
Hallo zusammen,
ich möchte nun versuchen mich aktiv in diesem Forum zu beteiligen. Ich bin schon im Frühsommer auf theunity aufmerksam geworden und habe in dieser
Zeit das erste Buch von Dian gelesen. Erst aber seit drei Wochen schaue ich nahezu einmal am Tag ins Forum und habe sehr interessiert auch die
früheren Beiträge gelesen. Stets bin ich von Gedanken erfasst, welche Chancen ich mal wieder verstrichen gelassen habe aktiver zu werden und ich bin
jetzt entschlossen, gestärkt durch das was ich hier sehe, mein Inneres wieder an Menschen zu wenden in der Hoffnung endlich verstanden zu werden.
Ein wichtiger Grund, dass ich oft auf Missverständnis stoße ist vielleicht, dass ich nur schlecht das ausdrücken kann was ich denke und dass mir
oft die Umstände dazu nicht geeignet erscheinen. Ich bitte deswegen um Nachsicht und Wohlwollen, wenn ich mich auf meine Art jetzt an Euch wende :
Ich denke, dass ich mich momentan in einer Lage befinde, in welcher ich mich genau festlegen muss wie ich überhaupt die nächsten Monate weiterkommen
soll. Es droht tatsächlich die Gefahr zu resignieren.
Zu meiner Lage : In der Gesellschaft werde ich als Geographie-Student, Geographie auf Diplom (bitte kein Lehramt !- das wird immer oft dem Fach
zugeordnet- das wäre für mich zu systemstabilisierend, würde mich weggeschlossen vorkommen, oft würde ich an Enttäuschungen an meine Schulzeit
erinnert werden, die mich auch heute nachprägen). eingestuft. Manchmal sage ich selber : ``Ich bin Geographiestudent´´- und das ist doch immerhin
noch was wenn man sich mit ner Rolle identifizieren kann. Geograph ist neben Schriftsteller/ oder Künstler die einzige offizielle Berufsbezeichnung
mit der ich zufrieden wäre. Bisher war ich trotz vieler Enttäuschungen (oft Massenabfertigung, überlastete Kapazitäten, Langeweile) recht
zufrieden mit dem Studium. Komme jetzt in das 5. Semester.
Aber wenn ich die Lage reflektiere sage ich mir immer intensiver dass alles ziemlich scheiße verlaufen ist. Ich werde jetzt sicher noch mehr
herumschwafeln, will kurz auf den Nenner bringen was ich denke : Meine Werte werden von außen angegriffen und ich besitze weder den Willen und die
Fähigkeit meine Werte neu anzupassen eher noch ganz aufzugeben und gegen fremde Elemente auszutauschen, mit denen ich gar nichts anzufangen weiß.
Vielleicht kann ich Euch darlegen welche Werte für mich wichtig sind und warum es so seltsam sein kann dass diese, von denen ich immer meine, dass es
sich um wahre, für das gesamte Leben bestimmte Ziele handelt, nun für ein Weiterexistieren im Weg stehen werden.
Fakt ist, dass ich mich in einer ewigen Einsamkeit durchs Leben bewege. Während ich mich in der Grundschule noch voll geborgen fühlte und die ganze
Klasse mit mir befreundet war , änderte sich dies mit der 5. abrupt. Ich spürte eigentlich genau mit wem ich gerne eine echte Freundschaft erleben
wollte. Es kristallisierte sich gar eine Clique heraus, genau mit den Menschen die ich interessant fand. Mit Klassenvermischungen und Neuzugänge
kamen später zwei, drei weitere hinzu , welche auf mich schon Jahre zuvor eine Anziehungskraft ausübten aber mit dem ``Vierer-Kern´´ bis dahin
nichts zu tun hatten. Ich selbst geriet in eine zumindest zeitweilige, phasenweisen Außenseiterstellung. Ich war zu schüchtern und fiel gerade
deswegen bei ihnen durch. Später wurde ich dann aufgenommen, jedoch kam es zu Anforderungen, in denen ich mich zu arg als Mitläufer gefühlt habe.
