe @dian, in 15
Jahren bin ich eventuell auch reif dafür, Künstler wie A-Ha, Joachim Witt, Kate Bush, Public Enemy oder Tori Amos, die ich schon jetzt gut finde
bzw. bewundere, zum Soundtrack meines Lebens zu machen und trotzdem ein stabiles Selbstbild zu haben...bis dahin brauch ich halt meine musikalischen
Weggefährten wie du vielleicht mal Heroic Bloodshed-Filme gebraucht hast.