Auch war es zu spät um den Motorradführerschein, ein wichtiges Bindeglied zwischen ihnen, zu machen. Grund war vielleicht auch dass ich in einem
eher unvorteilhaften Nebenort wohnte, der sehr abgelegen war. Heute erkäre ich es mir auch damit, dass - dies wird sich jetzt ziemlich plump
anhören- derfalsche Identitäten produzierende Kapitalismus schuld ist. Er ist in diese Konstellation eingedrungen und hat im Laufe der Schulzeit die
von mir verehrten Menschen geprägt. Natürlich bin auch ich geprägt worden, aber es wurden nun in der Clique auch gesellschaftliche von der
Identitätsindustrie erschaffene, aber ja anscheinend altersgerechte und psydorebellische Konventionen aufgenommen. Dennoch bewahrte die Clique eigene
Werte, vielleicht auch dass weit verbreitete Auffassungen, möglichst cool zu sein, hier gemeinsam verwirklicht wurden und man nur wenig auf
außerhalb stehende Personen Wert legte. Ab der 10./11. Klasse fühlte ich mich als einer von ihnen, auch wenn mir und uns allen meine `` Defizite´´
klar vor Augen lagen. So wurde ich als Lehrling begriffen, vielleicht auch als Tollpatsch, an dem noch viel herumgeschliffen werden muss damit er der
coolen Ästhetik entspreche. Doch immer mal wieder gefiel mir was nicht und ich zog mich für kurze Zeiten zurück. Auch war die Clique im Ort
ziemlich beliebt und auch andere drängten vehement hinzu. Es war zu spät und ich versuchte vergeblich meinen Beitrag für die Gruppe zu leisten.
Vielleicht wa diese Form als Gruppe für mich zu kompliziert, da ich auch auf tiefgründigere Zweierkonstellationen innerhalb dieser aus war.
Schließlich anerkannte ich dass ich die festen Strukturen, in denen ich nur ein geschätztes Anhängsel war, nicht zu stören habe.
Heute besuche ich Einzelne von Ihnen, nun in der Welt verstreut und z. T. mit Liebesbeziehungen ausgestattet, oder man trifft sich wieder in der
``Heimatstadt´´.
Als ich Ende 2003 mit dem Studium begann, brachte ich große Hoffnung mit endlich die wahre Freundschaft zu finden. Kurz zuvor intensivierte sich eine
Freundschaft mit jemandem aus dem Schuljahrgang- jedoch gerade erst während des Abiturs. Wir gingen gemeinsam auf Distanz zu anderen und hielten uns
auch von allen Abschlussfeten (ich war damals auch traurig darüber dass die Menschen, welche ich einst sehr schätzte so abstoßend geworden waren-
und wollte das nicht noch feiern- erst später dachte ich auch : War es auch Erlösung ? ) fern . Wir gingen im Wald spazieren oder saßen auf einer
Parkbank und redeten stundenlang, über all die Themen, welche uns beide sehr interessierten, Philosophie, Literatur, andere Mitmenschen,
Gesellschaft, Werte, Ideale, Geschichte. Heute studiert er jetzt nun auch in derselben Stadt , Philosophie.
Unsere Freundschaft hat sich aber erheblich verändert : Er ist mit seiner Materie der Philosophie oder mit Altgriechisch beschäftigt und nur alle
zwei Monate treffen wir uns um zwei Stunden rumzulaufen und zu reden. Aber immerhin telefonieren wir einmal die Woche. Er ist mehr jetzt ein
väterlicher Freund, er fragt mich oft so etwas wie ``Und wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor ?´´ und erkundigt sich nach meinem Studium. Und das
nervt. Auch habe ich das Gefühl ihn intellektuell manchmal nicht zu verstehen. Ich schätze ihn sehr , er hat mir viel geholfen. Jedoch fehlt mir
etwas. Ich brauche auch jemand mit dem man auch herumhängen, etwas abheben kann.
An der Uni war es erstmal nicht einfach Leute überhaupt näher kennenzulernen. Es läuft am Anfang nach dem Zufallsprinzip mit wem man das erste
Referat, die erste Hausarbeit zu schreiben hat. Wenn das im ersten Semester nur Leute sind, mit denen man sich nur ein netten Kommilitonenverhältnis
vorstellen kann wird es schon kritisch. Im zweiten Semester war nicht viel zu tun und ich lernte einen Kommilitonen kennen, der aber schon viele
Freunde in seiner Heimatstadt hatte und schon mit einer anderen Gruppe fest verbunden war, so dass wir nur ein gutes Team in einigen Seminaren waren.
Im dritten Semester lernte ich jemanden kennen, der mit seiner Freundin und zwei anderen Freunden eine Winternachtwanderung machte und mich dazu
einlud. Es war eine schöne Nacht, als wir 30 km auf der Schwäbischen Alb durch die einen Meter mächtige Schneedecke wanderten. So viel Freude habe
ich selten gespürt. Es war etwas anderes als wenn man nur allein durch einen nächtlichen Wald läuft. Aber kurz darauf verstreuten sich alle, z.
Bsp. zu Praktikas auf anderen Kontinenten und ich hoffe dass es im Herbst wieder eine Wanderung gibt.
Ein großer Traum war immer schon nach Island zu reisen. Ich wollte aber mit Menschen, die mehr nahe stehen, dahin gehen. In dem Sommer vor
einem Jahr reiste ich alleine hin mit der Enttäuschung, dass zwei, drei Freunde aus der Schulzeit nicht dabei waren, obwohl ich dass als Versuch der
neuen Festigung oder einem gelungenen Ausklang der Freundschaften verstand. So lief ich zehn Tage alleine auf der Ostseite herum, konnte nicht viel
unternehmen weil ich nur zu Fuß und mit dem dortigen Bus unterwegs war - und alleine war- ohne ausreichende Trekkingerfahrung. So erlebte ich zwar
schöne Landschaftserlebnisse und ergreifende Eindrücke, aber es war alles von dem faden Geschmack umwoben, dass ich mit jemand weiterem mehr erlebt
hätte. Ich rede eigentlich heute gar nicht mehr gern von der Reise. Nun komme ich aber zu den Werten, die ich angriffen sehe. Ich studiere
Geographie , daraufhin bezogen später in die Privatwirtschaft zu gehen. Ich weiß aber nicht wie ich da eine mir sinngebende Aufgabe finden werde.
Ein kleines Beispiel, das sich sicher lächerlich anhört : Im Winter arbeitete ich in einem Geographie-Geländepraktikum in Metzingen, für die
Stadt, eher doch für Hugo Boss. Wir mussten nen Fragebogen entwickeln, und befragten drei Tage lang Fabrikverkaufsbesucher in diesen monströsen
Konsumtempeln. Mussten sie nach Herkunft, Einkommen, Schulbildung usw., also ziemlich marktwirtschaftlich orientiertes Zeugs bis auf ein paar Sachen
zur Stadt fragen. Wie angewidert ich bald war, vor allem aufgetackelte ältere Damen aus München anzusprechen und oft von den Businessmen abgelehnt
zu werden. Und dann der pöbelhafte Bürgermeister der Stadt, zigarrerauchend empfing er uns in Ledersesseln- ich fand es abstoßend wie eine ganze
Stadt sich zum Teil gegen den Willen ihrer Bürger verkauft und sie zu einem Disneyland mutieren lässt um den Standort für ein Unternehmen zu
sichern, das die SA- und SS-Uniformen entworfen und hergestellt hat und heute die Kadettenuniformen für BWL-Studenten (ich habe etliche befragt)
verkauft.
Standortanalyse ist eine Hauptaufgabe für Geographen geworden und meist sind der Raum und die Akteure vorgegeben. Man muss als Geograph sich den
gegebenen Verhältnissen fügen und das Nachhaltigkeisideal im Kompromiss mit den mächtigsten Akteuren, die schon gegenüber den Schwachen sich alles
herausholen, verwirklichen.
Da ist der einzige Erfolg nur der Kompromiss, damit die totale Ausbeutung in Schach gehalten wird.
Mein Studium lief so, dass bisher ich alle erforderlichen Seminare belegte und Exkursionen machte. Zusätzliches machte ich nicht, ich lernte nicht
wie die anderen eine weitere Sprache oder belegte irgendwelche Kurse für Zusatzqualifikationen, auch machte ich noch kein Berufspraktikum.
Die Uni kommt mir manchmal wie ne Sekte vor, alle tuen da so wichtig.
Also bin ich ziemlich unbrauchbar, im Februar mache ich Vordiplom. So habe ich bisher viel Zeit gehabt , v.a. trifft es auf die Sommermonate jetzt
zu,die man ja eigentlich schön mit Freunden gestalten könnte.
Aber ich bin nun allein und gebe mich meinen Gedanken hin. Ich suche immer noch das für mich vollkommene (literarische)Buch , die ganze Weltliteratur
habe ich durchsucht, letztendlich habe ich nichts gefunden, mit welchem ich mich identifizieren kann. Zwar weiß ich welche Schriftsteller ich
schätze, doch es ist immer nur eine Feuerstelle zum Aufwärmen um gleich weiterzuziehen. Vielleicht kann da jemand mir mit Empfehlungen
weiterhelfen. Bei der Musik ist es nicht viel besser, da denke ich dann darüber nach , dass ich sie gar nicht auf die ihr angemessene Weise erfassen
kann. Ich war die letzten drei Jahr nur noch zweimal im Kino , und habe in diesem Zeitraum wenig Filme gesehen und Fernsehen nur noch als
Randerscheinung bei anderen Mitmenschen wahrgenommen.
Mit dieser Askese kämpfe ich gegen die Tatsache, dass viele Menschen in meinem Alter nur noch ein Konglomerat an zusammengesteckten erkauften
Identitäten sind, d.h. Identitäten welche die Konsumenten durch ihre Aufmerksamkeit gegenüber kapitalistisch geschaffenen Marken aufgebaut haben.
So funktioniert natürlich Kultur mit einem gegenseitigen Austausch immer, aber heute arbeiten die meisten Künstler an ihren Werken nur noch mit dem
Hintergedanken wie sie den größten Profit und höchste Aufmerksamkeit erlangen ohne für ihr Werk und für sich zu leiden. Vor so intensiven
Konsumenten und ``Lifestyler´´, die z. B. als BWLer oder Werbekünstler auch noch für dieses System ihren Beitrag leisten wollen, laufe ich immer
gleich weg. Ich bin nun in der auswegslosen Situation, dass ich mit einer arroganten Haltung das Geschehen um mich wahrnehme.
Ich bin froh, dass ich Geographie studiere, da hier oft noch viele sympathische Menschen sind, aber ich sehe dann zu die Sachen in der Welt die mich
anwidern.
Mein tiefstes Problem : Ich habe nie echte Freundschaft gekannt und habe Angst deswegen nie dazu fähig zu sein.
Ich habe einfach wild drauf los geschrieben, und mehrmals den Faden verloren- ich würde mich einfach freuen, wenn jemand auf des hier reagiert.
Endlich mal wieder ein schön langer Beitrag...
ich bin mir sicher, dass da der eine oder andere was dazu sagen wird können.
So, wie sich das anhört, hast du dich bei deiner alten Clique ja schon ein wenig unter Wert verkauft...
Ich meine, ich kenn das natürlich auch, dass man sich zu gewissen Leuten hingezogen fühlt, weil sie irgendwas an sich haben, was einen fasziniert...
doch fast immer habe ich hinterher feststellen müssen, dass das, was ich bewundend in ihnen gesehen habe, etwas völlig anderes gewesen ist als das,
was sie dann tatsächlich waren.
Deinen Wunsch nach einer echten Freundschaft kann ich natürlich bestens nachvollziehen. Aber wenn du Unity1 gelesen hast, weisst du ja eh schon, wie
ich über dieses Thema denke, da brauche ich also nicht noch lang rumlabern.
Ist halt so ne Sache mit der echten Freundschaft...
je jünger die Menschen sind, umso offener sind sie in der Regel für Freundschaften. Je weiter sich dann die eigene Persönlichkeit entwickelt, desto
mehr Masken legen sie sich zurecht, und desto unüberwindbarer werden diese gewissen Grenzen, die bei einer "normalen" Freundschaft immer noch
bestehen bleiben, und die nur in einer "echten" Freundschaft, so wie du und ich sie haben wollen, endgültig fallen können.
Was ich sagen will: Menschen werden mit zunehmendem Alter in der Regel eher verschlossener und schwieriger. Dann noch eine neue Bindung aufzubauen und
diese zu intensivieren, ist zwar machbar, geht aber für gewöhnlich dann nicht mehr innerhalb von ein paar Wochen, wie das in der Schulzeit noch
möglich ist, sondern benötigt einen Zeitraum von vielen Jahren, um zu wachsen.
Dürfte also nicht einfach werden..
es sei denn, du findest jemanden, der dich braucht, und den du genauso brauchst. Eben so wie in meiner Story. Zwei Individuen, die aus
unterschiedlichen Gründen mit der Welt ihre Probleme haben, und die sich dann gegenseitig ergänzen und vervollständigen.
Naja, wenn ich den ultimativen Tipp hätte, wie man solche Leute findet, würde ich natürlich damit rausrücken. Fakt ist, dass ich wohl einfach nur
unverschämtes Glück hatte, so jemanden gefunden zu haben, und dass das anscheinend nicht beliebig reproduzierbar ist.
Was ich aber auch witzig finde:
stimmt das wirklich, dass Hugo Boss die SS-Uniformen entworfen hat? Hab mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie die entstanden sind und wer sich
das ausgedacht hat... Irgendwie dachte ich immer, die hätte Hitlers Oma auf ihrer alten Nähmaschine hergestellt. :D
Ach ja, und wenn du auf Nachtwanderungen auf der schwäbischen Alb stehst und in der Gegend bist, kannst du ja gerne mal mitkommen, wenn Killing Joke
und ich losziehen. Wir machen sowas schliesslich auch des öfteren, und zu dritt ist's allemal abwechslungsreicher als zu zweit.
Zum Beispiel mal nachts auf die Burg oberhalb von Bad Urach rauf... das stelle ich mir gerade irgendwie ganz nett vor. Wäre ja nicht so weit weg von
Metzingen.
Tja, @cirrus:
Ich kann nicht so ganz alles nachvollziehen, was Du schreibst.
Mir erscheint es so, daß Du sehr streng und auch sehr konsequent mit Dir umgehen möchtest. Ich wunderte mich schon, als Du schriebst, daß Du nicht
Lehramt machen wolltest, weil Dir das zu systemkonform ist.
Aber mit Geographie? Was willst Du denn da anderes machen als innerhalb des Systems zu arbeiten. Letztendlich sind wir alle in das System eingebunden,
auch der Stützeempfänger.
Hast Du den Wunsch nach einem autarken Leben?